Lenzburg

Die Schützen und ihr Spottlied — Wenn «Hudihudiha» durch die dunkle Nacht hallt

Dieses Bild hat Madeleine Baumann selber geschossen.

Dieses Bild hat Madeleine Baumann selber geschossen.

Der Joggeliumzug ist eine uralte Lenzburger Tradition. Und längst nicht so gfürchig, wie er aussieht. Präsidentin Madeleine Baumann gewährt einen Einblick hinter die Kulissen des alten Brauches.

Am Freitagabend um Mitternacht gehen in Lenzburg die Lichter aus. Weiss vermummte Gestalten werden durch die Altstadt ziehen, angeführt von einem Laternenträger. Im Beistellschritt schwanken sie von einer Seite zur anderen, der Fähnrich schwingt statt einer Flagge einen weissen Fetzen. Dazu singen sie ein Lied und ihr «Hudihudiha» hallt durch die dunkle Oktobernacht.

Mit dem Joggeliumzug pflegt die Schützengesellschaft eine jahrhundertealte Tradition. Um diesem vermeintlichen Spuk auf den Grund zu gehen, muss die Geschichte der Schützen ganz von vorne betrachtet werden. Sie sind der älteste Verein der Stadt, der 1464 als Bruderschaft St. Wolfsgang gegründet wurde. Der heilige Wolfgang war im ausgehenden 15. Jahrhundert gerade sehr angesagt, wie es in einem Beitrag in den Neujahrsblättern 1991 heisst.

Vereinspräsidentin, Chefin, Lenzburgerin: Madeleine Baumann präsentiert die Joggeli-Utensilien im Lokal der Schützen.

Vereinspräsidentin, Chefin, Lenzburgerin: Madeleine Baumann präsentiert die Joggeli-Utensilien im Lokal der Schützen.

Eine Bruderschaft hatte wichtige Aufgaben und Funktionen. Eine, dem reformatorischen Geist der Zeit geschuldete, war die Reorganisation des Kirchenwesens. Nach Jahren der Pest und wirtschaftlicher Not hatte die mittelalterliche Bevölkerung es satt, einer Kirche Abgaben zu machen, die sich nur ungenügend um ihr Seelenheil kümmerte und womöglich noch einen unfähigen Pfarrer stellte.

Die Kirche in die Stadt geholt

Nachdem der Bruderschaft zunächst der Altar in der Staufbergkirche geweiht worden war, schaffte sie es 1514, dass der Bischof von Konstanz der Lenzburger Kapelle ein Upgrade zu einer Pfarrkirche verlieh. Die Bruderschaft sorgte aber auch im irdischen Leben für ihre Mitglieder – das waren Männer und Frauen.

Die Bruderschaft war wichtig, denn sie bot Sicherheit und nahm wohltätige Zwecke wahr. Die Mitglieder unterstützten einander gegenseitig bei Krankheit oder Armut. Und es wurde geschossen. Zusammen zogen Männer und Frauen an Schützenfeste, wo sie auch kegelten oder Stein stiessen.

Und nun zum Joggeliumzug: Er ist Teil eines Totenkultes, den die mittelalterlichen Bruderschaften pflegten. Gemeinsam gab die Bruderschaft ihren Toten das letzte Geleit. Das ist die Grundlage. Doch wer beim Joggelilied genau hinhört merkt, dass es nicht so ernst gemeint ist.

Es macht sich lustig über katholische Bräuche und die damals herrschenden Machtverhältnisse. Und das nicht nur inhaltlich. Das Lied klingt mit dem Vor- und Nachsingen auch wie eine Litanei. Spätestens beim «Ite missa est», dem Entlassungsruf am Ende der heiligen Messe, wird die Ähnlichkeit unüberhörbar.

Katholiken machten beim Umzug nicht mit

«Joggeli kommt von lateinisch ioculari», sagt Madeleine Baumann, während sie im Vereinslokal die drei Glocken (für die Schällebuebe) und die Lampe (Stadtrat Martin Steinmann wird sie schwenken) aus einem Schrank holt.

Ioculari bedeutet scherzen, närrisch sein. Das kam nicht bei allen Schützen gut an. «Wir hatten katholische Mitglieder, die sich weigerten, beim Joggeli mitzumachen», sagt Baumann. Sie sieht das nicht so eng. «Das Joggelilied ist eine Aufmüpfigkeit gegen die weltliche und kirchliche Obrigkeit.»

Seit 2013 ist Madeleine Baumann Präsidentin der Schützen. Als keiner der Männer den abtretenden Präsidenten ersetzen wollte, übernahm sie das Amt. «Als Präsident mues mer chönne härestoh ond rede», sagt sie. Und wer Madeleine Baumann kennt, weiss: Das kann sie.

Die Geschäftsfrau, die mit ihrer Familie die Lenzburger Kinos betreibt, kann dazu noch schiessen – «ich bin eine gefährliche Schützin» – und wie aus der Pistole geschossen die Geschichte der Schützen mit sämtlichen Jahreszahlen rezitieren. Am Joggeliumzug «wagglet» sie nicht mehr mit, aber sie organisiert ihn.

Der Kofferraum ihres Autos, in dem sie am liebsten Mozart hört, ist schon jetzt bis oben voll mit Preisen. Der Joggeliumzug markiert das Ende des Schützenjahres, die besten Schützen werden ausgezeichnet.

Früher zogen die Schützen in diesem Aufzug und mit einem Sarg über den Aabach bis auf den Staufberg. Heute dürfen sie nach dem Marsch durch die Rathausgasse und dem Kontermarsch wieder ins Warme. Und den Zehnten an die Kirche muss nur abgeben, wer will. Hudihudiha!

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