Lenzburg
Die Polizei durchsucht die Praxis des umstrittenen Lenzburger Arztes

Ein Arzt ist wegen eines Sexualdelikts verurteilt, nun liegen weitere Strafanzeigen vor. Der Kanton hat gehandelt und eine Hausdurchsuchung in der Praxis des Arztes veranlasst. Für den Anwalt des Arztes ist die Hausdurchsuchung unverständlich.

Aline Wüst
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Es liegen mehrere Strafanzeigen gegen den Arzt vor (Symbolbild).

Es liegen mehrere Strafanzeigen gegen den Arzt vor (Symbolbild).

Keystone

Am Freitagabend fand in der Praxis eines Hausarztes in Lenzburg eine Hausdurchsuchung statt. In dieser Praxis ist nicht irgendein Arzt tätig.
Der Lenzburger war schon einmal in den Schlagzeilen, weil er eine an Bulimie erkrankte Patientin mit Sex therapiert hatte.

Dafür wurde er 2003 zu zwölf Monaten bedingter Freiheitsstrafe verurteilt. Er darf aber weiterhin als Hausarzt tätig sein. Letztes Jahr wurde dann ein fürsorglicher Freiheitsentzug angeordnet.

Der Arzt soll damit gedroht haben, sich umzubringen und andere mit in den Tod zu reissen. Der Arzt praktizierte nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik weiter.

Unverständlich ist das für seine ehemaligen Angestellten, seine Ehefrau sowie für Organisationen, die sich für Opfer von sexuellen Übergriffen einsetzen. Untätigkeit werfen sie dem Kanton in diesem Fall seit Längerem vor.

Für die Ehefrau des Arztes ist klar: Ihr Mann ist eine «tickende Zeitbombe». Seine Praxis laufe wegen des Imageverlusts schlecht, das sei finanziell belastend für ihn. Die Ehefrau hat Angst vor ihm. «Ich verlasse das Haus nur mit Messer und Pfefferspray bewaffnet.»

Mehrere Anzeigen eingegangen

Die Aargauer Staatsanwaltschaft bestätigt zudem, dass mehrere Anzeigen gegen den Arzt eingegangen sind. Eine davon wegen illegalen Medikamentenhandels.

Eingereicht hat sie ein Psychotherapeut und ehemaliger Praxiskollege des Arztes. Die andere Strafanzeige machte eine ehemalige Mitarbeiterin letzten Monat, weil der Arzt für sie Krankentaggeld eingezogen habe wegen eines Schleudertraumas, das sie nie hatte.

Mit der Hausdurchsuchung letzte Woche ist nun Bewegung in den Fall des umstrittenen Hausarztes gekommen. Elisabeth Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft, bestätigt auf Anfrage, dass die Hausdurchsuchung stattgefunden hat.

Es folgen noch weitere Einvernahmen

Weitere Einvernahmen würden zurzeit noch anstehen. Pikant: Die Hausdurchsuchung hat auf Intervention des Kantonsarztes stattgefunden, wie Balz Bruder, Kommunikationschef des Departements Gesundheit und Soziales, gegenüber der Aargauer Zeitung sagt.

Damit will Bruder auch die Vorwürfe entkräften, dass der Regierungsrat Täter und nicht Opfer schütze und die angekündigte verschärfte Aufsicht über die Ärzteschaft leere Worte seien. «Wir werden sofort aktiv, wenn wir Handlungsbedarf sehen», hält Bruder fest.

Für den Anwalt des Arztes ist die Hausdurchsuchung wegen angeblicher Waffengewalt unverständlich. Sowohl der Medikamentenmissbrauch, die Drohung wegen Waffengewalt und die Aussage, dass sein Mandant eine «tickende Zeitbombe» ist, seien bereits vor einem Jahr untersucht und widerlegt worden.

«Das ist ein Scheidungskrieg.» Der Ehefrau sei jedes Mittel recht, um ihrem Mann zu schaden.

Nur Regierung kann Täter stoppen

«Der Kanton muss handeln», sagt Dr. med. Verena van den Brandt von der Stiftung Linda, die sich für Opfer von sexueller Gewalt im fachlichen Bereich einsetzt.

«Die erste Handlung muss sein, die Täter sofort in der Ausübung ihrer angestammten Tätigkeit zu stoppen», sagt sie. Die strafrechtlichen Untersuchungen werde das Problem nie lösen können, dauerten sie doch meistens jahrelang.

Nur beobachten und nicht handeln schaffe neue Opfer. Sie fordert eine Meldestelle, die allen Hinweisen auf Übergriffe in fachlichen Beziehungen nachgeht Diese Stelle müsse direkt der Regierung unterstellt werden. «Nur die Regierung hat die Mittel, um die Täter zu stoppen.»

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