Zweimal Gold, einmal Silber. Diese Medaillen hat Nora Meister von den Europameisterschaften im Paraschwimmen nach Hause gebracht. An der Haustür in Lenzburg hängen mit Herzen und Bildern verzierte Plakate. «Super Nora», steht darauf. Vor der Tür steht ein wendig aussehender Rollstuhl. Doch als Nora die Tür öffnet, steht sie aufrecht da. Der Rollstuhl würde ihr im Haus auch nicht viel nützen, gleich nach dem Eingang führt eine Treppe unbarmherzig in den Wohnbereich. «Ich habe Arthrogryposis multiplex congenita», erklärt sie im Gespräch ihre Behinderung. Sie spricht jede Silbe deutlich aus. Geübt, nicht genervt. «Es ist eine Versteifung der Gelenke», sagt sie. Bei Nora sind vor allem die Beine von der Behinderung betroffen. Seit Geburt. Im Haus, wo sie mit ihren Eltern und den zwei jüngeren Brüdern wohnt, sind die Treppen mit zwei Geländern versehen, eines etwas niedriger, an denen sich Nora hochzieht. Ausserhalb des Hauses jedoch ist sie im Rollstuhl.

«Ich war immer die Letzte»

Ihr Oberkörper ist stark, das sieht man der zierlichen 15-Jährigen an. Sie schwimmt seit ihrem siebten Lebensjahr, anfangs hat sie ihr Vater trainiert, mit neun trat sie in den Schwimmclub Aarefisch Aarau ein. Die Sportart hat sie gezielt ausgewählt. Sie sucht den Wettkampf. «Ich habe mich umgeschaut und überlegt, in welchen Sportarten ich auch Chancen hätte», sagt sie. Die Antwort: Paraschwimmen. Das Ziel: die Paralympics. Im Umgang mit ihrer Behinderung ist Nora Meister pragmatisch. «Ich kenne nichts anderes», sagt sie. Schon früh wurde sie sich bewusst, dass sie nicht ganz gleich ist. «Die anderen Kinder konnten rennen und hüpfen. Ich war immer die Letzte», sagt sie – ohne Bitterkeit oder Bedauern. Ihren Eltern war wichtig, dass Nora so normal wie möglich aufwächst. Sie besuchte die Primarschule im Angelrainschulhaus. Dort gab es viele Treppenstufen. Und gute Freundinnen, die ihr den Rucksack getragen haben. Die Oberstufe absolvierte sie im Landenhof in Unterentfelden. Sie schiebt die langen hellbraunen Haare zur Seite und zeigt ihr Hörgerät.

Ein Erfolg nach dem anderen

In diesem August folgte ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Ziel. «Seit ich weiss, dass es eine Sportkanti gibt, war für mich klar, dass ich dorthin wollte.» Jetzt ist sie dort. Allerdings ist sie eine Woche und einen Tag später eingestiegen als ihre neuen Klassenkameraden. Denn sie fuhr mit der Schweizer Para-Schwimmdelegation nach Dublin, an die Europameisterschaften. Vorher war sie drei Wochen im Trainingslager auf der Lenzerheide. Das war ein grosser Teil der Sommerferien. Auch sonst bleibt neben acht Trainings pro Woche wenig Freizeit. «Aber ich schwimme ja gern, schwimmen ist Freizeit», sagt Nora Meister.

Schon auf der Lenzerheide wurde sie nervös, wenn ich an die EM dachte. «In Dublin musste ich eine ganze Woche warten bis zum ersten Wettkampf.» Noch mehr Zeit zum Nervöswerden. «Endlich schwimmen», hatte sie bei ihrem ersten Wettkampf gedacht. 100 Meter Rücken. Nora im Wasser, die Eltern zu Hause vor dem Livestream. Nach dem ersten Durchgang wusste sie, dass es reichen könnte. Der Final war für den Abend angesetzt. «Man geht zurück ins Hotel, isst und schläft», sagt Nora Meister. Und fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: «Ich konnte nicht schlafen.» Im Final schwamm sie allen davon – auch sich selber. «Ich erreichte eine neue persönliche Bestzeit», sagt sie. Das habe sie besonders gefreut. Doch damit nicht genug, auch bei ihrer zweiten Paradedisziplin, 400 Meter Freistil, gewann sie Gold. Wieder mit neuer persönlicher Bestzeit. Und auf 100 Meter Freestyle holte sie Silber.

Eine grossartige Leistung für die junge Schwimmerin. Auch mental. «Ich wollte, dass ich Spass habe», sagt Nora Meister. Es seien schon Wettkämpfe nicht so gut gelaufen, weil es im Kopf nicht gestimmt habe. Dieses Mal habe sie sich bewusst vorbereitet. «Ich darf nicht am Kopf scheitern», hat sie sich gesagt. Wie sehr der Kopf gefordert war, zeigte sich nach dem letzten Wettkampf, als sie von einer Migräne geplagt wurde. Doch zum Glück erholte sie sich schnell wieder und wurde bei der Ankunft in Zürich von einem Empfangskomitee von Familie, Verein und Bekannten begrüsst. Auch die neuen Schulfreundinnen und -freunde haben sie in Aarau herzlich empfangen.

Um an den Paralympics teilzunehmen, muss sie zuerst an die Weltmeisterschaften. Ob ihre Resultate der EM reichen, weiss sie noch nicht. «Die Limiten sind noch nicht herausgegeben worden», sagt sie. Neben dem Schwimmen ist ihr die Ausbildung auch sehr wichtig. «Sie kommt vor dem Sport», sagt sie. «Aber besser ist es, wenn beides zusammen geht.» Sie überlegt sich, Jura zu studieren. Momentan geht beides. Ausbildung und ihrem Ziel näherschwimmen.

Hier können das Final des 100 Meter Rückenschwimmen in Dublin sehen:

Nora Meister im Final des 100 Meter Rückenschwimmen