Weit über 1000 Protokolle hat Heinz Walti als Dürrenäscher Gemeindeschreiber verfasst. An keiner Gemeindeversammlung hat er gefehlt. Drei Jahrzehnte lang sass er mit dem Gemeinderat auf dem Podium, den Griffel gespitzt und vor sich einen weissen Block liegen fürs Protokoll.

Heute Abend nimmt er an der letzten Gmeind teil. Auf Heinz Walti wartet ein neuer Lebensabschnitt. Ende Monat geht er vorzeitig in Pension. Deshalb sitzt er heute zum ersten Mal woanders. Der Kanzlerstuhl ist besetzt – von seiner Nachfolgerin Susanne Remund. Die Traktandenliste lässt einen ruhigen Versammlungsverlauf vermuten, sagt sie. Wie hat sies mit dem Protokollverfassen? «Das muss man als Kanzlerin ja gerne machen, sonst ist man hier wohl eher fehl am Platz», sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.

Es macht den Anschein, als hätten sich die Dürrenäscher eine Frohnatur als Nachfolgerin von Gemeindeschreiber Heinz Walti ins Gemeindehaus geholt. Manch einer gestikuliert, wenn er redet. Nicht Susanne Remund, was sie sagt, quittiert sie oft mit einem freundlichen Lächeln und einem direkten Blick ins Gesicht des Gegenübers.

Mehr Professionalität gefordert

Auch wenn sie nicht im Rampenlicht steht, die Augen der Bevölkerung werden heute Abend auf sie, die «Neue», gerichtet sein. Remund nimmt’s gelassen: «Was soll ich mich mit etwas plagen, das ich nicht ändern kann?» Das ist wohl kein schlechtes Lebensmotto für jemanden, der nach 27-jähriger Tätigkeit ausserhalb der Gemeindeverwaltung als Kanzlerin wieder zurückkehrt. «Vieles hat sich in der Zwischenzeit verändert, ist komplizierter geworden», bestätigt Heinz Walti. «Die Bürokratie hat sich breitgemacht.»

Zudem sei der Bürger anspruchsvoller geworden. Die Leute wüssten, wo sie zu Informationen kommen, würden «googeln», seien oft sehr gut informiert und verlangten deshalb von den Behörden mehr Professionalität. «Früher», so erinnert sich Walti «war man in ländlichen Gebieten autoritätsgläubiger». Diese Zeiten sind jedoch längst passé, auch in Dürrenäsch. Doch habe sich die Gemeinde in den vergangenen drei Jahrzehnten ihre bodenständige Mentalität bewahrt, sei ein kleiner beschaulicher Ort geblieben. Die Bevölkerung ist in dieser Zeit gerade mal um rund 200 Personen auf knapp 1200 Bewohner angewachsen.

Auf Waltis Arbeitstisch hat der Computer der Speicherschreibmaschine aus den Anfängen («Man konnte acht Seiten speichern») längst Platz gemacht. Trotz Auslagerung von Bauverwaltung, Betreibungsamt und Sozialdienst sei die Arbeit vielfältig geblieben. «Eine kleine Gemeinde kann sich nicht für jedes Gebiet einen Spezialisten leisten», sagt Walti. Und genau dies hat Susanne Remund an der Aufgabe in Dürrenäsch gereizt. Sie ist sich im Klaren, dass das breit gefächerte Aufgabengebiet seinen Preis hat.

«Der Arbeitsaufwand ist hoch», sagt Heinz Walti, verlangt vom Stelleninhaber viel Flexibilität. Mit der Zeit werde man müde. Er freue sich deshalb auf die kommende freie Zeit. Hat er bereits Pläne geschmiedet, was er als Pensionär alles anstellen will? Hat er nicht. Ab dem 1. Juli habe er genügend Zeit, sich mit neuen Aktivitäten auseinanderzusetzen, sagt Walti. Wandern und Reisen will er. Auch hat der Hometrainer grosse Chancen, wieder mehr benutzt zu werden. Jetzt könne er sich nach langen Arbeitstagen und anstrengenden Sitzungen für sportliche Aktivitäten oft nicht mehr motivieren.

Die Richtige für Dürrenäsch

Vor dreissig Jahren wurde Heinz Walti als junger 32-jähriger Familienvater als Gemeindeschreiber nach Dürrenäsch gewählt. Just in jenem Jahr, als Susanne Remund ihre Ausbildung auf der Gemeindeverwaltung in Meisterschwanden antrat. Weitere Stationen waren die Staatsanwaltschaft, das Bezirksgericht und die Verwaltung eines Kinderheims.

Sie habe sich diesen Schritt gut überlegt, sagt sie: «Ich bin sehr zuversichtlich, die heutigen Anforderungen an den Job rasch zu erfüllen.» Heinz Walti ist zufrieden über seine Nachfolge. So wie er es einschätze, sollte sie es packen können, meint er und schmunzelt: «Ihre Exaktheit, Gründlichkeit und Bodenständigkeit sind genau das Profil, das zu Dürrenäsch passt.»