Lenzburg

Die MS «Seetal» und ihr berühmter Götti – vor zehn Jahren weihte «Swatch»-Gründer Nicolas G. Hayek das Schiff der Hallwilersee-Flotte ein

Eingewassert wurde sie im «Delphin»-Zopf in Meisterschwanden. Von dort fuhr die neue MS «Seetal» Richtung Hallwilersee, wo ihre Einweihung stattfand.

An einem Donnerstag, genauer gesagt am 11. März 2010, 12.47 Uhr hatte die MS «Seetal» das erste Mal Kontakt mit dem Hallwilersee. Das Wetter war alles andere als frühlingshaft. Es lag Schnee und viele der Schaulustigen waren mit Schirmen und dicken Jacken ausgestattet. Zwei nächtliche Schwertransport-Etappen lagen hinter dem neusten Schiff der Hallwilersee-Flotte, als es beim «Delphin»-Zopf in Meisterschwanden erfolgreich eingewassert wurde. Hergestellt wurde das Schiff in der Lux-Werft in Mondorf/Bonn in Deutschland. Den ersten Teil der Reise Richtung Hallwilersee legte das Schiff, wie es sich gehört, im Wasser zurück.

Begleitet wurde die MS «Seetal» bei ihrer Reise von allen Vollzeitschifffsführern der Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee (SGH), die die Gelegenheit nutzten, sich mit ihrem neuen Arbeitsgerät vertraut zu machen. Im Auhafen in Birsfelden (Basel) wurde das Schiff in der Höhe zweigeteilt und auf Tieflader verfrachtet, die es in zwei Etappen bis nach Meisterschwanden transportierten.

Zuerst Matrose, später dann Kapitän

Ebenfalls dabei beim Transport zu Wasser war Manfred Siegrist. Er ist Kapitän und stellvertretender Geschäftsführer der SGH. Der 60-Jährige arbeitet seit 1976 bei der Schifffahrtsgesellschaft. «Angefangen habe ich als Matrose und an der Kasse. 1982 habe ich die erste Prüfung absolviert», so Siegrist. An den Tag, als die MS «Seetal» in Meisterschwanden eintraf, erinnert Siegrist sich noch gut. «Es war so kalt, wie sonst im ganzen Winter nie», sagt er.

Wer denkt, die MS «Seetal» sei das erste Schiff der Hallwilersee-Flotte, das diesen Namen trägt, liegt falsch. «Die Namen MS ‹Seetal› und MS ‹Hallwil› werden immer wieder verwendet», sagt Siegrist. So ist das aktuelle Modell genau genommen die MS «Seetal IV». Es löst bei ihrer Einwasserung vor zehn Jahren seinen Vorgänger mit selbem Namen ab. Die MS «Seetal III» wurde 1960 von der SGH erworben und war von 1961 bis 2009 im Dienst der SGH. Danach wurde das Schiff nach 49 Jahren in Betrieb nach Nidau am Bielersee transportiert, wo es seinem neuen Eigentümer dem Verein Naval Project in Biel übergeben wurde.

Im Gegensatz zum vorgängigen Modell verfügt die MS «Seetal» auch über mehr Platz. 200 Plätze sind es insgesamt, davon 84 im gedeckten Salon. Wie es bei neuen Schiffen üblich ist, wurde auch die MS «Seetal» getauft. Götti und Gotti waren niemand Geringeres als Nicolas G. Hayek (1928–2010) und Marianne Hayek-Mezger. «Gotti oder Götti wird meistens, wer einen Bezug zum Hallwilersee hat oder eine bekannte Persönlichkeit aus der Region ist», erklärt Siegrist. Teilweise fungiert der Götti auch als Inspiration, wie etwa bei Ernst Fischer. Der Götti der MS «Delphin» war während 52 Jahren der Chef des Seehotels «Delphin».

Die MS «Seetal» ist nicht das teuerste Schiff

Gängig ist es auch, dass Gotti und Götti einen finanziellen Zustupf an «ihr» Schiff geben. Im Fall von Nicolas Hayek wurde der Zustupf grösser geredet, als er tatsächlich war.«Lange gab es Gerüchte, dass Nicolas Hayek die Kosten für das Schiff komplett übernommen habe, das stimmt jedoch nicht», sagt Siegrist. Die MS «Seetal» kostete die SGH 2,4 Millionen Franken. Damit war sie günstiger als das neuste Schiff, die MS «Delphin» (3,5 Millionen Franken), aber teurer als die MS «Brestenberg» (1 Million Franken). Nicht nur die Investitionskosten schlagen zu Buche, sondern auch die laufenden Ausgaben: «Die MS ‹Brestenberg› ist seit 1990 in Betrieb, im Jahre 2014/2015 wurden Arbeiten in der Höhe von 1Million Franken ausgeführt», so der stellvertretende Geschäftsführer.

Die Schifffahrtsgesellschaft unterzieht ihre Schiffe nach zehn Jahren einer ersten Revision, eine weitere Revisionen folgt jeweils alle sechs Jahre. Theoretisch können die Schiffe viele Jahrzehnte auf dem Hallwilersee unterwegs sein: «Ein Schiff kann gut und gerne 100 Jahre lang genutzt werden, solange es immer wieder geprüft wird», so Siegrist. Die Entscheidung hänge viel mehr von den Bedürfnissen der Gäste ab. Waren die Schiffe früher noch eher rudimentär eingerichtet, befinden sich heute auf Modellen wie der MS «Delphin» sogar ein Steamer oder auch ein Lift für gehbehinderte Fahrgäste.

Strenger Bedingungen und Vorschriften

«Ausgemustert» werden ältere Schiffe aus verschiedenen Gründen: «Zur Zeit der MS ‹Fortuna› sind die Bestimmungen strenger geworden», sagt Siegrist.

Dazu zähle zum Beispiel das neue Behindertengleichstellungsgesetz und viele weitere Vorschriften für die Sicherheit und die Umwelt. «Zudem waren die Tische bei der MS ‹Fortuna› eher klein. Viel mehr als ein Getränk passte nicht darauf. Bei der vorgängigen MS ‹Seetal› hätten sich die zusätzlichen Anpassungen am Schiff nicht mehr gelohnt», sagt Siegrist. Mit den Jahren wurden auch die technischen Geräte auf den Schiffen der SGH immer fortschrittlicher aber auch teurer: «Kostete ein Radargerät früher noch 2500 Franken, sind es heute 30000 Franken», sagt Siegrist. Doch die moderne teurere Technik bringt auch Vorteile. «Früher fuhren die Schiffe von Oktober bis April nicht. Heute vergeht keine Woche, auf der kein Schiff auf dem See ist.»

Dank moderner Radargeräte sei es möglich, auch bei Nacht oder Nebel zu fahren. Nicht nur die Technik hat sich in den letzten Jahren verändert. Verharrten die Gäste früher bei kalten Temperaturen auf dem Schiffsdeck, können sie sich heut ein den geheizten Salon der MS «Seetal» zurückziehen. Auch das kulinarische Angebot wurde mit den Jahren aufgewertet. Früher hatten die Gäste die Wahl zwischen einzelnen Getränken, heute werden ganze Winterbruch Fahrten ange­boten.

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