Seit Ende November hat Lenzburg mehr als 10'000 Einwohner und darf sich offiziell Stadt nennen. Die Vergabe der Bezeichnung Stadt ab einer bestimmten Einwohnerzahl ist ein moderner Grundgedanke. Denn nicht der zehntausendste Einwohner machte Lenzburg zur Stadt, sondern der habsburgische Herzog Friedrich. Am 20. August 1306 verlieh er der Siedlung das Stadtrecht. Aber Lenzburg hatte auch schon vor Friedrich alles, was eine Stadt nach mittelalterlichen Vorstellungen brauchte.

Bereits 1261 erhielt Lenzburg das offene Marktrecht. Schon damals war die Siedlung hufeisenförmig angelegt und mit wehrhaften Mauern versehen. Sie sollten die hier wohnhaften Handwerker und Diener des gräflichen Haushalts auf dem Schloss schützen. Nold Halder vermutete deshalb in seinem Beitrag in den Lenzburger Neujahrsblättern 1938, dass die Verleihung des Stadtrechts «bloss noch die formalrechtliche Bestätigung» war.

In den Urkunden aus dieser Zeit wurde Lenzburg als Oppidum bezeichnet, womit im Mittelalter eine stadtähnliche, befestigte Siedlung gemeint war. Die Wehranlagen sind es denn auch, die als einzig sichtbares Zeichen des Stadtrechts – des «historischen Privilegs», wie Nold Halder es nennt – viele Jahrhunderte überdauert haben. Bis zur denkwürdigen Gemeindeversammlung vor genau 80 Jahren, als beschlossen wurde, das letzte Stück Ringmauer der Stadt zu schleifen.

Scheunen statt Schutz

Im Laufe der Jahre wurden die Bedrohungen von ausserhalb weniger und der Bedarf für eine Ringmauer kleiner. Im 18. Jahrhundert ging die grösste Gefahr von der Wehranlage selbst aus: Die Ringmauer stürzte an verschiedenen Stellen ein und musste wieder aufgebaut werden. Im 19. Jahrhundert fühlten sich die Lenzburger sicher genug; die Wehranlage hatte ausgedient und kam gar in den Weg. Zum Beispiel beim Unteren Torturm, wo sich zwei Passagiere einer Eil-Postkutsche verletzten, als das Gefährt durch den Torbogen brauste. Die Türme wurden abgebaut und die Ringmauer zugunsten von Wohnhäusern, Werkstätten und Scheunen geschleift, bis nur noch ein einziges Stück am östlichen Ende des heutigen Grabenweges übrig blieb.

Dort, etwas unterhalb des Metzgplatzes, sollten die Stadtmauer und die Meyerschen Häuser einem neuen Amtshaus weichen. Für die Gmeind war ein Baukredit von 450'000 Franken traktandiert. Diesen versuchten namhafte Lenzburger zu verhindern. Zu den Initianten gehörten unter anderem Herren aus den Familien Eich, Haller, Hänni, Hünerwadel, Kieser und Mieg, allen voran Nold Halder. Mit einer Einsprache und in zwei Briefen appellierten die Gegner des Projekts an den Regierungsrat und die Heimatliebe.

Mit eigenen Waffen geschlagen

Von 1013 Stimmbürgern – die weibliche Form erübrigt sich – nahmen über 600 an der Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 1937 teil. Mit fulminanten Reden wurde um die Ringmauer gerungen. Wegen der historischen Bedeutung sei die Erhaltung «Pflicht eines jeden», argumentierte Nold Halder. Die Befürworter wollten «nicht gegen, sondern mit der Zeit gehen». Die Abstimmung erfolgte geheim, mit 427 zu 45 wurde dem Kredit für das neue Amtshaus zugestimmt.

Die enttäuschten Heimatschützer bäumten sich noch einmal auf. Spielten der Presse anonyme Pamphlete zu und wandten sich erneut an den Regierungsrat. Dieser untersuchte die Schutzwürdigkeit der Ringmauer und der Meyerschen Häuser – und wies die Beschwerde ab. Ironisch war bei diesem Entscheid, dass Nold Halder ausgerechnet mit seiner eigenen Argumentation geschlagen wurde. Denn Halder bewies in den Neujahrsblättern, dass die ersten Wehranlagen der Stadt schon 1375, als die Gugler nahten, komplett geschleift und in den folgenden Jahrhunderten wieder aufgebaut wurden.

Auch 1415, als die Berner nach dem Städtchen trachteten, zogen es die Lenzburger vor, nicht auf die Stadtmauern zu vertrauen, sondern sich kampflos zu ergeben. Die Mauer rund ums Städtchen hat also ihre Funktion als Wehranlage gar nie wahrgenommen, sondern hauptsächlich für eine schön anzuschauende, hufeisenförmige Begrenzung gesorgt, die im besten Fall Gesindel abhielt. Da half alles Lamentieren nichts. Die Ringmauer wurde geschleift – zum letzten Mal.