Lenzburg

Die Kadetten sind fest in Frauenhand: Wie aus einer Bez-Schülerin Frau Hauptmann wurde

Am Mittwochnachmittag wurde auf der Schützenmatte das Kadetten-Kader bestimmt: Hauptmann und Chef Artillerie sind beides Frauen. Stabschef Stefan Regli: «Die Freischaren werden es schwer haben.»

Was sich innerhalb von zwölf Stunden alles ändern kann. Am Mittwochmorgen beim Aufstehen war Anja Hofstetter noch eine normale Drittbezlerin. Zwölf Stunden später ist sie Hauptmann eines 300-köpfigen Heeres. Diese stufenlose Beförderung ist weltweit vermutlich nur bei einem Heer möglich: den Lenzburger Kadetten.

Am Mittwochnachmittag vor dem Manöver wird das Kader bestimmt. Jeder der acht Infanteriezüge braucht einen Zugführer und einen Stellvertreter. Das Gleiche gilt für die drei Artilleriegeschütze. Die Aspirantinnen und Aspiranten erhielten einen Zettel mit einer Übungsaufgabe, die sie auswendig lernen und vorführen mussten.

Das Lenzburger Kadettenkader wird gewählt

Das Lenzburger Kadettenkader wird gewählt.

Vor den Augen der Experten. Diese illustre Gruppe besteht unter anderem aus ehemaligen Instruktoren, Vertretern der Schulleitung, Ehren-Freischaren. Auch Stadtammann Daniel Mosimann schaute zu, wie die Kadetten den Kommandierenden hinterherhechelten, im Gleichschritt um die Kurve bogen oder sich in Zweier- und Viererkolonnen aufstellten.

Selbstsichere Mädchen

Die Kadetten werden von den Instruktoren angehalten, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Doch die Unterstützung der Kameraden ist auch ohne diese Anweisung selbstverständlich. In der Nervosität wurden nicht immer alle Befehle korrekt gegeben.

Und so verzogen die Kadetten keine Miene, wenn sie vor dem Abmarsch ohne Aufforderung das Gewehr schultern mussten, weil der Aspirant das Kommando vergessen hatte. «So guet gfolget händs no nie», sagte ein Mädchen begeistert, nachdem sie ihre Aufgabe beendet hatte. Die Experten bewerten das Kommandieren, das Korrigieren und das Auftreten. «Mädchen sind oft selbstsicherer», sagte ein Experte.

Von bis zu vier Aspiranten wurden die Züge umhergejagt, bis die Haare unter dem Hut an der Stirn klebten. Dann gab es endlich ein Znüni. Nach Wurst und Brot reihen sich die Kadetten mitten auf der Schützi wieder ein. Ein feierlicher Moment, jetzt werden die Namen verkündet. Doch zuerst gibt es ein Lob von Kadetten-Stabschef Stefan Regli. Die Freischaren werden es schwer haben, sagt er. Als Anja Hofstetters Name durch das Megafon schallt, jubeln die Kadetten. Und im sechsten Zug tritt eine junge Frau mit Zopf und Zahnspange zögerlich aus ihrer Reihe hervor.

Die Lenzburger Kadetten exerzieren auf der Schützenmatte

Vor einer Woche: Die Lenzburger Kadetten exerzieren auf der Schützenmatte

Drei Sterne auf den Hut, weisse Handschuhe und ein Säbel. So wurde aus Anja Hofstetter die Frau Hauptmann. «In meinem Zug waren alle so gut, ich hätte nicht gedacht, dass es reichen würde», sagt sie noch etwas zaghaft. Dann, nach ein paar Minuten, beginnt sie zu lächeln. Sie lauscht den Instruktionen und beginnt sich wohlzufühlen zwischen Fähnrich und Standartenträger.

Sie übernimmt das Kadettenheer mit sicherer Stimme und führt es stolz in die Stadt. Vorbei am Rathaus, wo ihr Vater als Stadtschreiber arbeitet. «Das wird wieder ein Gschnörr geben», meint ein Experte. Mag sein. Bei der Expertenrunde hinter verschlossenen Türen gab es auf jeden Fall keine Diskussionen. Anja Hofstetter war klar die Beste.

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