Gross und schräg steht der Halbmond am leicht verhangenen Himmel über Lenzburg. Was hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht? Vom Rathaus schlägt die Glocke zur mitternächtlichen Stunde: Startsignal für den Spuk im Städtchen. Weiss verhüllte Gestalten schlurfen schwankenden Schrittes durch die dunklen Gassen. Hell klingen die Schellen, weit weht die Fahne, breit schwingt die Laterne, schaurig schön widerhallt der Refrain von den Fassaden: «Hudihudiha, hudihudiha, hudihudiha Halleluja!»

Die Prozession ist Tradition der 1464 gegründeten Schützengesellschaft Lenzburg, der Brauch geht weit ins Mittelalter auf die St.-Wolfgangs-Bruderschaft zurück, welche weiland hinauf zur Mutterkirche auf dem Staufberg pilgerte. Zum Abschluss des Absendens der Schiesssaison hüllen sich Schützinnen und Schützen in Leintücher, bedecken die Häupter mit gezipfelten Servietten und gaukeln zum Gaudium der Nachtschwärmer als Joggeliumzug durch die Gegend. Vermummungsverbot? Kopftuchverbot? «Am Joggeli ist das erlaubt», beteuert Ex-Präsident Urs Müller mit einer akribischen Brauchtumsanalyse in seiner launigen Hosenmannen-Rede.

Sieger erhalten Hosenstoff

Das ist auch so eine althergebrachte Lenzburger Eigenart: Die Sieger des Kunst-Stichs erhalten Hosenstoff, einige halten dafür eine Rede vom Stuhl. Diesmal waren Robert Stöckli (Combat), Urs Müller (Vorderlader), Kurt Sommerhalder (Pistole), Peter Haas (300 Meter) und Leonhard Merkli (10 Meter) die Meisterschützen. Als Gesellschaftsmeister wurden Ueli Brühlmann (300 Meter), Robert Stöckli (Combat grosse Meisterschaft), Rudolf Iseli (Combat kleine Meisterschaft), Denise Glarner (Pistole), Heinz Feller (Vorderlader) und Kurt Sommerhalder (10 Meter) ausgerufen. Die Cup-Sieger sind Madeleine Baumann (300 Meter) und Werner Nyffeler (Pistole).

Stolze Schützen zeigen Flagge

Nur weil der Brauch es will, verkleiden sich die Schützen zu vorgerückter Stunde als gruselige Geisterschar. Ansonsten brauchen sie das Taglicht nicht zu scheuen. Zum Auftakt des gesellschaftlichen Höhepunktes wird durchaus Flagge gezeigt. Aus Anlass des Eidgenössischen Schützenfestes in der Region, wo die Lenzburger auf ihrer Anlage mitgeschossen und mitorganisiert haben, markieren sie öffentliche Präsenz. Unter Trommeln- und Pfeifenklang defiliert ein Umzug, die Fahne und Standarten zieren Lorbeerkränze mit Gold- und Silberblatt-Einlage, die stolzen Schützen schmücken sich mit Kranzabzeichen am Revers.

«Flagge zeigen» gilt aber auch im übertragenen Sinn: Schützenpräsident Thomas Glarner verurteilt die Volksinitiative, welche die Schützen entwaffnen will: eine «Entmündigung der Bürger, welche grosse Traditionen pflegen und urdemokratische Verpflichtungen erfüllen.» «Staatstragende und sportliche Grossanlässe sind auf die Mitwirkung von Armee und Zivilschutz angewiesen.» Glarner ruft «inbrünstig» zur Erhaltung der Schützentradition auf. Allein schon wegen des Joggeliumzugs.