Seengen
Die Holzbaracke für renitente und hochbegabte Schüler ist ein Glücksfall

Mit dem «Lernort Pavillon» hat die Schule in Seengen eine Institution für spezielle Angebote. Hier gibt es Angebote beispielsweise für Schüler, die aus disziplinarischen Gründen nicht im Klassen-Unterricht teilnehmen dürfen.

Fritz Thut
Merken
Drucken
Teilen
Ismail Yildiz neben dem von ihm im «Steinbruch» gezimmerten Schuhregal beim Eingang des «Lernort Pavillon».

Ismail Yildiz neben dem von ihm im «Steinbruch» gezimmerten Schuhregal beim Eingang des «Lernort Pavillon».

Fritz Thut

Gleich rechts beim Eingang steht ein grosser Schuhkasten: Hier müssen die Schüler ihre Strassenschuhe gegen Crocs tauschen. «Dies ist ein wichtiges äusseres Zeichen», so der Seenger Schulleiter Urs Bögli. Mit dem Wechsel in die Plastik-Hausschuhe manifestieren die Jugendlichen beim Betreten vom «Lernort Pavillon»: Hier verhalte ich mich anständig und trage Sorge zum Material.

Hans Peter Neeser ist einer der beiden Betreuer im «Lernort Pavillon».

Hans Peter Neeser ist einer der beiden Betreuer im «Lernort Pavillon».

Fritz Thut

Der Holzpavillon auf dem Seenger Schulareal ist ein ganz spezieller Ort mit einem breiten Angebot für Schüler mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Es sind nicht alle freiwillig hier. «Aber sie haben es aber selbst in Hand, ob sie hierhin ‹dürfen› oder ‹müssen›», wie es Betreuer Hans Peter Neeser formuliert.

Vor dem Abbruch bewahrt

Der «Lernort Pavillon» ist für die Schule Seengen mit ihren 650 Schülern, darunter zahlreichen Oberstufenschülern aus umliegenden Gemeinden, ein «wahrer Glücksfall», wie es die Verantwortlichen formulieren. Die Holzbaracke beherbergte früher die Gemeindeverwaltung. Nach dem Bezug des neuen Gemeindehauses wurde der Pavillon als Ausweichort bei Bau- und Sanierungsarbeiten der Schulliegenschaften genutzt.

Modellcharakter: Interesse von andern Schulen

Der Seenger «Lernort Pavillon» für die Betreuung von Schülern, die den üblichen Rahmen des Schulalltags sprengen, ist ein Modell von Praktikern, die ohne grosse Administration ein überall bestehendes Problem gelöst haben. Entsprechend erhielt der «Pavillon» schon Besuch von zahlreichen andern Schulen, aber auch von kantonalen Bildungspolitikern bis hinauf zu Regierungsrat Alex Hürzeler. Er ist aber überzeugt, dass die Idee «Lernort Pavillon» nicht einfach übernommen werden kann, vor allem weil in Seengen die Voraussetzungen nahezu ideal waren. (tf)

Schlussendlich war das Gebäude dem Abbruch geweiht, doch gerade noch rechtzeitig erkannte unter anderem der schulische Heilpädagoge Neeser das Potenzial: In dem separaten Haus, aber doch auf dem Schulgelände, sind seit Beginn des Schuljahres 2012/13 Angebote zusammengefasst wie etwa betreutes Lernen in Kleingruppen oder für Schüler, die aus disziplinarischen Gründen nicht im Klassen-Unterricht teilnehmen dürfen.

Weiter im Sortiment: erledigen von Hausarbeiten mit Unterstützung durch Lehrpersonen oder Schülerlerncoachs, freiwilliges, selbstständiges Arbeiten in Zwischen- oder Randstunden oder beaufsichtigtes Nachholen von Prüfungen.

Hausaufgabenhilfe ist gratis

Gemäss ihrem Zweck sind die verschiedenen Pavillon-Räume benannt. Im «Lernatelier», wo etwa strebsame Schüler dem störenden Umfeld zu Hause entfliehen können, herrscht absolute Ruhe. Abgetrennte Einzelarbeitsplätze ermöglichen hier konzentriertes Lernen.

In einem andern Zimmer wird allen, die den Service beanspruchen wollen, gratis Hausaufgabenhilfe geleistet. Die Unterstützung kommt hier nicht nur von den pädagogischen «Pavillon»-Betreuern Hans Peter Neeser (Heilpädagoge) und Caroline Bossard (Reallehrerin), sondern auch von vier Schülerlerncoachs: Aktuell sind dies vier Drittbezlerinnen. Sie erhalten für ihren Einsatz zugunsten von Mitschülern eine Entschädigung: zehn Franken pro Stunde. Diese Gelder werden durch den «Lernort Pavillon» selbst generiert. «Es handelt sich hier um ein selbsttragendes Projekt», so Neeser.

Kiosk und praktische Arbeiten

Zum Ersten wird der Pausenkiosk der Gesamtschule von «Pavillon»-Jugendlichen unterhalten. Dies reicht vom Einkauf, über das von Ismail Yildiz während «Pavillon»-Zeiten gebaute Kiosk-Hüttchen, bis hin zur korrekten Abrechnung und Einzahlung des Erlöses auf das «Pavillon»-Konto. «So können wir Jugendliche an einem konkreten Beispiel auf spätere Aufgaben vorbereiten», unterstreicht Neeser den Nutzen.

Zudem gehört auch der «Steinbruch« zum «Lernort Pavillon». Dieses Angebot ist «für Schüler gedacht, die mit den üblichen Strafmassnahmen keine Verhaltensänderungen zeigen». Die Zuweisung erfolgt über die Klassenlehrer. Im «Steinbruch» werden praktische Arbeit geleistet wie Schachteln falten, Schrauben sortieren oder Holzsprissli spalten. Diese Anbrennhilfen werden unter dem Motto «Wir sorgen für neuen Zündstoff» vermarktet und finden stets ihre Abnehmer.

Auf der andern Seite des Pavillons und auch des Schülerspektrums ist der Raum «Einstein». Hier hat das Projekt für Hochbegabte der Schule Seengen während der Sanierung von Schulhaus 1 Unterschlupf gefunden.

Grosse Akzeptanz

Neben der zufälligen Lösung mit den idealen Räumlichkeiten lebt das Seenger Modell auch vom Engagement der Betreuer. «Ich verstehe mich gut auch mit den unterschiedlichsten Typen unserer Schule», so Neeser. Er weiss, dass hier bestimmte Fähigkeiten gefordert sind.

In den gut zwei Jahren seines Bestehens hat der «Lernort Pavillon» eine hohe Akzeptanz erreicht. Im letzten Schuljahr verbrachten täglich durchschnittlich 31 Schüler total fast 8000 Lektionen in der Baracke. Das Modell geniesst den Support durchs Lehrerkollegium, die Schulleitung, die Schulpflege und den Gemeinderat.

«Hier wird gelernt, gefördert und bestraft unter dem gleichen Dach. Ich finde dies gut», so Neeser, der sich bewusst ist, dass es auch Berufskollegen gibt, die dies anders sehen.Kommentar Meinungsseite