Esther Steimen ist eine der 20 Absolventen, die den ersten Lehrgang zur Gartentherapie in der Schweiz abgeschlossen haben. Ende Mai, am Gartentherapie-Kongress in Wädenswil, wird sie das Diplom von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Empfang nehmen.

Esther Steimen hat die einjährige Ausbildung abgeschlossen, weil sie ihre Arbeit als Ergotherapeutin im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil vertiefen möchte. Dank ihrem neuen Wissen könne sie Pflanzen gezielt als therapeutisches Mittel einsetzen. Die Gartentherapeutin aus Birrwil schwärmt vom Lehrgang: «Ich habe viel über Pflanzen und Gartenarbeit gelernt.»

Auch kam sie mit unterschiedlichen Absolventen in Kontakt: mit Landschaftsgärtnern und -architekten, mit Sozialpädagogen und Menschen aus Pflegeberufen. Sie wünscht sich, dass die verschiedenen Berufsleute künftig vermehrt zusammenarbeiten. Nur so sei die Anwendung der Gartentherapie sinnvoll.

Ein Landschaftsgärtner beispielsweise könne soziale Institutionen bei der Anlegung eines Gartens unterstützen. «Demente Menschen brauchen Garten mit hellen Pflanzen, klaren Strukturen. Klienten von Rehakliniken hingegen sollen im Garten mithelfen und ihre Fähigkeit zu arbeiten wiedererlernen», sagt Esther Steimen.

Viele Sünden in der Vergangenheit

Der Bezug zu den Pflanzen helfe den Betroffenen, sich Sorge zu tragen, achtsamer zu werden. In der Vergangenheit seien bei der Gestaltung solcher Gärten viele Sünden begangen worden, findet Esther Steimen. Wohl sei heute das Bewusstsein dafür da, doch fehle es den Institutionen manchmal an finanziellen Mitteln. «In Amerika und Grossbritannien ist Gartentherapie seit langem verbreitet.»

Esther Steimen steht in ihrem Garten in Birrwil zwischen jungen Kräutern, Blumensprösslingen und Erdbeerstauden. Lachend macht sie sich mit einer Handhacke zu schaffen.

Passend zur Gartenarbeit trägt sie ein grünes Top und geblümte Sandalen. «Ich ‹meche› gerne im Garten», sagt sie. «Die Berührung mit der Erde und Pflanzen sowie das Licht und die frische Luft tun auch mir gut.»

In ihrem Reich pröbelt sie mit den verschiedensten Dingen. Pflanzt Wermuth an, weil Schnecken dieses Kraut nicht mögen, sät alte Tomatensorten, zieht Arnika oder Ranunkeln aus Madeira.

Die Gartenarbeit sei eine Form von Therapie, sagt die Gartentherapeutin. «Sie bewirkt viel. Ich kenne eine Dame, die trotz ihres Alters ihren Garten hegt und daraus Kraft schöpft. Es macht sie glücklich, wenn Gemüse wächst, Blumen blühen und sie ihr Wissen weitergeben kann.»

Sinnliches Erlebnis

Für ihre Klienten sei Gartentherapie ein sinnliches Erlebnis, sagt Esther Steimen. Alleine die Berührung von Pflanzen öffne ihre Herzen. Während ihrer Ausbildung habe sie viel über die Beschaffung und Bearbeitung des Bodens sowie über die Pflanzenstruktur gelernt.

Das setzt sie nun ein: Eine Klientin mit Gedächtnisschwierigkeiten konnte sich nicht mehr an den Namen Mohnblume erinnern. Esther Steimen stellte der Klientin gezielte Fragen, bis diese von sich aus wieder darauf stiess. «Solche Aufgaben helfen Betroffenen, das Gedächtnis zu verbessern. Die Mohnblume stimmte die Frau auch froh, weil sie sich dadurch an ihren eigenen Garten erinnerte.»

Die Gartentherapie ist ein praktisches Mittel, das Klienten mit einer körperlichen, psychischen oder geistigen Beeinträchtigung hilft, sich besser im Alltag zurechtzufinden.

«Die Leute sollen wieder selbstständig werden und ihr Leben in die Hand zu nehmen.» Allein das Heben eines Glases mit einem selbst aufgebrühten Pfefferminztee helfe ihnen Feinmotorik und Kraftdosierung zu verbessern, so Steimen.

Sie berät ihre Klienten, wie sie trotz Behinderung einen Garten anlegen und darin arbeiten können. Mit einer Frau, die früher gerne fotografiert hatte, arbeitete sie im Kräutergarten. Sie zeigte ihr, wie man Kräuter erntet, daraus Bowlen herstellt und wie sie mit technischen Hilfsmitteln Makrobilder von den Kräutern machen kann.

Die Frau erhielt Einblicke in eine von blossem Auge verlorene Welt. Dies habe der Betroffenen geholfen, sich weiterzuentwickeln. «Die Leute sollen sich ihren Alltag so einrichten, dass er spannend ist.»