Meisterschwanden
Die Frau hinter den Steinmannli – den vergänglichen Kunstwerken

Eléonore Studer macht am Hallwilersee vergängliche Kunst - fast jeden Tag. Ihre Steinmannli fallen dort auf. Manche können kaum glauben, dass die Skulpturen nicht einfach zusammenfallen.

Marina Bertoldi
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Kunst mitten in der Natur: Eléonore Studer baut fast täglich neue Steinmannli am Hallwilersee.

Kunst mitten in der Natur: Eléonore Studer baut fast täglich neue Steinmannli am Hallwilersee.

Marina Bertoldi

Es ist der wohl letzte warme Herbsttag des Jahres. Das Ufer des Hallwilersees in Meisterschwanden ist menschenleer. Ein Schwarm Möwen geniesst die wärmenden Sonnenstrahlen. «Hallo zusammen», grüsst Eléonore Studer die Vögel und hievt einen schweren Stein auf den anderen. Dann platziert sie darauf einen kleineren und noch einen und noch einen, wie Bauklötze. Das Wasser steht ihr bis zum Rand der Gummistiefel.

«Ich komme fast jeden Tag hierher», sagt Eléonore Studer, die seit einem Jahr mit ihrem Mann Patrick im Fischerhof in Meisterschwanden wohnt. Im Sommer habe sie ihr erstes Steinmannli gebaut. Seitdem bekommen die bis zu einem Meter hohen Steintürme immer mehr Nachwuchs. «Ich war schon immer gerne kreativ», erzählt Studer.

Ihre Leidenschaft für die Kunst entdeckte sie schliesslich vor rund fünfundzwanzig Jahren, als ihr Mann ihr einen Malerkasten schenkte. «Ich habe mich daraufhin zu meinem ersten Malkurs angemeldet.» Inzwischen hantiert die 55-Jährige mit Acrylfarben, Pastellkreiden, Airbrush-Spritzpistolen und vielen anderen Techniken. «Nur Öl», so Studer, «damit habe ich noch nie gemalt.»

Schüchterne Künstlerin

Einen Teil ihrer Kunstwerke, vorwiegend Aktbilder des weiblichen Körpers und Abstraktionen von Elefanten aus Gips, stellte sie gerade in der Galerie R4L in Seon aus. Es war das erste Mal, dass Eléonore Studer, genannt Eli, in einer Galerie ausstellte. Die Aufmerksamkeit war für sie noch ungewohnt. «Am liebsten hätte ich einfach gesagt: ‹Hier, das sind meine Bilder. Ich komme dann in ein paar Stunden wieder›», sagt die Künstlerin und lacht. Sie stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Deshalb habe sie sich auch nicht gemeldet, als ein Leserbild ihrer Steinmannli in der az erschienen ist. «Ich hätte mich frühestens gemeldet, wenn auf den Mannli schon eine Schicht Schnee gelegen wäre», sagt sie und platziert einen weiteren Stein.

Immer wieder kontrolliert sie vorsichtig, ob die Steine wackeln. Dann sucht sie einen passenden kleineren Stein und klemmt ihn in den Hohlraum. «Manchmal fragen mich Spaziergänger, ob ich Leim benutze. Dann muss ich lachen. Das erste Mal dachte ich sogar, es wäre ein Scherz.» Vor allem Männer könnten kaum glauben, dass der Turm nicht in sich zusammenfalle. «Letzthin kam jemand zu mir und sagte, das eine Mannli sehe aus wie eine Trachtenfrau. Auch einen Frosch hat schon jemand darin gesehen.» Solche Reaktionen freuen Eléonore Studer. «Ich finde selbst immer wieder Engel und Herzen in der Natur.»

Die Natur spielt eine entscheidende Rolle in Eléonore Studers Leben. «Ich bin eigentlich nur draussen», sagt sie. Am See vergesse sie alles um sich herum und habe Tausende Ideen. «Es ist, als wäre man in einer anderen Welt.» Dann baue sie Steinmannli, spiele mit dem Kater aus der Nachbarschaft und geniesse die Stimmung, die jeden Tag anders sei. Dass der Hallwilersee dieses Jahr wenig Wasser hat, stört die Meisterschwanderin überhaupt nicht. «Es ist ein Paradies, so kann man direkt am See entlang laufen, wie früher als Kind», sagt sie und stapft mit ihren schwarzen Gummistiefeln durchs Wasser.

Gelernte Coiffeuse und Buchhalterin

Fünfunddreissig Jahre lang war die gelernte Coiffeuse im Rechnungswesen tätig. Vor einem Jahr hat sie gekündigt. Seitdem ist sie draussen, baut Steinmannli oder arbeitet im Atelier in Boniswil. Dort werkt jeweils im Hintergrund ihr Mann Patrick an der Landschaft seiner Modelleisenbahn. In Zukunft will Eléonore Studer im Atelier Malkurse anbieten. «Dafür muss ich noch ein wenig aus mir heraus kommen.» Zuerst aber stünden die kommenden Weihnachtsausstellungen an. Ein paar Bilder habe sie schon. «Aber ich habe das Gefühl, die besten Ideen kommen immer am Schluss.»

Nach einer halben Stunde ist die Skulptur fertig. «Nur noch ein Herz», sagt Eléonore Studer und lehnt einen herzförmigen Stein an das fertige Mannli. «Das mache ich immer. Die Welt braucht Liebe.» Dann – plötzlich kommt ein starker Windstoss und die Hälfte der Skulptur bricht zusammen. Eléonore Studer blickt auf den Haufen Steine, der vor ihr liegt. «Gut, dann machen wir ihn halt neu», sagt sie und beginnt , die Steine wieder zu stapeln. «Das ist eben die Natur. Sie ist vergänglich. Ich nenne die Steinmannli deshalb meine vergänglichen Kunstwerke.»

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