«Ich gehe, bevor ich jede Rede mit dem Satz anfange: Früher haben wir es so gemacht.» Marcel Spörri schmunzelt. Ende Jahr wird er 60 Jahre alt. Am kommenden Donnerstag will er nach 15,5 Jahren seinen Platz im Lenzburger Einwohnerrat räumen. Für neue, junge Kräfte und neue Ideen, sagt er.

Mit Genugtuung äussert er sich zum Generationenwechsel, der in den vergangenen Jahren im Einwohnerrat eingesetzt hat. «Es hat ein paar neue junge Leute dabei, vor allem Frauen, die sich engagiert in den Politbetrieb einbringen.» Nach Spörris Ansicht ein Versprechen für die Zukunft. Etwas schwieriger scheint sich seine Nachfolge zu gestalten. Von den potenziellen Nachfolgern auf der EVP-Liste der Nichtgewählten der Gesamterneuerungswahlen 2017 seien bisher nur Absagen gekommen, bedauert er.

Marcel Spörri arbeitet als Kundenberater bei einer Bank, ist stellvertretender Leiter der Niederlassung in Lenzburg. Das «Schöggeli», das er beim Gespräch im Sitzungszimmer zum Kaffee serviert, trägt den Schriftzug «Am richtigen Ort.ch». Worte, die durchaus auch auf Spörri gemünzt werden können. In der kleinen Evangelischen Volkspartei (EVP) hat der Vater von zwei erwachsenen Töchtern und einer Teenagerin seine politische Heimat gefunden. «Die EVP vertritt gesellschaftliche Werte, die sich mit meinen persönlichen Überzeugungen decken», erklärt Spörri. Die EVP gilt als eher wertkonservative Mittepartei. Ihre Eckpfeiler sind Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Menschenwürde.

Gegen Bordell und Discolärm

Politisiert wurde der in Wettingen aufgewachsene Finanzfachmann vom einstigen EVP-Nationalrat Heiner Studer, vor allem aber von der eigenen Neugier. Schon als Bezirksschüler habe er Umfragen zu politisch aktuellen Themen gemacht, erzählt er und lacht.
Anfang 2004 kam Marcel Spörri in den Einwohnerrat. Er rutschte für Heidi Berner nach, als diese Stadträtin wurde. Mit vier Mandaten stand die EVP damals im Lenzburger Rat in ihrer Blüte. Dann kamen die neuen Parteien: Grüne, GLP und BDP. «Sie haben teilweise EVP-Themen besetzt. Das hat uns Mandate gekostet», ist Spörri überzeugt. Nebst Spörri sitzt derzeit noch Daniel Frey für die EVP im Rat.

Spörri ist kein Blender. Unprätentiös im Auftritt, besonnen im Gespräch. «Einfach ein feiner Kerl. Ruhig, überlegt als Mensch. Dossiersicher, wenns um die Sache geht», sagt die amtierende Einwohnerratspräsidentin Brigitte Vogel (SVP) über den abtretenden EVP-Kollegen. Spörri gibt sich bescheiden. «Als Mitglied einer Kleinpartei ist man stärker gefordert, muss die Unterlagen selber studieren und kann die Aufgaben nicht auf viele Schultern verteilen, wie dies in grösseren Parteien möglich ist.»

Gegen das Prädikat «stiller Schaffer im Hintergrund» hat Spörri grundsätzlich nichts einzuwenden. Mit der Ergänzung allerdings, dass er hinter verschlossenen Türen durchaus mal Tacheles reden könne. Ebenso wenig scheut er den Schritt an die Öffentlichkeit, wenn er dies als notwendig erachtet. So ahnte er Schlimmes für die Entwicklung des Westquartiers, als vor vier Jahren Baugesuche für ein Erotikstudio und die Erweiterung eines Discobetriebs auf der städtischen Verwaltung auflagen. Das Postulat der EVP/CVP wurde vom Einwohnerrat abgeschmettert. «Meine Befürchtungen haben sich nicht bestätigt», sagt er drei Jahre nach der politischen Niederlage. Der Discoausbau scheiterte an der Bewilligung, vom Erotikstudio merke man nichts.

An der Mai-Sitzung überwies der Einwohnerrat einen von diversen Parteien eingereichten Vorstoss, welcher Massnahmen gegen die Raserei im Bereich Bahnhof/Westquartier verlangte. Auch daran hatte sich Spörri namhaft beteiligt. Zudem engagierte er sich in verschiedenen Kommissionen. 2014/15 präsidierte er die Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission.

Zur Politkultur sagt er: «Ich habe stets darum gekämpft, dass der Ton im Einwohnerrat als auch im Umgang mit dem Stadtrat und der städtischen Verwaltung moderat blieb.» Seit einiger Zeit ortet er Anzeichen einer Kulturänderung. «Ich hoffe, dass sie mit besseren Dossierkenntnissen sachlicher werden.» Der Seitenhieb des sonst stillen Schaffers geht namentlich an die Kollegen der Grünliberalen. «Deren Vorstösse sind oftmals geprägt von einem Misstrauen gegenüber der Verwaltung.»

Stadt um 40 Prozent gewachsen

Während Spörris Amtszeit hat die Bevölkerung Lenzburgs um rund 40 Prozent zugenommen auf 10'700 Personen. Diese Entwicklung wurde von den beiden neuen Quartieren «Im Lenz» und «Widmi» wesentlich beeinflusst. Marcel Spörri begrüsst dieses eklatante Wachstum der vergangenen Jahre. Nicht zuletzt deshalb, weil «die Bevölkerungsexpansion von Lenzburg einen Innovationsschub fordert», wie er sagt. «Offenbar hat es diesen Anstoss von aussen gebraucht.» Als positives Beispiel nennt der abtretende Einwohnerrat die Verkehrssituation der Zentrumsgemeinde Lenzburg. Habe sich früher die Verkehrsplanung vornehmlich um die Autofahrer gedreht, so stünde heute der Langsamverkehr mit auf der Agenda.

Gegen die drohende Anonymität des Wachstums hat Lenzburg in Spörris Augen genügend probate Mittel zur Verfügung: Das Traditionsbewusstsein gehört dazu. «Das wichtigste Fest ist das Jugendfest. Es eint die alteingesessenen Lenzburger und die Neuzuzüger stets von Neuem.»

Die mit dem Wachstum einhergehenden Investitionen haben Spörri nie beunruhigt. Oft hagelte es deswegen jedoch Kritik im Einwohnerrat. Finanzfachmann Marcel Spörri hat seine Kollegen stets zu beruhigen versucht. «Lange Zeit war ich ein einsamer Rufer in der Wüste», blickt er zurück. Nun habe man es schwarz auf weiss: Selbst in Zeiten des Wachstums habe in der Vergangenheit die Nettoschuld abgebaut werden können. «Lenzburg betreibt eine gute Finanzpolitik.»