Lenzburg
Die doppelte Auferstehung

An seinem Werk kommt man in Lenzburg kaum vorbei. Auch wenn man kein Auge hat für die Kunst. Der Lenzburger Bildhauer Arnold Hünerwadel hat die Stadt mit seinen Frauenkörpern geprägt.

Janine Gloor (Text) Und Chris Iseli (Fotos)
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Die doppelte Auferstehung
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Diese Schönheit kniet neben der Stadtbibliothek.
«Die Auferstehung» im Garten des Burghaldenhauses.
Arnold Hünerwadel hat Lenzburg geprägt. Seine Justitia prangt beim Eingang des Bezirksgebäudes.
Die «Fortuna» aus Gips ist die neuste Skulptur in der Burghalden-Sammlung.

Die doppelte Auferstehung

Chris Iseli

Lesende kennen die kniende Schönheit vor der Stadtbibliothek. Leute, die mit dem Gesetz zu tun haben, begegnen vor dem Betreten des Bezirksgerichts der Justitia, die dort in Stein gemeisselt ist. Und Naturfreunde sind auf dem Weg zum Esterliturm vielleicht schon mal beim Grabstein des ehemaligen Forstverwalters Walo von Greyerz vorbeigekommen. All diese bildhauerischen Arbeiten stammen vom Lenzburger Künstler Arnold Hünerwadel. Er hat die Stadt mit seinem Schaffen geprägt. Auch in Zürich stehen oder liegen seine steinernen Schönen. Zum Beispiel beim Portal des Zentralfriedhofs, im Kreuzgang des Grossmünsters, an der Fassade der Zentralbibliothek oder beim Aufgang zur Kirche Enge.

Arnold Hünerwadel wurde 1877 geboren. Die Familie Hünerwadel gehört zu den einflussreichsten Geschlechtern, die die Stadt je erlebt hat. Arnold Hünerwadel entsprang der Walke-Linie. Im Kindesalter verlor er den Vater, worauf er mit der Mutter zu Verwandten nach Zürich zog. Zeitlebens blieb die Limmatstadt ein wichtiger Ort seines Schaffens, wovon auch die zahlreichen dortigen Skulpturen zeugen. Die Bildhauerei führte ihn noch weiter weg von der Heimat. Hünerwadel lebte in München, Paris, Florenz und Berlin; den Mittelpunkten des künstlerischen Geschehens. Doch Lenzburg blieb sein persönliches Zentrum, wohin er stets zurückkehrte. In das «Rosenhaus» an der Schützenmattstrasse, das mit Kunst und Bildnissen der Ahnen gefüllt war.

Arnold Hünerwadel lebte in einer aufregenden Zeit. Die Kunst blühte auf, sie war üppig bis floral, der lebensfreudige Jugendstil brachte Farbe in Mode und Malerei und in die Bildhauerei eine sehr ästhetische Anmut, der sich Hünerwadel voll und ganz verschrieb. Es war auch die Zeit der Industrialisierung. Die Gesellschaft wurde mobiler, Städte rückten näher zusammen, in Lenzburg wurden wichtige Firmen wie die Hero gegründet.

Neben der Vaterstadt galt Hünerwadels Liebe auch der umliegenden Natur. Der Lenzburger Peter Mieg glaubte, in den Rundungen von Hünerwadels Frauenkörpern den Schlossberg oder die sanften Jurahügel wiederzuerkennen. Mieg, selber ein bedeutender Künstler und Zeitgenosse Hünerwadels, verfasste für die Lenzburger Neujahrsblätter den Nachruf des Bildhauers, der 1945 verstarb. «Je länger man mit ihnen zusammenlebt, umso näher und liebenswerter werden sie», schrieb Mieg über Hünerwadels Skulpturen. «Man entdeckt in ihnen ein unalltägliches Können und eine seltene Reinheit des Wollens.»

Kunsthistoriker Marc Seidel ist auch voll des Lobes. «Handwerklich fantastisch», sagt er über Hünerwadel. Seidel ist seit August 2017 Sammlungsverantwortlicher für das Museum Burghalde und auch für die Kunstgegenstände der Stadt zuständig. Als er ins Städtli kam, hat er nicht geahnt, was ihn erwarten würde. Mittlerweile ist er begeistert vom kulturellen Fundus, den er angetroffen hat. «Es gibt hier grossartige Stücke über alle Kunstgattungen hinweg.»

Nach und nach macht Seidel sich daran, in den Depots des Museums Burghalde den Fundus aufzuarbeiten. Und was er da in den Regalen hinter Wisa-Gloria-Dreirädern und verrosteten Säbeln entdeckt, lässt ihn in Begeisterungsstürme ausbrechen. «Ein Traum für einen Kunsthistoriker», sagt er. Es wurde viel gesammelt in Lenzburg. Nicht alle Exponate besitzen den gleichen künstlerischen und kunsthistorischen Wert. Eine Aufgabe Seidels ist es nun, die Perlen herauszusuchen. Er hat bereits einige erspäht. «Lenzburg hat wirklich grossartige Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht», sagt er. Die meisten seien aber in Vergessenheit geraten – zu Unrecht. Im Rahmen der neuen Dauerausstellung im Museum Burghalde hat er bereits einige Persönlichkeiten vorgestellt. Aktuell vertieft sich Seidel in das Werk von Arnold Hünerwadel.

Original oder Kopie?

Zu Seidels Aufgaben gehört es auch, den Sammlungsbestand zu erweitern. Auf der Suche nach Skulpturen von Hünerwadel ist er im Welschen auf eine kleine Fortuna – die Glücksgöttin – aus Gips gestossen. Für das Museum Burghalde konnte er sie kürzlich erstehen.

«Bei manchen Funden ist es wie ein Krimi», sagt Seidel und lächelt. Zum Beispiel beim Fall der «Auferstehung». Die feingliedrige Bronzestatue mit diesem Namen stand seit Jahr und Tag im Burghaldenhaus, bis vor wenigen Wochen Stiftungspräsident Urs F. Meier mit einer zweiten «Auferstehung» auftauchte. Welche Plastik war nun das Original und welche die Kopie? Eine Gegenüberstellung verschaffte Klarheit. Endlich hatte das Museum das Original erhalten, das ab sofort den geschützten Platz im Burghaldenhaus einnehmen durfte. Die doppelte «Auferstehung» wurde ausquartiert und steht fortan im Burghaldenpark auf dem Grabstein von Arnold Hünerwadel.