«Wir wollen cool und sympathisch sein», sagt Nicholas Hänny. Eine Aussage, mit der man normalerweise eher das Gegenteil erreicht, da sich diese Zustände nur schwer erzwingen lassen. Aber Nicholas Hänny und Robin Gnehm haben Glück; sie sind von Natur aus cool und sympathisch. Und sie glauben, dass das einer der Hauptgründe ist, wieso ihr Business Nikin dermassen gut läuft. Die Freunde und Geschäftspartner verkaufen mit grossem Erfolg nachhaltige Mode und Accessoires.

Angefangen hat alles im Oktober 2016 bei einem Bier im Pub in Lenzburg. Nicholas Hänny und Robin Gnehm (beide 26) sind als Söhne eng befreundeter Familien aufgewachsen, Hänny in Lenzburg, Gnehm in Boniswil. Ökonom Nicholas Hänny steckte schon immer voller Business-Ideen, die er auch tatkräftig anpackte. Eine dieser Ideen war ein Turnsäckli, das er selber designte und hundertfach verkaufte.

Beim Bier im Pub wurde Robin, der Kreative, zum Geschäftspartner. «Ich wollte noch ein weiteres Produkt vertreiben», sagt Hänny. Mützen sollten es sein, aber nicht irgendwelche. «Ich war damals gerade von einem Sprachaufenthalt aus Kanada zurückgekommen», sagt Gnehm.

Die Bäume dort hätten ihn fasziniert, und so hatte er das Logo für das neue Unternehmen mit dem Namen Nikin schon im Kopf, bevor es existierte: ein schlanker, hoch gewachsener Tannenbaum. Er steht für die Marke und das Konzept von Nikin: Für jedes verkaufte Produkt wird ein Baum gepflanzt. Möglich macht dies die Partnerschaft mit der Organisation One Tree Planted, die auf der ganzen Welt Bäume setzt. Zwei Jahre später sind sie verantwortlich für einen ganzen Wald. «Wir haben bereits 50 000 Bäume gepflanzt», sagt Hänny.

Mutter leistete Nachtschichten

Wenn die Firmengründer erzählen, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, haben sie selber Mühe, alles chronologisch richtig zu ordnen. Nikin ist gross geworden, richtig gross. Anfangs reichte ein Regal in Gnehms Elternhaus, um die bestellten Mützen aufzubewahren. Heute hat die Firma den Sitz und die Lagerräume im Gebäude der ehemaligen Wisa Gloria.

Ursprünglich wollten sie drei grosse Räume mieten, doch noch bevor sie einzogen, wurde klar, dass sie den ganzen Stock brauchen. «Wir werden hier sechs bis acht Tonnen Material lagern», sagt Hänny. Diese Entwicklung ist symptomatisch für die Entwicklung von Nikin: Die beiden jungen Unternehmer bewiesen das richtige Gespür für neue Produkte – T-Shirts, Badetücher, Trinkflaschen – sowie Schnelligkeit und Nerven.

«Manchmal hatten wir Produkte zur Bestellung angeboten, die noch gar nicht geliefert wurden», sagt Hänny. Mehrmals wechselten sie das Lager, brauchten immer mehr Platz. Und Hilfe. Die Etiketten der ersten Mützen hatte Robin Gnehms Mutter in langen Nachtschichten angenäht, mittlerweile werden die Labels unter anderem von der Stiftung Orte zum Leben in Lenzburg und von Trinamo Wohlen angebracht.

Nach und nach stiegen Gnehms Brüder bei Nikin ein – anfangs halfen sie abends nach der Arbeit noch zwei Stunden beim Verpacken. «Der logistische Aufwand war riesig», sagt Robin Gnehm. «Früher haben wir bei jedem Päckli von Hand ‹Liebe Gruess, Nicholas und Robin› draufgeschrieben», sagt er und muss lachen. Mittlerweile ist Nikin eine GmbH. Im Büro mit Industrie-Charme sitzen eine Handvoll junger Leute an Computern, nebenan werden Bestellungen eingepackt.

Nikin beschäftigt neun Personen zu insgesamt 700 Stellenprozent, bei Bedarf helfen Studenten auf Abruf mit. Hänny hat seinen Job gekündigt und Gnehm sein Industrial-Design-Studium unterbrochen. «Das hier ist einmalig», sind sie sich einig. Und anstrengend. «Wir arbeiten beide viel», sagt Hänny. Ein Vollzeitjob, für den sie endlich Zeit haben und nicht mehr wie früher in den Pausen noch schnell auf dem Handy Kundenanfragen beantworten mussten.

Produktion nach Europa verlagert

Die Nachhaltigkeit war den beiden ehemaligen Pfadern stets wichtig. Die ersten Mützen und T-Shirts kamen aus Asien. «Mit einem Startbudget von 5000 Franken wäre das gar nicht anders gegangen», sagt Hänny. Doch das passte nicht zur Philosophie von Nikin. Mit dem steigenden Umsatz kamen europäische Hersteller in Reichweite. Die Mützen werden unterdessen in Polen hergestellt, die Shirts in der Türkei.

«Bei uns erhält man für 35 Franken ein T-Shirt aus Biobaumwolle, das in Europa produziert wurde», sagt Hänny. So können sich auch junge Leute faire Mode leisten. Baum für Baum wollen die jungen Männer die Welt ein bisschen besser machen. «Doch wir sind keine Ökoterroristen, wir stehen für vernünftige Nachhaltigkeit», sagt Gnehm. Noch seien bei den T-Shirts 35 Prozent des Materials aus Polyester, bei den Mützen ist Acryl drin. Aber Hänny und Gnehm sind ständig am Tüfteln: Die neuste Mütze ist aus recycelten Jeans.

Die Geschäftsidee von Nikin ging auf. Unter anderem, weil die Gründer dafür sorgten, dass möglichst viele von ihrem Unternehmen erfuhren. Sie haben sich die Möglichkeiten der sozialen Medien zunutzen gemacht. «Wir haben gezielt Werbung bei 18- bis 30-Jährigen geschaltet», sagt Hänny. Viel Werbung. Wenn Personen aus dieser Zielgruppe im Internet nach nachhaltigen Produkten suchen, ist die Chance gross, dass ihnen bald Werbung von Nikin unter die Nase kommt. Auf den Bildern sind junge Leute in Nikin-Kleidern in der Natur zu sehen. Cool und sympathisch.

Expansion nach Deutschland und Frankreich

Wenn man sich achtet, trifft man überall in der Schweiz auf das Tannen-Logo. Erzählen die Firmengründer von Nikin, heisst es oft: «Ach, die mit dem Baum!» Über 95 Prozent des Umsatzes machen sie über ihren Onlineshop. Regelmässig kommen Anfragen von Läden. Nur ganz wenige erhalten Nikin-Produkte. «Das Geschäft muss wirklich zu uns passen», sagt Gnehm. So wie das Café mit regionalen Speisen und nachhaltigen Produkten, das nächstes Jahr an bester Lage an der Zürcher Bahnhofstrasse eröffnen wird. Es wird die Mode aus Lenzburg nicht nur verkaufen, sondern damit auch seine Angestellten einkleiden. Das Interesse ist auch im Ausland gross, Nikin expandiert dieser Tage mit Onlineshops nach Deutschland und Frankreich.

Im Sommer reisten Hänny und Gnehm nach Kanada, um den Gründer von «One Tree Planted» zu treffen und den frisch gepflanzten Bäumen beim Wachsen zuzusehen. Eine Woche konnten sie für die Reise entbehren. Zu Hause wartete wieder die Arbeit, bald beginnt das Weihnachtsgeschäft. Auch dieses Jahr werden wahrscheinlich viele Produkte mit dem nachhaltigen Baum unter dem kurzlebigen Weihnachtsbaum liegen. Mit einem Zertifikat für einen gepflanzten Baum. Selbstverständlich aus baumfreiem Papier.