Eine Frau erfährt, dass ihr ungeborenes Kind möglicherweise eine Behinderung hat. Die zwei Möglichkeiten: Abtreiben oder behalten. Vor diese Frage werden immer mehr Frauen gestellt. Die vorgeburtlichen Untersuchungen wurden weiter entwickelt und sind heute genauer. Die Entscheidung fällt deswegen nicht leichter. Um diese geht es in der Podiumsdiskussion «auswählen oder annehmen» im Rahmen der Ausstellung «Entscheiden» in Lenzburg (siehe Box rechts).

Eine Frau, die heute froh ist, dass sie diese Entscheidung nicht treffen musste, ist Agnes Küttel. Die heute 60-Jährige gewährt in einem Gespräch Einblicke in ihr Leben mit ihrer Tochter, der nach der Geburt Trisomie 21 diagnostiziert wurde. Vor 23 Jahren brachte Agnes Küttel Tochter Nadine zur Welt. Ultraschalls bei den vorgeburtlichen Untersuchungen zeigten keine Auffälligkeiten, weshalb eine Fruchtwasserpunktion nicht angezeigt erschien. «Das haben uns nach der Geburt einige vorgeworfen», sagt Küttel. Aber heute sei sie froh, dass sie nicht vor die Entscheidung gestellt wurde. «Psychologen sagen, dass etliche Frauen, die sich zur Abtreibung entschieden haben, später von Gewissensbissen geplagt werden», sagt Küttel.

«Moralisches Auf und Ab»

Die Seengerin spricht offen über die Behinderung ihrer Tochter und darüber, wie sich das Leben der Familie verändert hat. Nach der Geburt und der Diagnose plagte sie ein «moralisches Auf und Ab». Tausend Fragen gingen ihr durch den Kopf. Warum gerade wir? Was können wir tun? Wie gehe ich damit um? Für sie war aber rasch klar: «Das ist unsere Tochter, sie gehört zu uns.» Agnes Küttel griff zu Fachliteratur und knüpfte Kontakte zu Familien mit behinderten Kindern. 2005 lässt sie sich in den Vorstand von der Behindertenorganisation Insieme Aarau-Lenzburg wählen. Die Vorstandsarbeit war für Küttel eine willkommene Abwechslung zum Alltag.

Arbeiten kam für Agnes Küttel in den ersten Jahren nach der Geburt nicht infrage. Die Termine der Tochter sind auch ihre Termine – heute noch, auch wenn Nadine mittlerweile auswärts arbeitet und wohl bald ausziehen wird. Arzt, Therapie oder mal ein Badi-Besuch: Nadine kann das nicht alleine bewältigen; braucht die Hilfe ihrer Mutter.

Keine rosa Brille

«Ich will nicht zu viel jammern», sagt Agnes Küttel, denn ihre Tochter gebe ihr viel zurück. «Sie ist eine Frohnatur und gleicht emotionale Schwankungen auch mal aus.» Aber sie habe auch nicht die rosa Brille auf; schaue nicht mit einem verklärten Blick auf Behinderte. Ein Kind «mit besonderen Bedürfnissen» zu erziehen, brauche viel Energie. Es galt auch stets, dem zwei Jahre älteren Sohn genügend Zuwendung und Aufmerksamkeit zu geben. Darum half ab und an eine Praktikantin aus, oder der Entlastungsdienst ermöglichte es ihr, einmal mit dem Sohn etwas zu unternehmen.

Geduld und Ausdauer gelernt

Trotz der vielen Arbeit: Agnes Küttel hat sich daran gewöhnt. Und betont im Gespräch, wie viel sie auch von ihrer Tochter lernen konnte. «Geduld und Ausdauer habe ich dank ihr gelernt.». Ein weiteres Beispiel sei ihr Sohn Fabian (25). Er habe hohe Sozialkompetenzen erreicht.

Heute arbeitet Agnes Küttel wieder in einem Teilpensum als kaufmännische Angestellte. «Da kann ich einfach ich sein», sagt sie. Aber auf der Arbeit werde ihr immer bewusst, dass ihre Tochter halt schon anders sei. Wenn die anderen Mütter von ihren Kindern erzählen, die die Fahrprüfung machen oder ausziehen und ihr Leben selber gestalten.

Agnes Küttel hat die enorme Arbeit gerne auf sich genommen und ein behindertes Kind grossgezogen. «Ich verstehe aber Frauen, die sich zu einer Abtreibung entscheiden, sehr gut», sagt sie. Verurteilen wolle sie diese auf keinen Fall. Agnes Küttel fügt aber an: «Es ist das Leben, welches den Lebenslauf entscheidet. Niemand kann garantieren, dass ein gesund geborenes Kind gesund bleibt.»