Wieso wechselt ein Stadtschreiber aufs Land? Weil er die Nähe zum Bürger sucht. Gut sechs Jahre lang arbeitete Stefan Jetzer (45) als Stadtschreiber in Baden. Wohl hatte er dort eine Stabsstelle und erledigte interessante Arbeiten für den Stadtrat, die Verwaltung und den Einwohnerrat. Doch Jetzer fehlte der Kontakt zu den Menschen und die Führung von Mitarbeitern. «Ich konnte wenig Einfluss auf die Geschehnisse nehmen und merkte, dass ich an Ort trat.» Der Wunsch nach einer Stelle als Gemeindeschreiber in einem überschaubaren Dorf, der Reiz nach einem vielseitigen Arbeitsgebiet wurde immer grösser.

Diese Vielseitigkeit kannte er von früher: Nach seiner Verwaltungslehre in Lengnau sammelt er Erfahrungen in verschiedensten Verwaltungen und erlangte schliesslich den Fachausweis zum Gemeindeschreiber. Er war 30 und fragte sich: «Ist das alles? Nein», sagte er und ging nach Fribourg. Dort hatte er die Möglichkeit das Jurastudium nachzuholen, weil ihn das Recht von jeher faszinierte. Diese Studienjahre waren die spannendsten in seinem Leben, blickt Stefan Jetzer zurück.

Er studierte mit jungen Studenten im Welschland, und um Geld zu verdienen, arbeitete er als Springer auf Kanzleien in der Deutschschweiz. Er war unter anderem Gemeindeschreiber in der kleinen Gemeinde Rümikon. Montag bis Mittwoch studierte er, ab Donnerstag brachte er die Kanzlei auf Vordermann. Damals ging das noch. Doch hätten sich die Ansprüche an einen Gemeindeschreiber verändert, sagt Stefan Jetzer. «Die Bürger haben höhere Anforderungen, das Aufgabengebiet ist komplexer geworden.»

Der «Löwen» beschäftigt ihn

Der Stellenbeschrieb des Gemeindeschreibers in Beinwil am See gefiel ihm auf Anhieb. Natürlich gefiel ihm auch die schöne Lage um den Hallwilersee, um den er oft geradelt war. Zwar empfindet Jetzer die Büroräume, in denen er seit einem halben Jahr arbeitet, veraltet. Doch dafür stimmt die Chemie zwischen ihm und dem Gemeinderat.

Sein Büro würde in nächster Zeit sowieso neu möbliert – und wer weiss, wann Jetzer und sein Team in den ehemaligen «Löwen» ziehen können. Den Abstimmungskampf um die Umnutzung des alten Hotels in eine Gemeindeverwaltung verfolgte er mit Spannung. Damals, frisch zum Gemeindeschreiber gewählt, schluckte er drei Mal leer, als er in der Zeitung las: «Die Gemeindeangestellten sollen schaffen und nicht auf den Löwenkreisel runterschauen.»

Eine seiner ersten aufregendsten Handlungen war die Referendumsabstimmung: Der Entscheid zum Löwenumbau fiel hauchdünn, mit fünf Stimmen Unterschied, aus. «Wir zählten mehrere Male aus, um sicherzugehen, dass das Ergebnis wirklich stimmt.» Das Löwenprojekt wird Jetzer noch einige Zeit beschäftigen wie auch der geplante Neubau des Feuerwehrmagazins und Bauamts.

In den letzten Monaten trat Stefan Jetzer seine neue Stelle in Beinwil am See an. In der gleichen Zeit wurde er zum zweiten Mal Vater und zügelte mit seiner Familie in ein Eigenheim nach Staufen. Den Wechsel von Baden in die Provinz bereut er keine Minute. «Das war kein Kulturschock», sagt er und lacht. «Jetzt bin ich wieder an der Front. «Sollte er mal lange Zeit nach Baden und dem Zurzibiet haben, taucht er in die Vergangenheit ein: Als Vorstandsmitglied engagiert er sich bei der Historischen Vereinigung des Bezirks Zurzach.