Katrin Bolliger und ihre drei Helfer stehen ausgerüstet mit Kesseln voller Geisseln auf dem Pausenplatz des Angelrainschulhauses und warten. Chlausklöpfen ist in Lenzburg gelebte Tradition und jede Klasse hat eine Schulstunde für den Workshop zur Verfügung. Das Knallen ist in dieser Jahreszeit überall in der Region zu hören und führt immer wieder zu Lärmklagen bei der Polizei oder den klöpfenden Kindern, weil Zuzüger den Brauch nicht kennen. Die Workshops in der Primarschule leisten also auch wichtige Aufklärungsarbeit.

Die Fünftklässler, die an diesem Morgen antraben, wissen, weshalb geklöpft wird. «Um den Chlaus zu wecken», sagt ein Knabe. Der Chlaus hat sich nach einem Bubenstreich in seiner Höhle versteckt und muss nun wieder hervorgeklöpft werden, damit er am Chlausmärt auftreten kann. «Da waren sicher auch Luusmeitli dabei», sagt einer der Instruktoren. Die Mädchen sind sich nicht ganz sicher. Aber zur Geissel greifen alle. Und schnell wird klar, wer schon Erfahrung hat. Sie stehen fest am Boden und führen die Geissel in ruhigen, gleichmässigen Bewegungen. Damit es funktioniert, muss der ganze Körper mitdrehen, mit dem Stecken wird eine horizontale Acht gezeichnet und der Blick geht dem Geisselköpfchen hinterher. «Die Bewegung geht von den Zehen bis in die Fingerspitzen», sagt Instruktor Thomas Körkel.

Diejenigen mit Angst vor der Geissel halten den Stecken etwas zu hoch und ziehen den Kopf ein. Ein Mädchen hat sich die Kapuze über die Ohren gezogen. Doch die Vorsichtsmassnahme ist unnötig. Die Buben sind selbstbewusster und fordern einander zu immer längeren Geisseln hinaus. «Meine ist drei Meter lang», ruft einer. Viele Kinder sind in Lenzburg aufgewachsen und klöpfen schon seit Jahren. Doch auch die Neulinge steigen schnell ein. Oft lernen es die Mädchen schneller. Gabriela klöpft unbeirrt, links und rechts gleich laut. Nach den Aufgaben gehe sie jeweils raus, um zu klöpfen. Auch Darren ist die Erfahrung anzusehen, er klöpft gleichmässig und ruhig und kann dabei sogar noch lächeln. Am Chlausmärt ist er mit seiner Geissel auf der Strasse. «Ich mag, dass es laut ist», sagt der Fünftklässler.

Es gibt auch regionale Unterschiede

Schulpflegerin Katrin Bolliger und ihre drei pensionierten Helfer wenden ihre Freizeit auf, damit alle 24 Abteilungen der Primarschule einen Workshop besuchen können. In der grossen Pause stärken sie sich im Lehrerzimmer bei Kaffee und Gipfeli. Bolliger ist zufrieden mit der Lenzburger Schule. «Es ist nicht selbstverständlich, dass die Schulleitung das zulässt», sagt sie. In anderen Gemeinden würde zum Beispiel nur eine Pause für einen Schnellkurs verlängert. Im Angelrain stehen die Geisseln in jeder 10-Uhr-Pause bereit – sofern es nicht regnet. Katrin Bolliger ist leidenschaftliche Klöpferin, sie organisiert die Ladies Night, wo Frauen unter sich klöpfen können; am 22. November beim Schulhausplatz in Egliswil und am 29. November beim Angelrain in Lenzburg.

Die Instruktoren kennen sich nicht nur mit dem Klöpfen aus, sondern auch mit den Geisseln. Woran erkennt man eine echte Lenzburger-, ja, eine Lüthi-Geissel? «Sie ist aus einem Stück», erklärt Thomas Körkel. Die meisten Schulgeisseln im Angelrain sind aus der Innerschweiz und aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Das macht die Reparatur einfacher. Aber eine Lüthi-Geissel ist ein besonderes Schmuckstück, geflochten vom Anfang bis zum Ende. Aber auch in der Region gibt es Unterschiede, zum Beispiel beim Stecken. «In Möriken haben wir nur Tannenstecken», sagt ein Instruktor. Er erinnert sich noch gut an das Wettklöpfen 1957, das er als Bub gewonnen hat. Seither wurden aus den Buben Männer und aus den Männern Pensionäre. Das Chlausklöpfen hat sie durch alle Lebensphasen begleitet. Und den Zeitungsartikel, der vor über 60 Jahren zu seinem Sieg erschien, hat der Mörkner ausgeschnitten und bis heute aufbewahrt.