Es gab mehrere Grafen, die den Namen Lenzburg trugen. Ulrich IV. war der letzte und bedeutendste von ihnen. Doch Lenzburg kann als Bezeichnung des Grafengeschlechts irreführend wirken. Zum einen stand die Bezeichnung geografisch und machtpolitisch für weit mehr als nur die Burg oder das Städtchen. Zum anderen dürfte sich Ulrich nur höchst selten auf seiner Hausburg aufgehalten haben, denn er war ständig unterwegs.

Im Mittelalter definierte sich Herrschaft unter anderem über Länder und Güter, die man entweder besass, oder von einem höher gestellten Fürsten verliehen bekam. So entstand ein sensibles System von Abhängigkeiten zwischen Herrschern und Beherrschten. Die Lenzburger hatten etwas, was sie wertvoll machte: Sie waren Herren über zwei Alpenpässe. Wer durch das Bleniotal oder die Leventina nach Italien reisen wollte, musste sich mit den Lenzburgern gut stellen. Aufgrund dieser wichtigen Funktion waren die Grafen von Lenzburg von grosser Bedeutung für die Italienpolitik der römisch-deutschen Könige und Kaiser. Ulrich IV. lebte unter drei römisch-deutschen Herrschern; Lothar III, Konrad III und Kaiser Friedrich I, auch bekannt als Barbarossa.

Privatleben bleibt dunkel

Mit dem letzten scheint Graf Ulrich eine freundschaftliche Beziehung gepflegt zu haben. Doch es ist schwierig, Details über das Privatleben des Grafen herauszufinden. «Wir wissen weder, ob der Graf verheiratet war, noch wie er ausgesehen hat», sagt Martina Huggel, leitende Kuratorin vom Museum Aargau. Da im Mittelalter üblicherweise keine persönlichen Tagebücher oder Briefe überliefert wurden, bleibt dieser Aspekt des gräflichen Daseins dunkel. Auch sein Geburtsjahr ist nicht klar definiert, 1125 wird er erstmals in einer Urkunde erwähnt. Diese Leerstellen in der Biografie des Grafen sind auch eine Aussage über die Wertvorstellungen des Mittelalters. «Die Individualität einer Person spielte keine so grosse Rolle wie heute», sagt Huggel. Kaiser Barbarossa und Graf Ulrich waren für die Gesellschaft in ihrer Funktion wichtig. Hätten Barbarossa und Graf Ulrich unterwegs mit dem Heerlager ein Selfie geschossen, wären die prunkvollen Kleider und Reichsinsignien des Kaisers als Mittel der Repräsentation wichtiger gewesen, als ihre Gesichter.

Die Herrschenden taten gut daran, in ihrem Untertanengebiet Präsenz zu markieren. Sie reisten quer durch das Reich, machten mit ihren Unterschriften Dokumente gültig, verhandelten mit Untergebenen oder zogen gar in den Krieg. Anhand von rechtlichen Urkunden können die Reisen des Grafen nachverfolgt werden. Auffällig ist dabei, dass er sich oft im Gefolge von Kaiser Barbarossa befand. «Hier kann man so weit gehen, das Verhältnis als sehr eng, beinahe freundschaftlich zu bezeichnen», sagt Martina Huggel. Den grössten Vertrauensbeweis erteilte Barbarossa dem Lenzburger Grafen, als er ihn als Gesandten einsetzte, um seine Kaiserkrönung mit den päpstlichen Legaten zu verhandeln. Graf Ulrich bedankte sich auf eine höchst ungewöhnliche Art für das Vertrauen: 1173 starb der Graf – Umstände unbekannt – und vermachte sein Hausgut seinem Freund Barbarossa. Darauf erschien der rotbärtige Kaiser höchstpersönlich auf der Lenzburg, wohl auch, um sein Erbe entgegenzunehmen. Sein Sohn Otto erhielt das Schloss, später fiel die Burg an die Städtegründer: die Kyburger.

Mit Graf Ulrich starb auch das Geschlecht der Lenzburger. Nur wenige Generationen hatte es gedauert. Wo sie herkamen, ist unklar. Vermutlich hatten die Grafen Vorfahren aus Beromünster. Hätte Ulrich IV. einen Erben hervorgebracht, wären die Lenzburger wohl so berühmt und mächtig geworden wie die Habsburger. Doch mit dem Hinscheiden von Ulrich war Schluss. Der Ruf der Lenzburger ist verklungen. Aber immerhin hat ihr Stammsitz die Jahrhunderte besser überdauert als derjenige der Habsburger.

Schlösser im Aargau: