Als im November 2015 bei Arbeiten an der Ringmauer des Schlosses Lenzburg die Baggerschaufel auf etwas Hartes traf, war dem Bauführer Jeremias Zuckschwerdt sofort klar, dass er auf etwas Grosses gestossen war. Er grub vorsichtig von Hand weiter und legte einen achteckigen Taufstein frei.

Dieser wurde in der Zwischenzeit restauriert und bei der katholischen Kirche Herz Jesu Lenzburg aufgestellt. Am Samstag fand die Feier zur Restauration und Setzung des geschichtsträchtigen Steins statt.

Ursprünglicher Zustand des Lenzburger Taufsteins

Ursprünglicher Zustand des Lenzburger Taufsteins

Der Lenzburger Taufstein gab Rätsel auf

«Es ist uns eine grosse Freude, dass dieser wunderbare Taufstein hier steht, in unmittelbarer Nähe zum aktiven Taufstein», sagte Pfarrer Roland Häfliger im Gottesdienst, der vor der Einweihung stattfand. Als der Stein vor knapp vier Jahren gefunden wurde, gab er viele Rätsel auf. «In diesem Umfeld würde man niemals einen derartigen Fund vermuten», wurde Peter Frey, der Leiter der Mittelalterarchäologie des Kantons Aargau, im AZ-Bericht vom 18. November 2015 zitiert. Klar war jedoch schon damals: Der Stein besteht aus Muschelkalk und stammt daher sehr wahrscheinlich aus der Region.

Der Villmerger Taufstein.

Der Villmerger Taufstein.

Der Fundort beim Schloss wurde jedoch als sehr ungewöhnlich eingestuft. «Nicht mehr benötigte Taufsteine wurden früher üblicherweise in der Kirche vergraben. Und eine Kirche hatte es auf der Lenzburg nicht, die Schlossherren besuchten den Gottesdienst auf dem Staufberg», steht im erwähnten AZ-Artikel.

Inzwischen wurde der Stein genau untersucht und seine Herkunft erforscht. So konnte Josef Kunz, Historiker und Archivar, am Samstag berichten, dass der Taufstein sehr wahrscheinlich ein Raubstück aus dem ersten Villmergerkrieg im Jahr 1656 war. Zur Zeit des Fundes im Jahr 2015 war man aufgrund der im Stein eingehauenen gotischen Bögen von einer Entstehung im späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert ausgegangen.

Den entscheidenden Hinweis gab dann eine weitere Verzierung, nämlich eine Rose: Als einzige Aargauer Gemeinde führt Villmergen eine solche in seinem Wappen. Somit kann der Stein nicht früher als 1522 entstanden sein, denn zu dieser Zeit erhielt Villmergen das neue Wappen mit dem Rosenmotiv.

«Zur Zeit des Villmergerkrieges war das Schloss Lenzburg der Ladvogteisitz der Berner Patrizier», erklärte Josef Kunz. Die Truppen der Berner lagerten damals in Villmergen und es sei sehr wahrscheinlich, dass, neben anderem Raubgut, auch der Taufstein aufs Schloss gebracht wurden, so Kunz. «Im Zuge der militärischen Aufrüstung der Lenzburg wurde der geraubte Taufstein dann wohl zur Verstärkung der Mauer verwendet.»

Daniel Mosimann, Stadtammann und Präsident der Stiftung Schloss Lenzburg, sagte, dass man den Stein unbedingt der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. So ist er als Leihgabe zur katholischen Pfarrei Herz Jesu gekommen. Diese war auch für die Restaurierung verantwortlich. Der Taufstein hat ein Fundament und eine Haube aus Metall erhalten. Gemäss Monika Bachmann, Mitglied der Kirchenpflege, beliefen sich die Kosten für die Restauration inklusive Transport, Fundament, Haube und administrative Aufwendungen auf etwa 20 000 Franken.