Lenzburg
Der Schneckenbaum wurde gefällt – seine seltenen Bewohner umgesiedelt

Einer der berühmtesten Bäume von Lenzburg wurde am Mittwoch gefällt. Die darin wohnhaften Mini-Schnecken haben ein neues Zuhause gefunden.

Ann-Kathrin Amstutz (Text) und Chris Iseli (Foto)
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Die Rosskastanie beim Müli-Märt in Lenzburg wird gefällt – aber erst, nachdem rund 800 Exemplare der Zahnlosen Schliessmundschnecke umgesiedelt wurden.

Die Rosskastanie beim Müli-Märt in Lenzburg wird gefällt – aber erst, nachdem rund 800 Exemplare der Zahnlosen Schliessmundschnecke umgesiedelt wurden.

Chris Iseli

Im Nebel leuchten die orangen Jacken der Arbeiter und der grüne Greifarm des Krans. Eine Motorsäge kreischt. Ast um Ast zersägt sie die über hundertjährige Rosskastanie vor dem Müli-Märt in Lenzburg. Die Kastanie ist nicht irgendein Baum: Sie ist einer der seltenen Orte im Mittelland, wo Zahnlose Schliessmundschnecken leben.

Der «Schneckenbaum» und seine Bewohner hatten vor knapp zwei Jahren für Aufsehen gesorgt. Schon damals sollte die altersschwache und kranke Kastanie gefällt werden. Doch zufällig spazierte der Zürcher Zoologe und Schneckenexperte Peter Müller vorbei und entdeckte eine Zahnlose Schliessmundschnecke in der Rinde. Diese steht auf der Roten Liste der Weichtiere und ist schweizweit gefährdet.

800 Schnecken gezügelt

Es war die erste Sichtung im Aargau seit über 100 Jahren – eine kleine Sensation. Doch hier, an der kranken Rosskastanie, konnten die Mini-Schnecken nicht bleiben. Also wurde eine aufwendige Umsiedelungsaktion ins Leben gerufen. Peter Ulmann, stellvertretender Leiter des Lenzburger Bauamtes, bestimmte mit Peter Müller drei Ersatzstandorte: in den Steinmauern am Burghaldenhaus, im Renaturierungsgebiet Wilmatten und im Waldgebiet Lütisbuech. Dort gibt es genügend Nahrung in Form von Flechten und Moos und passende Lebensräume. Die «Züglete» erledigten dann Freiwillige vom Natur- und Vogelschutzverein Lenzburg. Mit Pinzetten sammelten sie rund 800 Schnecken ein – die Basis für eine erfolgreiche Umsiedelung.

Die Zahnlose Schliessmundschnecke (Balea perversa) Sie ist winzig: Das Häuschen der Zahnlosen Schliessmundschnecke wird gerade mal sieben bis acht Millimeter lang. Dennoch kann sie ein Alter von fünfzehn Jahren erreichen. Anders als die meisten Schneckenarten lebt sie nicht im Boden, sondern in den Ritzen von alten Bäumen oder Mauerwerk. Die Zahnlose Schliessmundschnecke ist ein Zwitter, brütet die Eier aber im Körper aus. Als blinder Passagier von Vögeln wurde sie über den halben Globus verbreitet. Im Schweizer Mittelland ist die gefährdete Schnecke seit den 1970er-Jahren äusserst selten geworden. (AKA)

Die Zahnlose Schliessmundschnecke (Balea perversa) Sie ist winzig: Das Häuschen der Zahnlosen Schliessmundschnecke wird gerade mal sieben bis acht Millimeter lang. Dennoch kann sie ein Alter von fünfzehn Jahren erreichen. Anders als die meisten Schneckenarten lebt sie nicht im Boden, sondern in den Ritzen von alten Bäumen oder Mauerwerk. Die Zahnlose Schliessmundschnecke ist ein Zwitter, brütet die Eier aber im Körper aus. Als blinder Passagier von Vögeln wurde sie über den halben Globus verbreitet. Im Schweizer Mittelland ist die gefährdete Schnecke seit den 1970er-Jahren äusserst selten geworden. (AKA)

«Kooperativer als in Zürich»

Am Mittwoch wurde der Schneckenbaum nun doch noch gefällt. Damit beginnt die zweite Phase der Umsiedelung. Peter Ulmann erklärt: «Viele Schnecken verstecken sich noch im Holz. Deshalb werden alle Äste an die neuen Standorte transportiert. Wir hoffen, dass so möglichst viele Tiere überleben.»

Der Sonderbeauftragte in Sachen Schnecken ist fasziniert von den Winzlingen, obwohl sie ihm eine Menge Mehrarbeit eingebrockt haben. «Die Arbeit ist sehr spannend. »

Nicht überall fällt das Engagement von Schneckenexperte Peter Müller auf so fruchtbaren Boden wie in Lenzburg. Die Stadt steuerte sogar 5000 Franken zum Schutz der Tiere bei. Müller lobt: «Hier sind die Behörden viel kooperativer als etwa in Zürich.» Zwar gebe es keine hundertprozentige Sicherheit, dass die Umsiedelung nach Wunsch gelingt. «Ein Teil wird wohl überleben, ein anderer Teil nicht. Doch ich denke, die Chancen stehen relativ gut.»

Nach dem Fund in Lenzburg diskutierte Peter Müller mit Pro Natura Aargau über ein Artenschutzprojekt. Ohne Erfolg. Doch der Schneckenexperte gibt nicht auf. Er ist überzeugt, dass die Zahnlosen Schliessmundschnecken im Aargau noch da und dort zu finden wären: «In der Linner Linde zum Beispiel.»

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