Lenzburg

Der Säckelmeister geht in Pension – und nimmt die weite Welt wieder mit

Beat Lüscher und Elisabeth Steiner haben viele Jahre zusammen gearbeitet. Die Weltkarte an der Wand sorgte dafür, dass es nie zu eng wurde im Büro.

Beat Lüscher und Elisabeth Steiner haben viele Jahre zusammen gearbeitet. Die Weltkarte an der Wand sorgte dafür, dass es nie zu eng wurde im Büro.

Sein ganzes Berufsleben hing die Weltkarte in seinem Büro: Nach der Pensionierung packt Finanzverwalter Beat Lüscher die Koffer für die nächste Reise auf den afrikanischen Kontinent.

Zwei Jahre vor seiner Pensionierung hatte der damalige Finanzverwalter neue solide Holzmöbel ins Büro gestellt: ein Pult, einen Tisch mit Stühlen, zwei Ordnerschränke. Damit war auch der Arbeitsplatz für den Nachfolger bereits eingerichtet. Niemand kam also auf die Idee, den jungen Beat Lüscher bei seinem Stellenantritt als Leiter der Finanzverwaltung im April 1982 nach seinem Geschmack für die Möblierung das Chefbüros zu fragen. Und dabei ist es geblieben. 33 Jahre lang.

Ende Monat geht Lüscher vorzeitig in Pension. Anschliessend wird der Raum für seinen Nachfolger neu ausgestattet. In der Stimme von Beat Lüscher schwingt fast ein wenig Stolz mit, wenn er sagt: «Ich habe wohl das älteste Pult in der ganzen Verwaltung.» Dabei überzieht ein breites Schmunzeln sein Gesicht. Gekümmert hat ihn die einfache Büromöblierung nie, als einziges persönliches Relikt findet sich eine grosse Weltkarte im Raum. Diese hat er an seinem ersten Arbeitstag, am 1. April 1982 an die weiss getünchte kahle Bürowand geheftet, in einer Woche an seinem Letzten wird er sie wieder entfernen. «Sie hat mir die grosse weite Welt ins enge Büro gebracht», erklärt er.

Lüschers Arbeitsplatz ist in all den Jahren gleich geblieben, umso mehr hat sich seine Tätigkeit mit der Entwicklung der Stadt Lenzburg verändert, der Arbeitsumfang ist rasant gewachsen. Die von Lüscher präsentierten Zahlenvergleiche sind beeindruckend: Der Umsatz der Stadt ist in den vergangenen drei Jahrzehnten von 18 auf 68 Millionen Franken gestiegen.

Zu denken gibt die Entwicklung der Sozialkosten in dieser Periode: Vor 33 Jahren haben zwei Personen Fürsorgegelder in der Höhe von 39 000 Franken pro Jahr ausbezahlt. Heute sind die Sozialen Dienste mit 8,3 Vollzeitstellen besetzt. Der Umsatz ist mit 1,5 Mio. Franken fast 39 Mal höher. Dass dem Staat zunehmend mehr Lasten aufgebürdet werden, macht Lüscher Sorgen. «Von der Kleinkinder- über die Jugend- bis zur Alters- und Krankenbetreuung», alles soll die öffentliche Hand finanzieren.»

Stets die gleiche Mitarbeiterin

In Beat Lüschers Arbeitsleben gab es nebst Möbeln und Weltkarte eine weitere Konstante: seine Bürokollegin Elisabeth Steiner. 32 Jahre lang haben sie Seite an Seite gearbeitet. Wie Lüscher ist auch Steiner ein Mensch der wenigen Worte. Eine Macherin, so wie er. Verantwortlich unter anderem für das Lohnwesen. Diese Aufgabe hat sie so ernst genommen, dass sie in all den Jahren erst in die Ferien gegangen ist, wenn die Löhne gemacht waren. «384 Mal hat sie termingerecht den Verwaltungsangestellten ihren Lohn ausbezahlt», rechnet Lüscher vor. Steiner hat fast mehr Zeit an seiner Seite verbracht, als seine Frau Fränzi. Ein Vierteljahrhundert war sie zudem Lüschers Stellvertreterin. Sie ist bereits vor einigen Monaten ebenfalls vorzeitig in den Ruhestand gegangen.

Die Frage nach der grössten Freude kann Beat Lüscher nicht beantworten. Er sei immer gern zur Arbeit gegangen. An die grösste Enttäuschung erinnert er sich hingegen ganz genau: die geplatzte Fusion von Lenzburg und Niederlenz. «Ich habe mich mit Herzblut für das Zusammengehen der Nachbarn engagiert. Dass die Bemühungen bereits im Keim erstickt wurden, hat mich frustriert», bekennt er.

60 Lernende hat Beat Lüscher als Lehrlingsverantwortlicher eingestellt und betreut. Alle haben die Lehrabschlussprüfung bestanden, darauf ist er stolz. «Ja, die Lernenden lagen Beat am Herzen», erinnert sich alt Stadtammann Rolf Bachmann. Er hat das Gespann Lüscher/Steiner während 16 Jahren als Stadtammann, praktisch die halbe Amtszeit der beiden, begleitet. «Lüscher ist eine Person mit Weitblick, gradlinig, ein Mensch, der sich ohne laute Töne durchsetzen kann.» Eine Einschätzung, welche Lüschers heutige Chefin, Vizeammann Fränzi Möhl, teilt. «Beat hat ein gutes Gespür für die politische Landschaft», ergänzt sie.

Ende Monat übergibt Beat Lüscher die Leitung der Finanzverwaltung an Marc Lindenmann, seinen früheren Lernenden und heute sein Stellvertreter. Und Lüscher? Er hat auf der Weltkarte das nächste Reiseziel erspäht: Tansania. Seit Jahren lockt es ihn und seine Frau Fränzi immer wieder auf den afrikanischen Kontinent.

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