Forstwirtschaft
Der neue Leiter der Forstdienste Lenzia ist ein Naturbursche durch und durch

Matthias Ott erzählt warum er den Herbst liebt und warum er Verständnis für Biker im Wald hat.

Ruth Steiner
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Matthias Ott, Leiter der Forstdienste Lenzia, beim Fünfweiher in Lenzburg.

Matthias Ott, Leiter der Forstdienste Lenzia, beim Fünfweiher in Lenzburg.

Colin Frei

Förster mit Hund: Dieses Bild ist man sich in Lenzburg seit Jahrzehnten gewohnt. Frank Haemmerli war kaum ohne seinen Vierbeiner unterwegs. Sein Nachfolger als Stadtoberförster und Leiter der Forstdienste Lenzia, Matthias Ott, taucht zum Gespräch mit Mischka auf,
einer Flat-coated-Retriever-Dame. Doch er winkt ab: Eine Neuauflage des bisher Gewohnten ist nicht vorgesehen.

Etwas salopp formuliert, könnte man von Ott durchaus behaupten, er sei ein Heruntergekommener. Die vergangenen drei Jahre hat Matthias Ott nämlich als Kreisförster im Kanton Nidwalden Bergwälder bewirtschaftet. Er verhehlt aber nicht, dann und wann «etwas Heimweh nach den Mittellandwäldern» verspürt zu haben.

Bei seinen Besuchen daheim sei er öfter in den Wald gegangen. Der 33-Jährige ist nämlich ein Unterländer, aufgewachsen in der Nähe, in Auenstein. Die Lenzia-Wälder kennt er gut. Als Pfadileiter hat er mit seinen Pfadern oft dort herumgetobt. «Bei der alten Kiesgrube beispielsweise oder beim Esterliturm», erzählt er. Die Frage nach Details beantwortet er mit einem spitzbübischen Lächeln.

Ott druckst etwas herum, so richtig zugeben will er nicht, dass er den Job im Lenzia-Revier auf dem Radar hatte. Wie auch immer: Als sich die Gelegenheit zur beruflichen Rückkehr dann tatsächlich bot, zögerte der Forstingenieur nicht lange. Die Zeit in den Innerschweizer Bergwäldern bezeichnet er als lehrreiche Etappe im Berufsleben.

In der Freizeit als Jäger und Mountainbiker unterwegs

Matthias Ott ist eine urchige, bodenständige Erscheinung, ein gmögiger Typ halt. Allwettertauglich gekleidet, mit einer warmen Faserpelzjacke und festem Schuhwerk. Zu Beginn gibt er sich etwas spröde und distanziert, es dauert eine Weile bis Matthias Ott auftaut.

Etwa beim Fünfweiher in Lenzburg, wenn die Sonne durch die Wolken bricht und einen hellen Glanz auf die Wasseroberfläche und in die herbstlich gefärbten Baumkronen wirft, wo er gesteht: «Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit.»

Und er wird fast ein wenig poetisch, wenn vom unglaublich schönen Naturschauspiel schwärmt, vom Laub an den Bäumen, das sich in eine bunte Farbenpracht verwandle und im Wald eine einzigartige Stimmung verbreite.

Er liebt den Holzschlag, das Knacken und Krachen, wenn ein «Baum geerntet wird», wie man im Fachjargon sagt. Und er mag es, wenn herbstliche Nebelschwaden über den Baumkronen liegen. «Gibt es etwas Stimmungsvolleres als das?» Die Frage hat rhetorischen Charakter.

Schon als kleiner Bub mochte er das Geräusch von raschelndem Herbstlaub unter den Füssen, wenn er durch den Wald ging. Schon in frühen Jahren sei der Wald sein liebster Spielplatz gewesen. Deshalb fiel Matthias Ott die Berufswahl leicht. Allerdings hat er die Kantonsschule der Lehre als Forstwart vorgezogen.

Dann zog es ihn jedoch in die Natur. In den Wald, dort hält er sich auch heute noch am liebsten auf. Ein Jahr lang hat Mathias Ott im Emmental Bäume gefällt, anschliessend drückte er wieder die Schulbank: Der Holzfäller mit Matura machte an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen den Bachelor in Forstwissenschaften.

In seiner Freizeit geht Ott auf die Jagd und steigt aufs Mountainbike. Im neuen Lenzia-Chef haben die Mountainbiker einen Sympathisanten für ihre Anliegen gefunden. «Das bedeutet jedoch nicht, dass ich Befürworter irgendwelcher wilder Bikertrails bin», wehrt er ab. Doch es sei tatsächlich etwas langweilig, auf einer normalen Waldstrasse zu biken.

Ebenso zeigt Ott Verständnis dafür, dass die Biker sich gegen eine Kriminalisierung ihres Sports wehren. Es sei deshalb wichtig, ein legales Angebot zu schaffen. Lenzburg hat im Frühling die entsprechenden Regeln verschärft.

Die Regionalpolizei kontrolliert die bekannten Hotspots in den Wäldern, spricht Verwarnungen aus, wenn nötig gibt’s auch eine Busse. Diesem Schritt vorausgegangen war eine breit angelegte Informationskampagne. Dieses Vorgehen habe Früchte getragen, so Ott.

In Zukunft ein Miteinander von Baum, Mensch und Tier

Die erste Zeit im Lenzia-Forst beschreibt Matthias Ott als «sanfte Landung», sein Vorgänger und alle elf Mitarbeitenden hätten ihn unterstützt beim Einarbeiten in den neuen Tätigkeitsbereich. Das Forstrevier umfasst 1132 Hektaren. Die Wälder gehören den Ortsbürgergemeinden Lenzburg, Ammerswil, Niederlenz, Othmarsingen und Staufen.

Die Herausforderungen in der Waldbewirtschaftung der Zukunft sind hoch. Matthias Ott nennt die Stichwörter Klimaveränderung, Holzpreis und Wald als Erholungsraum. In den vergangenen Jahrzehnten hat in der Waldbewirtschaftung ein Umdenken stattgefunden. Nebst der einst verbreiteten ökonomischen Bedeutung gewichten heute ökologische und gesellschaftliche Aspekte ebenso.

«Baum, Tier und Mensch müssen in Zukunft ein Miteinander finden.» Niemand soll unter dem anderen leiden müssen, so Ott. Lenzburg hat schon einige Schritte in diese Richtung unternommen. Was den Wald anbelangt, so windet Ott seinen Vorgängern ein Kränzchen: «Der Lenzburger Wald ist gut aufgestellt.»

Im Lütisbuech stehen zum Teil über 300 Jahre alte Baumriesen. Einige haben kürzlich einen Namen erhalten. Sie sollen so für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Dem Klimawandel hält die moderne Waldbewirtschaftung entgegen, indem anstelle der ertragsreichen Fichten nun robuste Hölzer gepflanzt werden wie Eichen, Douglasien und Linden.

Jährlich 725000 Freizeitsportler in den Lenzia-Wäldern

Dauerwald ist ein strukturreicher Wald mit standortgerechten Baumarten. In den Wäldern der Forstbetriebe Lenzia setzt man auch in den kommenden 15 Jahren auf Dauerwald. Ein grossflächiger Holzschlag findet nicht statt. Lichte Reihen gibt es höchstens als Folge von unerwarteten Ereignissen (Stürme/Käferbefall).

Derartige Ereignisse haben in den vergangenen Jahren zu Schäden geführt, welche den bisher vorgegebenen Hiebsatz von 11 500 Kubikmetern pro Jahr manchmal überstiegen. Im neu erarbeiteten Betriebsplan ist diese Grösse wesentlich nach unten angepasst worden. In den Lenzia-Wäldern werden in Zukunft pro Jahr noch 9000 Kubikmeter geholzt.

Vorgestern Abend haben die Vertreter der Lenzia-Gemeinden dieses Bekenntnis abgegeben und gemeinsam mit der Kantonsbehörde, vertreten durch Maurus Landolt vom Kreisforstamt 3, ihre Unterschrift unter den Betriebsplan, rückwirkend per 1. 1.2019, gültig bis 31. 12. 2033, gesetzt.

«Der Betriebsplan ist das Grundlagenpapier, nach welchem die Forstdienste Lenzia in den nächsten 15 Jahren den Wald zu pflegen gedenken», erklärte Matthias Ott, Leiter Forstdienste Lenzia. Das Dokument umfasst 70 Seiten. Verfasst wurde es vom ehemaligen Stadtoberförster Frank Haemmerli, dem Forstingenieur Philipp Egloff aus Oberrohrdorf und der Naturwissenschafterin Tamara Link aus Niederlenz.

«Die Zeiten, in denen mit Holz Geld verdient wurde, sind vorbei. Man muss schauen, dass kein Verlust entsteht», kommentierte Verfasser Haemmerli das Papier. Demgegenüber wird der Wald immer wichtiger als Freizeit- und Erholungsgebiet. Spaziergänger, Familien mit Kindern, Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern, Biker, Jogger, Reiter wollen in den Wald.

In den 1132 Hektaren grossen Lenzia-Wäldern sind dies jährlich rund 725000 Besucher. Die Zahl wurde aus einer 2010 durchgeführten Umfrage des Kantons für das Lenzia-Gebiet abgeleitet. Die Lenkung dieser Besucherströme gehört mit zu den grossen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Zur Finanzierung der Waldwirtschaft in Zukunft erklärte Haemmerli: Wenn dies nicht mehr vom Holzerlös bezahlt werden könne, werde man über eine alternative Finanzierung diskutieren müssen. Die Bemerkung ist wohl mit Blick auf die Freizeitnutzung der Wälder zu verstehen. Noch ist sie gratis zu haben.

Ruth Steiner