Musik

Der Lenzburger Pablo Color lebt Musik von Kopf bis Fuss

Er ist stets von Melodien begleitet, Alexander Wildi (39) alias Pablo Color. Er selbst beschreibt es als ein «musikalisches ADHS». Ein Einblick in sein Musikschaffen.

Wenn Pablo irgendwo sitzt oder einfach nur dasteht, kann man davon ausgehen, dass in seinem Kopf gerade Musik läuft. Als hätte er so etwas wie innere Kopfhörer, hat Pablo permanent Melodien im Ohr. «Musik passiert bei mir ständig irgendwie», sagt er. Oder noch besser: «Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich eine Art musikalisches ADHS habe.»

Abklingen tun die vielen Klänge nur, wenn er ins Freie geht und bewusst Ruhe und Ausgleich sucht, etwa im Wald bei Staufen oder am Lenzburger Fünfweiher, einem seiner Lieblingsplätze. «Dann gibt es endlich den Moment, an dem ich nichts höre», sagt er. «Und jedes Mal, wenn ich das mache, tun sich die vielen Melodien in meinem Kopf ordnen.»

Dass Pablo daraus dann selber Musik macht, liegt auf der Hand. In der Kulturszene ist der 39-jährige Lenzburger ein bekannter und respektierter, immer wieder gern gesehener Mitgefährte. Musik macht er nach eigenen Angaben, seit er sieben Jahre alt ist.

Als Pianist hat er lange in Bands gespielt und war immer wieder an Jamsessions anzutreffen, oft in Aarau oder Baden. Nach einer KV-Lehre im KiFF studierte er Kulturmanagement. Heute ist er Musikproduzent, komponiert auch für andere und macht Radiojingles. In den letzten Jahren hat Pablo einen Fuss in die Zürcher Szene gesetzt, ehe es ihn zurück in seine Heimatstadt Lenzburg zog. Seit einem Monat ist er Koordinationsleiter im Jugend- und Kulturhaus Tommasini, das er vor zehn Jahren wiederaufzubauen geholfen hatte.

Wie gesagt: Viele kennen Pablo, doch kaum einer weiss seinen richtigen Namen. Bürgerlich heisst er Alexander Wildi. Zu seinem neuen Namen kam er, als er einmal den Bass eines Mitmusikers fallen liess und dieser ihm sauer zurief: «Du bisch doch en huere Pablo!» Alle rundherum hätten dann gelacht und gesagt, dass «Pablo» viel besser zu ihm passe. «Das fand ich dann auch», sagt er. «Heute zucke ich fast zusammen, wenn mir jemand ‹Alexander› zuruft.» Dann erinnert er sich etwa daran, wie seine Mutter ihn als Kind tadelte, sagt er humorvoll.

Locker und ungezwungen, wohl dank chilenischem Hintergrund

Als Sohn einer chilenischen Mutter und eines Schweizer Vaters, der in Argentinien und Chile aufgewachsen ist, trägt Pablo das Südamerikanische nicht nur in seinem Aussehen oder seiner lockeren, einladenden Art. Auch Pablos Musik tönt sehr ungezwungen. Man hört, dass Pablo sich musikalisch vielfältig ernährt und Erlebnisse zum Ausdruck bringt, die er auch durch seinen multikulturellen Hintergrund in die Wiege gelegt bekommen hat.

Wenn in seinem Lied «La Ventana» etwa spanische Gitarren und die brasilianische Reibetrommel – genannt «Cuíca» – zu einem akustischen Ding verschmelzen, dann erscheint das bei ihm nicht aufgesetzt, nicht als ob er unbedingt zeigen wolle, dass er mal Südamerika bereist hat. Bei ihm bettet sich alles natürlich ein, wahrscheinlich weil er es eben fühlt – oder ständig hört, wie er sagt.

Musik zum in Gedanken Schwelgen – aber nicht zum Einschlafen

Hören wir doch mal in seine Musik hinein: «Interstellar» heisst ein Stück, das er gemeinsam mit dem Zürcher «Berlin Lama» produziert hat. Eigentlich ist das Lied simpel aufgebaut mit nur zwei Akkorden, auf denen schrittweise gefühlvoll weitere Klangschichten aufgesetzt werden. «Staubig, sanft, verwoben» kommt als Beschreibung in den Sinn.

Pablo Color - Interstellar

Als Hörer wird man langsam in eine andere Welt versetzt. Bilder werden sichtbar und man schwelgt anfangs ein wenig in Gedanken, aber nicht zu lange: Spätestens wenn das Schlagzeug einsetzt, wird das Stück wach und beschwingt. Dasselbe beim Lied «Parasol 2pm»: Es klingt nach Wellen, man wähnt sich an einem Strand; dann treten muntere, verzögerte Klänge einer elektrischen Gitarre in Szene. Der Hörer wird eingeladen zum Relaxen – aber nicht zum Einschlafen sozusagen.

Pablo Color - Parasol 2pm

Pablos Musik hat etwas von Pink Floyd, einfach ohne Gesang. Auch der Zusatz «Color» in seinem Künstlernamen hat mit Pink Floyd zu tun: Das Prisma mit den farbigen Strahlen auf dem Cover des Albums «The Dark Side Of The Moon» sei für ihn ein schönes Abbild davon, was bei ihm geschehe. Die vielen Melodien, die er ständig höre, seien wie diese farbige Strahlen. Und er sei wie das Prisma, das die Klänge zu einem Ganzen verarbeitet.

Instrumental-Musik mit Tiefe, ähnlich wie bei Ennio Morricone

Andere nennen Pablos Stil «Balearic», abgeleitet vom Strandgefühl auf den Balearischen Inseln. Er selber beschreibt seine Musik als «cineastisch», also als Kinofilmmusik und outet sich als grossen Fan von Ennio Morricone, dem wohl bedeutendsten Filmmusikkomponisten. «Seine Musik hat so viel Tiefe», sagt Pablo. Dasselbe Gefühl wolle er mit seiner eigenen Musik erzeugen. Weil diese aber immer nur instrumental ist ohne Gesang, sagen ihm viele, sie sei nur «cool so für im Hintergrund». Dann antwortet er jeweils, dass sie auch viel Tiefe hat. «Ich bin nicht gut mit Wörtern und denke, dass man damit nicht alles ausdrücken kann.»

Pablo spielt alle Instrumente selber ein, einen Fünftel der Klänge erzeugt er elektronisch. «Ich überlege mir ein Thema, dann sprudelt die Musik einfach so heraus.» Alles geschehe sehr frei und experimentell. Seine Lieder skizziert er zuerst mit dem Handy, nimmt damit eine Spur auf, lässt diese laufen und spielt darüber gleich die nächste. Derzeit arbeitet er am Abschluss einer Kurzalbum-Trilogie. Nach «Viajando» und «La Calle Roja» soll der dritte Teil im Frühling herauskommen.

Ein Leckerbissen vom alten Album als Vorgeschmack auf das neue:

Pablo Color

In der Szene sei vor allem der zweite Teil sehr gut angekommen, die Platte ist inzwischen ausverkauft. «Es gab sehr viele Bestellungen aus Tokyo, London oder Tel Aviv», sagt Pablo erstaunt. Er sei eingeladen worden nach Amsterdam, habe Interviews gegeben für ausländische Magazine, sei gar mit Neil Young verglichen worden. «Ich bin geschmeichelt, aber eigentlich ist es völlig übertrieben», sagt er und lacht. Dazu sei die Platte nicht so herausgekommen, wie er genau gewollt habe, sagt er, wohl etwas zu perfektionistisch.

Im Tommasini arbeitet Pablo Teilzeit, damit er sich seinem stetigen Begleiter widmen kann: seiner Musik. Wenn die Trilogie fertig ist, will er ein erstes Langspielalbum herausbringen und damit auf Tournee gehen. Wer ihn vorher sehen möchte: Am 7. Dezember legt er kurz auf im KiFF in Aarau.

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