Gemeinderatswahlen

Der Jungspund und der Pensionär: Zwischen diesen beiden Kandidaten liegen fünfzig Jahre

Kurt Strittmatter (FDP) ist erfreut über den jugendlichen Enthusiasmus von Timon Gischig (parteilos). Chris Iseli

Kurt Strittmatter (FDP) ist erfreut über den jugendlichen Enthusiasmus von Timon Gischig (parteilos). Chris Iseli

Timon Gischig (23) aus Möriken-Wildegg und Kurt Strittmatter (73) aus Kirchleerau kandidieren für den Gemeinderat in ihrem Wohnort. Beide wollen ihrer Gemeinde etwas zurückgeben.

Als Timon Gischig auf die Welt kam, war Kurt Strittmatter schon ein halbes Jahrhundert alt. Hatte schon einen Grossteil seines Lebens für eine Privatbank am Ring der Zürcher Börse gearbeitet. Entschieden, dass er in Zürich statt mit einer Krawatte mit einer Fliege um den Hals auftreten möchte. Miterlebt, wie das Schreien an der Börse leiser und die Geschäfte digitaler wurden. Eine Familie gegründet, Kinder grossgezogen. Timon Gischig ist heute 23 Jahre alt, Kurt Strittmatter 73. Gischig kommt aus Möriken-Wildegg, Strittmatter aus Kirchleerau, beide wollen sie in den Gemeinderat gewählt werden.

«Schönes Auto», sagt Gischig, als Strittmatter seinen Schlüssel auf den Tisch legt. Ein Porsche. Den Kennerblick hat er schon, ein eigenes Gefährt fehlt noch. «Ich wohne noch bei meinen Eltern», sagt er. Zur Arbeit in die Lekkerland in Brunegg fährt er mit dem Bus – zwei Stationen weit. Nach einer KV-Lehre und mehreren Weiterbildungen arbeitet er als E-Commerce-Manager. Die Digitalisierung ist ihm ein wichtiges Anliegen.

«Wenn man einen Weg finden würde, die Gemeindeversammlung digital zugänglich zu machen, würden sich viel mehr Stimmbürger beteiligen», sagt der Junge. «Das geht doch nicht», sagt Strittmatter. «Die Stimmung und die Diskussionen an einer Gemeindeversammlung sind einmalig, das kann man digital nicht übertragen», sagt er. Als er mit 20 Jahren zum ersten Mal eine Gemeindeversammlung besuchte, war er überzeugt, sein Abo für das Stadttheater Baden zu kündigen.

«Die Unterhaltung, die mir an der Gemeindeversammlung geboten wird, bekomme ich sonst nirgends», sagt er und kann vor Lachen kaum den Satz beenden. «Seither bin ich immer an die Gemeindeversammlung. «Das hat mich derart fasziniert.» Gischig bestreitet dies nicht. «Aber es kann doch nicht sein, dass nur zehn Prozent der Bevölkerung mitbestimmen.»

Inwiefern ist Ihr Alter ein Plus? Die Antworten der Gemeinderatskandidaten Kurt Strittmatter (73) und Timon Gischig (23).

Inwiefern ist Ihr Alter ein Plus? Die Antworten der Gemeinderatskandidaten Kurt Strittmatter (73) und Timon Gischig (23).

«Die Jungen machen vorwärts»

Der Jungspund am Tisch wohnt seit seinem dritten Lebensjahr in Möriken-Wildegg. Im Handballverein ist er Aktivmitglied. Es gab noch nie einen Grund wegzuziehen. «Ich fühle mich wohl hier. Meine Familie und alle meine Freunde sind hier», sagt er. Sein Vater ist Betriebselektriker auf dem Schloss Wildegg. «Ich war jedes Wochenende oben», sagt er.

Mit seinen Brüdern hat er dort viel Zeit verbracht und mit den Kindern vom Bauernhof gespielt. «Das war wirklich super.» Kirchleerau war für Kurt Strittmatter ein Zufallstreffer. Nach der Pensionierung war er auf der Suche nach einem schönen Ort. «Ich sagte zu meiner Frau, wenn ich pensioniert werde, muss noch etwas gehen.» Spanien oder Amerika behagten ihm nicht, Kirchleerau schon. Strittmatter und seine Frau kauften eine Hektare Land, Platz für ein Wohnhaus und Pferdestallungen.

Beide wollen ihrer Gemeinde etwas zurückgeben. «Ich wurde schon bei den letzten Wahlen angefragt, dieses Mal habe ich zugesagt», sagt Strittmatter. Als Berufstätiger hätte die Zeit nicht gereicht, jetzt passt es. Strittmatter ist viel beschäftigt, besitzt einen Flieger und zwei Pferde.

«Wir haben in der Schweiz ein Riesenglück, dass wir mitreden dürfen», sagt Gischig. Strittmatter ist erfreut über den Enthusiasmus seines jungen Gegenübers. «Das finde ich toll», sagt er. «Die Jungen machen das heute hervorragend. Wir haben die beste Zeit erlebt. Die 50er- und 60er-Jahre waren eine Hochkonjunktur. Jetzt werden die Zeiten ein bisschen schwieriger, aber die Jungen machen vorwärts.» Das will Timon Gischig. «Ich stehe am Anfang meiner Karriere», sagt er.

Beruflich wie politisch möchte er weiterkommen. Für eine Partei konnte er sich nicht entscheiden. «Ich will die Meinung des Volkes vertreten, nicht diejenige einer Partei», sagt er. Für den Wahlkampf hat er einen Flyer angefertigt. Auslöser für seine Kandidatur war sein älterer Bruder, der in Aarau für den Einwohnerrat kandidiert. «Ich will ein Bindeglied werden zwischen der neuen und der erfahrenen Generation», sagt er.

Statt Werbung zu machen, gehe er lieber an Anlässe im Dorf, zum Beispiel ans Traktorentreffen, um dort mit den Leuten zu reden. Strittmatter hat ganz auf Werbung für seine Person verzichtet. «Den Wahlkampf blende ich aus», sagt Strittmatter. «Entweder werde ich gewählt oder nicht.» Kurt Strittmatter ist seit seinem 20. Lebensjahr Mitglied der FDP. «Das liberale Gedankengut entspricht mir», sagt er. Auch beim Alter hat er eine liberale Einstellung. «Solange man im Oberstübli noch zwäg ist, kommt es doch nicht auf die Zahl an», sagt er. «Sondern auf den Menschen», ergänzt Gischig.

Beide haben die gleiche Ausgangslage: Vier bisherige Gemeinderäte und eine Konkurrentin um den frei werdenden Sitz. Strittmatter tritt gegen Renate Egli (parteilos) an, Timon Gischig gegen die FDP-Grossrätin Jeanine Glarner. Für Gischig wäre eine Wahl der Anfang einer politischen Laufbahn, gern würde er später in Aarau oder Bern politisieren. «Das wäre nichts für mich», sagt Strittmatter. «Ich entscheide in Nanosekunden», sagt der ehemalige Ring-Börsianer.

Lange Diskussionen und Entscheidungsphasen würden ihn ganz nervös machen. «Aber wenn man es nicht versucht, ändert sich auch nichts», sagt Gischig. Eines der wenigen Male, bei dem er seinem älteren Kollegen sanft widerspricht. Alter vor Jugend. Noch ein Tipp für den Kollegen am anderen Ende der Altersskala zum Abschluss? Gischig hält sich höflich zurück. «Sie sind viel erfahrener.» Strittmatter nützt die Gelegenheit. «Bleiben Sie ein Teamplayer. Werden Sie nicht überheblich. Und bleiben Sie gelassen.»

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