«Ein Juwel»
Der Hallwilersee hat es dem «Nachrichten»-Mann Urs Gredig angetan

Nach sechs Jahren verschwindet der 42-Jährige Urs Gredig vorerst vom Bildschirm – bevor er sich im Herbst als SRF-Korrespondent aus England zurückmeldet. Den Hallwilersee, an dem er momentan lebt, hinter sich zu lassen, fällt ihm nicht so einfach.

Manuel Bühlmann
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Typisch britisches Wetter am Hallwilersee zur Einstimmung auf die kommenden Jahre als SRF-Korrespondent inLondon: Noch-«Tagesschau»-Moderator Urs Gredig zieht im Sommer vom Aargau auf die Insel.

Typisch britisches Wetter am Hallwilersee zur Einstimmung auf die kommenden Jahre als SRF-Korrespondent inLondon: Noch-«Tagesschau»-Moderator Urs Gredig zieht im Sommer vom Aargau auf die Insel.

Sandra Ardizzone

Roger Federer, Lionel Messi, Morgan Freeman, Robbie Williams – Urs Gredig hatte sie alle vor dem Mikrofon. Die Privilegien eines «Tagesschau»-Moderators, auf die er bald verzichtet. Freiwillig. Der künftige SRF-Korrespondent in London wird sich ab Oktober mit weniger illustren Gesprächspartnern begnügen müssen: «Als Schweizer Journalist bin ich dort ein Niemand. Für die Briten ist unser Land ein weisser Fleck», sagt Gredig. «Statt Premierminister oder Minister werde ich wohl froh sein müssen, wenn Parteimitglieder vor die Kamera stehen.» Ein Exklusivinterview mit der Queen oder David Cameron, fügt er schmunzelnd an, werde wohl ein Traum bleiben. «Mit einem leeren Block fange ich an. Entsprechend gross ist der Respekt vor diesem einmaligen Abenteuer.»

Sechs Jahre moderierte Urs Gredig die «Tagesschau» – und scheint dabei einiges richtig gemacht zu haben. Als im vergangenen Dezember sein Abschied bekannt wurde, überboten sich die Leserkommentare mit Nettigkeiten. «Authentischer und professioneller Nachrichtenmann», «der einzige Lichtblick in dieser trostlosen Sendung» oder «wir werden Sie in der ‹Tagesschau› vermissen», war online zu lesen. Nirgends ein böses Wort. Wirklich erklären kann er sich seine Beliebtheit beim Publikum nicht. «Womöglich polarisiere ich nicht so stark», vermutet Gredig. Man müsse sich aber bewusst sein, dass die Sympathien mit dem Job und nicht mit der Person zusammenhängen. «Für viele gehören die ‹Tagesschau›-Moderatoren zum Tagesablauf. Die regelmässige Präsenz in der Stube hat etwas Intimes.»

Selber via Bildschirm in Tausenden Schweizer Wohnzimmern zu Gast, hält Gredig sein Privatleben weitgehend unter Verschluss. Homestorys vom gebürtigen Bündner, der in Fislisbach aufwuchs, sucht man vergebens. Auch wenn es entsprechende Anfragen gab. Fotos seiner Kinder möchte er ebenso wenig in den Medien sehen wie allzu private Details aus seinem Leben.

Trotz hohem Bekanntheitsgrad zeigt sich auf der Strasse oder beim Einkaufen die schweizerische Diskretion. «Die Leute schauen zwar, angesprochen werde ich allerdings fast nie.» Dennoch ist sich Gredig im Alltag bewusst, besonders im Fokus zu stehen. Wenn etwa die Kinder nicht so wollen wie der Vater, überlegt er sich auch schon mal, ob er vor den anderen Eltern laut werden soll. Auf die Anonymität der englischen Metropole freut er sich. Auch wenn das nicht der Hauptgrund für den Wechsel gewesen sei, wie er sagt.

Schon als Gredig vor sechs Jahren die Nachfolge von Heiri Müller antrat, war für ihn klar, dass das kein Job auf Lebenszeit werden würde. «Nun bot sich eine gute Gelegenheit für etwas Neues.» Bis zum Umzug nach London im August arbeitet er auf der Redaktion von «10 vor 10». Danach bleiben zwei Monate Zeit, um sich in der Grossstadt einzuleben, die er bisher nur als Tourist kennt.

Die Familie wird ihn im Sommer nach England begleiten. Tochter und Sohn, 5 und 3 Jahre alt, seien in einem guten Alter, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. «Sie werden wohl bald besser Englisch sprechen als ihre Eltern», sagt Gredig mit einem Augenzwinkern.

Rund fünf Jahre möchte er auf der Insel bleiben. Danach wird die Familie wohl wieder an den Hallwilersee zurückkehren, wo sie seit drei Jahren lebt. Die Region – «ein Juwel, das noch nicht so entdeckt ist» – hat es ihm angetan. Bereits als Kind führten die Ausflüge am Wochenende oftmals zum Hallwilersee. Auch heute noch verbringt er die Freizeit, wenn er nicht gerade im Garten beschäftigt ist, mit Frau und Kindern häufig «am und im See». 90-Prozent-Pensum und gelegentliche Einsätze am Wochenende erlauben ihm, einen Tag unter der Woche den Kindern zu widmen.

Wer glaubt, das Leben eines «Tagesschau»-Moderators bestehe darin, Meldungen vorzulesen und nett in die Kamera zu lächeln, wird von Urs Gredig eines Besseren belehrt. «Wir sind keine Vorleser, sondern Journalisten.» Das Moderieren macht nur ein Drittel der Arbeit aus. Die restliche Zeit ist er als Reporter und Redaktor tätig. Dabei musste er lernen, dass grosse Namen kein Garant für grosse Interviews sind. Bei Fussball-Star Lionel Messi etwa erschwerten Sprachbarrieren die Kommunikation. Gredig spricht Französisch, Englisch und Italienisch, aber kein Spanisch – Messis einzige Sprache. Dank «Italienisch mit spanischem Einschlag» kam dennoch ein Gespräch zustande. «Ich habe wohl nur etwa die Hälfte von dem verstanden, was Lionel Messi mir gesagt hat.» Doch auch ohne sprachliche Probleme entstehen nicht zwingend interessante Interviews. «Einige Sportler können zwar in ihrer Sportart genial sein, stellen sich dann aber als unglaublich langweilig heraus, wenn man mit ihnen spricht.»

Mit welchen Worten Urs Gredig seine letzte «Tagesschau» am 29. April beenden wird, weiss er noch nicht. Allzu sehr zelebrieren möchte er die Abschieds-Sendung allerdings nicht. «Besonders sentimental bin ich nicht. Deshalb werden wohl nicht alle Dämme brechen», sagt er und lacht.

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