Seetal/Wynenthal
Der grosse Boom der kleinen Dorfblättli

Sie haben klingende Namen wie «Usrüefer», «Holori» oder «Dorfgeist» und gehören zu den wohl meist unterschätzten Medien des Landes: Die Dorfzeitungen, oft vom Gemeindeschreiber oder pensionierten Bürgern gemacht, mit Herzblut und meist wenig Geld.

Pascal Meier
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Dorfzeitungen sind vor allem in kleineren und mittelgrossen Gemeinen beliebt.

Dorfzeitungen sind vor allem in kleineren und mittelgrossen Gemeinen beliebt.

Pascal Meier

Geschäftsmodell «Dorfheftli»

In sieben Gemeinden der Region Seetal und Wynental erscheint jeden Monat ein individuelles «Dorfheftli» der Reinacher Artwork AG. Nun sollen weitere Dörfer dazustossen. Lesen Sie den ganzen Artikel hier.

Kein Wunder also, das vielerorts Dorfzeitungen seit Jahren einen grossen Stellenwert haben – oder wie in Schmiedrued-Walde in jüngster Zeit neu gegründet wurden. «Es sind vor allem kleinere und mittelgrosse Gemeinden, in denen solche Zeitungen erscheinen, wo sich noch ein grosser Teil der Bevölkerung stark mit der Wohngemeinde identifiziert und am Dorfgeschehen interessiert ist», sagt Stefan Jung, Präsident des Aargauer Gemeindeschreiberverbandes. «In einer städtischen Umgebung, wo alles etwas anonymer ist, finden solche Zeitungen eher weniger Beachtung.»

Zeitungen etablieren sich schnell

Im Dorf geschätzt, ausserhalb des Dorfes unterschätzt: Diese Stellung der Dorfzeitungen bestätigt Otto Moser. Er ist Gemeindeammann von Staufen, wo seit 1994 der «Usrüefer» erscheint. «Unsere Zeitung ist sehr wichtig für die Dorfgemeinschaft», sagt Otto Moser. «Nirgends sonst liest man so viel über unsere Vereine und die Schule. Zudem fördert die Redaktion immer wieder Trouvaillen aus der Vergangenheit zutage.» Dies stösst auf derart grosses Interesse, dass rund 150 Heimweh-Staufner bei der Gemeindekanzlei ihre Adresse hinterlegt haben, um den «Usrüefer» zugeschickt zu bekommen.

Dorfzeitungen nicht als amtlicher Anzeiger geeignet

Trotz des Booms der Dorfzeitungen: Als amtliches Publikationsorgan eignen sich diese nur selten. Grund ist der träge Erscheinungsrhythmus von vier Wochen bis zu mehreren Monaten - eine viel zu lange Zeitspanne, um offizielle Mitteilungen wie Baugesuche, Beschlüsse der Gemeindeversammlung oder Wahlergebnisse rechtzeitig zu publizieren. Zumal diese Anzeigen mit gesetzlichen Beschwerdefristen verbunden sind.
Grundsätzlich könnten die einzelnen Gemeinden in ihrer Gemeindeordnung selber festlegen, wo sie ihre amtlichen Mitteilungen publizieren möchten. Das kann die kostenlose Lokalzeitung sein, eine abonnierte Tageszeitung oder das Internet. Letztes ist auf Gemeindeebene (noch) kaum ein Thema. Das kantonale Amtsblatt dagegen gibt es seit zwei Jahren statt in gedruckter Form nur noch im Internet. (pi)

Dorfzeitung steht bald vor Gericht

Die Dorfzeitungen werden grösstenteils von der Gemeinde bezahlt, da oft kein florierendes Gewerbe existiert, das in der Dorfzeitung inserieren kann. Mit einer eigenen Zeitung können jedoch anderswo Kosten eingespart werden: In Schmiedrued zum Beispiel müssen Gemeinde, Schule und Vereine dank der Zeitung nicht mehr Flyer in alle Haushaltungen verschicken.

Die Trägerschaft von Gemeinde und lokalem Gewerbe hat zur Folge, dass Dorfzeitungen zwar umfassend, aber wenig kritisch berichten. Einige Schreiber haben dennoch eine spitze Schreibe, so etwa Verena Sandmeier, die bis Ende 2013 jahrelang den Staufner «Usrüefer» geprägt hatte.

Gar mit dem Gesetz in Konflikt kam der Niederlenzer «Dorfgeischt»: Weil der Chefredaktor im Blatt Vermutungen über die Urheber anonymer Vorwürfe gegen den Gemeinderat anstellte, ist ein Rechtsstreit im Gang. Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht soll diesen Sommer stattfinden.