Seetal/Wynenthal

Der grosse Boom der kleinen Dorfblättli

Dorfzeitungen sind vor allem in kleineren und mittelgrossen Gemeinen beliebt.

Dorfzeitungen sind vor allem in kleineren und mittelgrossen Gemeinen beliebt.

Sie haben klingende Namen wie «Usrüefer», «Holori» oder «Dorfgeist» und gehören zu den wohl meist unterschätzten Medien des Landes: Die Dorfzeitungen, oft vom Gemeindeschreiber oder pensionierten Bürgern gemacht, mit Herzblut und meist wenig Geld.

Dorfzeitungen bieten das, was Tageszeitungen, Radio und Fernsehen in dieser Tiefe nicht bieten können: Seitenlange Texte über Dorforiginale, ein Dutzend Fotos vom Musikkonzert der Primarschule und Tipps vom Werkmeister für die korrekte Entsorgung von Grüngut. Das alles mag höchst provinziell anmuten, wird im eigenen Dorf aber gerne gelesen.

Kein Wunder also, das vielerorts Dorfzeitungen seit Jahren einen grossen Stellenwert haben – oder wie in Schmiedrued-Walde in jüngster Zeit neu gegründet wurden. «Es sind vor allem kleinere und mittelgrosse Gemeinden, in denen solche Zeitungen erscheinen, wo sich noch ein grosser Teil der Bevölkerung stark mit der Wohngemeinde identifiziert und am Dorfgeschehen interessiert ist», sagt Stefan Jung, Präsident des Aargauer Gemeindeschreiberverbandes. «In einer städtischen Umgebung, wo alles etwas anonymer ist, finden solche Zeitungen eher weniger Beachtung.»

Zeitungen etablieren sich schnell

Im Dorf geschätzt, ausserhalb des Dorfes unterschätzt: Diese Stellung der Dorfzeitungen bestätigt Otto Moser. Er ist Gemeindeammann von Staufen, wo seit 1994 der «Usrüefer» erscheint. «Unsere Zeitung ist sehr wichtig für die Dorfgemeinschaft», sagt Otto Moser. «Nirgends sonst liest man so viel über unsere Vereine und die Schule. Zudem fördert die Redaktion immer wieder Trouvaillen aus der Vergangenheit zutage.» Dies stösst auf derart grosses Interesse, dass rund 150 Heimweh-Staufner bei der Gemeindekanzlei ihre Adresse hinterlegt haben, um den «Usrüefer» zugeschickt zu bekommen.

Im Vergleich zum «Usrüefer» eine junge Zeitung ist das «Ruederblatt» von Schmiedrued-Walde. «Wir haben die Zeitung vor vier Jahren gestartet, um das Dorfleben abzubilden», sagt alt Gemeindeammann Thomas Häfliger, der an der Gründung beteiligt gewesen war. Inzwischen ist das «Ruederblatt» nicht mehr wegzudenken. «In unserer Umfrage haben fast alle Befragten angegeben, dass sie sich über das ‹Ruederblatt› informieren.»

Dorfzeitung steht bald vor Gericht

Die Dorfzeitungen werden grösstenteils von der Gemeinde bezahlt, da oft kein florierendes Gewerbe existiert, das in der Dorfzeitung inserieren kann. Mit einer eigenen Zeitung können jedoch anderswo Kosten eingespart werden: In Schmiedrued zum Beispiel müssen Gemeinde, Schule und Vereine dank der Zeitung nicht mehr Flyer in alle Haushaltungen verschicken.

Die Trägerschaft von Gemeinde und lokalem Gewerbe hat zur Folge, dass Dorfzeitungen zwar umfassend, aber wenig kritisch berichten. Einige Schreiber haben dennoch eine spitze Schreibe, so etwa Verena Sandmeier, die bis Ende 2013 jahrelang den Staufner «Usrüefer» geprägt hatte.

Gar mit dem Gesetz in Konflikt kam der Niederlenzer «Dorfgeischt»: Weil der Chefredaktor im Blatt Vermutungen über die Urheber anonymer Vorwürfe gegen den Gemeinderat anstellte, ist ein Rechtsstreit im Gang. Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht soll diesen Sommer stattfinden.

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