Lenzburg

Der geheimnisumwitterte Tresor der Hypothekarbank

Der erste Kassenschrank der Hypothekarbank Lenzburg existiert noch. Er steht im Keller einer historischen Villa am Steinbrüchliweg und gibt Rätsel auf.

Der kleine Schlüssel mit einem gelben Plastikanhänger ist nur Attrappe. Er passt gar nicht richtig ins Schloss des kleinen Kassenschranks. Kein Schlüssel tat es bisher, den Familie Remund im Verlaufe der Jahre im riesigen Haus entdeckt und ins Schlüsselloch gesteckt hat. Der Tresor ist fest eingemauert im Gewölbekeller des Herrenhauses am Steinbrüchliweg im Lenzburger Villenviertel.

Vor über einhundert Jahren hat der Grossvater des heutigen Besitzers, Ruedi Remund, das herrschaftliche Haus gekauft. «Ob sich hinter der kleinen Tresortüre ein grosser Schatz verbirgt, ist über Generationen hinweg ein Geheimnis geblieben. Das ist auch heute noch so», erzählt Ruedi Remund und schmunzelt. Am Familientisch sei zwar manchmal über den Tresorinhalt gerätselt worden, mit jedem Mal sei die Menge imaginärer Goldstücke, die sich darin verstecken könnten, grösser geworden.

Lenzburg: Der geheimnisumwitterte Tresor der Hypothekarbank

Einmal zum Tresor hinuntersteigen ...

Weniger geheimnisumwittert als der Inhalt ist die Geschichte des Kassenschranks, sein Ursprung ist bekannt. Es ist der erste Tresor der Hypothekar- und Leihkasse Lenzburg, wie die «Hypi» in ihren Ursprüngen hiess. Von 1878 bis 1914 war das Herrschaftshaus Sitz der Bank. Für 36 000 Franken hatte man die Liegenschaft mitsamt 40 Aren Garten gekauft und umgebaut.

Während die zwei oberen Stockwerke vermietet wurden, entstand im Erdgeschoss eine grosszügige Geschäftsstelle «mit einem geräumigen, trockenen, solid gebauten Archiv», heisst es im Jahresbericht von anno dannzumal. So steht es im Jubiläumsbuch «Die Hypi-Story», in welchem die Bank ihre Entwicklungsgeschichte zum 150-jährigen Bestehen 2018 aufgezeichnet hat.

Erstes Hypi-Archiv

«Das Haus am Steinbrüchliweg wurde 1768 erbaut und ist damit genau einhundert Jahre älter als die Bank», weiss Ruedi Remund. Ursprünglich war die Liegenschaft ein Handelshaus, erzählt der heutige Besitzer. Der grosszügige Kellerabgang weist auf eine Warenanlieferung hin. Im riesigen Gewölbekeller, mutmasst Remund, wurden wohl Tabak und Gewürze gelagert.
Hier hat die Hypi das erwähnte geräumige, trockene Archiv eingebaut, in dem sie in einen Teil des Kellers eine dicke Wand einzog.

Der Holzboden des Archivs wurde etwas erhöht angelegt, damit sich die Feuchte nicht in den Raum schleichen konnte, was für die aufbewahrten Dokumente und die dort arbeitenden Angestellten schädlich gewesen wäre. Vom ehemaligen Archiv sind noch einige Überbleibsel vorhanden. So zum Beispiel die Eingangstür, die über drei Treppenstufen erreichbar ist. Ein solches Prachtsexemplar von Türe würde man an diesem eher tristen Ort nie vermuten.

Aus solidem Stahl gefertigt, ist sie reich dekoriert mit gusseisernen Ornamenten, die Türfalle ziert ein Frauenkopf. «Die Helvetia», witzelt Ruedi Remund. Das passt. Remund schiebt einen riesigen antiken Bartschlüssel ins Schlüsselloch, die schwere Türe öffnet sich mit lautem Knarren und gibt die Sicht frei in den Raum, an dessen rechter Wand der Kassenschrank eingebaut ist. Durch ein kleines Fenster fällt Tageslicht. Der Keller ist praktisch leer – bis auf einige Flaschen Wein, die hier lagern.

Geist von Gertrud Villiger

Das frühere Hypi-Archiv nimmt auch in Ruedi Remunds Lebensgeschichte eine wichtige Rolle ein. Hier machte er als Jugendlicher Musik. «Mit den Häusermann-Brüdern und Pfuri (von der Bluesband Pfuri, Gorps und Kniri Anm. Red.) haben wir in den Sechzigerjahren die Beatles kopiert», erzählt er lachend. Wäre es nach Remund gegangen, wäre in diesem Keller seine Karriere als Rockmusiker lanciert worden. Doch daraus ist nix geworden. Ruedi Remund zog es später zur klassischen Musik hin, er wurde Konzertsänger. Zu hören ist er am 24. August beim Prosecco der Kulturkommission im Burghaldenhaus.

Die denkmalgeschützten dicken Mauern am Steinbrüchliweg 1 bergen viele Geheimnisse und Mythen um ihre ehemaligen Bewohner. So heisst es auch, dass der Geist von Gertrud Villiger-Keller noch heute durch das Haus ziehe und die Führerin in der schweizerischen Frauenbewegung und Präsidentin des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins den Bewohnern dann und wann als «weisse Frau» in Erscheinung trete. Noch heute ist die Liegenschaft kein gewöhnliches Wohnhaus. «Mit der Ringhörigkeit und anderem mehr entspricht es keinen vorgegebenen Standards. Deshalb braucht es eine spezielle Mieterschaft mit viel Toleranz einander gegenüber», sagt Ruedi Remund.

Tresor soll verschwinden

Was weit über einhundert Jahre Bestand hat, dürfte sich in naher Zukunft ändern: Hauseigentümer Ruedi Remund hat neue Pläne, was den Gewölbekeller anbelangt. Er möchte so weit wie möglich den ursprünglichen Zustand wieder herstellen. Demzufolge dürfte die heute noch sichtbare Geschichte der Hypi am Steinbrüchliweg irgendwann definitiv zur Geschichte werden.

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