Hallwilersee

Der Feind aus dem Aquarium: Gebietsfremde Tiere gefährden lokalen Fischbestand

Fischer Richard Stadelmann zeigt einen ausgesetzten Koi.

Fischer Richard Stadelmann zeigt einen ausgesetzten Koi.

Fachleute informierten über gebietsfremde Tiere im Hallwilersee. Und welche Folgen ihre Präsenz auf die lokale Fauna haben.

Das jüngste Neozoon im Hallwilersee wäre der Kaiman gewesen, der sich als Wels entpuppt haben soll. Und der Wels? Fischer Richard Stadelmann aus Birrwil weiss, dass es ihn in Urzeiten gegeben hat in der Gegend. Inzwischen war er verschwunden und nun ist er aus dem Berner Seeland wieder eingewandert. Ein Neozoon, ein gebietsfremdes Tier? Man nimmt 1492, Kolumbus und seine Entdeckung Amerikas, als Stichjahr.

Die Grünliberale Partei Seetal hat an den See geladen, wo Daniel Fischer aus Lenzburg, Biologe bei der Baudirektion des Kantons Zürich, vor allem auf einen Fisch einging, der einen ganzen Fischbestand eines Gewässers bedrohen könnte: die Schwarzmeergrundel. Eine invasive Art, wie bei den gebietsfremden Pflanzen, den Neophyten, beispielsweise Ambrosia eine ist. «Im Rhein in Basel hat der Fisch seit seinem ersten Auftreten innert drei Jahren 98 Prozent der Biomasse ausgemacht», sagt Fischer. Seit letztem Jahr sei der Bestand zwar zurückgegangen, doch habe der Fisch sich rheinaufwärts über Rheinfelden bis nach Säckingen ausgebreitet.

Wie kommt der Fisch aus dem Schwarzen Meer in den Rhein? Fischer führt vier mögliche Gründe an. Die Fische legten Eier auch an Schiffe; auch über Muscheln und im Kühlwasser von Motoren könnten sie verbreitet werden. Und dann gebe es Fischer, die den invasiven Fisch als lebenden Köder verwenden, um grössere Hechte zu fangen. «Fatal; es braucht zwei Tiere, und wir haben eine Population», warnt er. Ein dritter Weg könnten Umgehungsgewässer sein, die für andere Fische, beispielsweise den Lachs oder die Nase, gebaut wurden, um flussaufwärts zu gelangen. Und letztlich bilden private Kaltwasser-Aquarienhalter grundsätzlich ein Risiko für die Ansiedlung von Neozoen. Auch das Ausbleiben kalter Winter – minus 20 Grad – fördert das Überleben von Neozoen und Neophyten.

«Eine Katze, die man nicht mehr will, setzen die Besitzer aus; Fische und Schildkröten lässt man frei», sagt er. Dies unter dem Radar der Behörden und in der Meinung, noch etwas Gutes zu tun. Richard Stadelmann, der Fischer, zeigt Bilder von solchen ausgesetzten Tieren, die es auch im Hallwilersee gibt: Goldfische, Koi, Rot- und Gelbwangenschildkröten. Letztere werden zur Konkurrenz der einheimischen Sumpfschildkröte. Ausgerottet, und zwar durch die Ausbreitung einer Pilzkrankheit, wurde der einheimische Edelkrebs. Die Täter, allesamt Neozoen: Kamberkrebs, Galizierkrebs und Signalkrebs.

Früherfassung tut not. Bruno Fürst, Hallwilersee-Ranger, ist mit seinen Mitarbeitern wenigstens dem Drüsigen Springkraut Herr geworden. Er zeigt eine ganze Reihe von anderen Neophyten, die es zu bekämpfen gilt, von der Goldrute über den Essigbaum bis zum Japanischen Knöterich, Sommerflieder, Riesenkerbel, Henry’s Geissblatt oder zur Indischen Scheinerdbeere.

Wandermuschel, Asiatische Marienkäfer, Kaulbarsch, Bisamratte sind andere Neozoen, die es hierzulande gibt und zum Teil einheimischen Arten das Leben erschweren. Und die Tigermücke. «Wenn Kois mit Karpfenherpes ins Gewässer kommen, gehen alle Karpfen ein», sagt Bruno Fürst an die Adresse potenzieller «Koi-Befreier». Und er ärgert sich über behördliche Untätigkeit. Er habe in flagranti jemanden erwischt, der einen Sonnenbarsch, dessen Haltung in der Schweiz verboten sei, ausgesetzt hat: «Da hätte man ein Exempel statuieren müssen, doch nichts ist passiert.»

Daniel Fischer weiss, dass in Amerika im Hinterland der Grossen Seen «unverseuchte Seen» von bewaffneten Polizisten bewacht würden. Und er relativiert: Alle anderen Kontinente litten mehr unter Neobiota als Europa.

Ein Dutzend Personen besuchte den Anlass. Die grünliberale Regierungsratskandidatin Doris Aebi strich die Wichtigkeit des «grünliberalen Elements in der Regierung» heraus. Die Felchenknusperli aus dem See jedenfalls boten den Anreiz, noch etwas am See zu bleiben. Richard Stadelmanns Kennerblick konnte auf dem See keinen Kaiman, aber doch einen Wels ausmachen: «Ein sehr begehrter Speisefisch, feines weisses Fleisch.» Der Fischer muss es wissen.

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