Staufen
Der ewige Globetrotter: Seit 9 Jahren unterwegs mit dem Ersparten – bis zur Pensionierung

Martin Wildi (55) hat sich von der Arbeitswelt verabschiedet und hofft, dass sein Erspartes noch bis zum AHV-Bezug reicht. Der Aargauer ist seit 2008 als Globetrotter unterwegs: «Einmal davon angesteckt ist davon nicht mehr loszukommen.»

Claudia Meier aus Singapur
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Martin Wildi (55) aus Staufen ist seit Jahren als Globetrotter unterwegs.

Martin Wildi (55) aus Staufen ist seit Jahren als Globetrotter unterwegs.

Claudia Meier

Die Orchard-Road ist Singapurs bekannteste Einkaufsmeile. Auf dem Vorplatz des futuristisch anmutenden Shoppingcenters ION Orchard bückt sich Martin Wildi an diesem Morgen und hebt eine grüne 5-Dollar-Note vom Boden auf. Ein solches Glück hatte der 55-jährige Staufner dieses Jahr noch nie.

Der Aargauer ist seit 2008 als Globetrotter unterwegs – vor allem in Asien (Singapur, China, Malaysia, Thailand, Taiwan und Japan). Es war ein bewusster Entscheid, als sich der gelernte Schriftsetzer mit Erwachsenenmatur nach 12 Semestern Studium an der Universität Bern definitiv vom oft stressvollen Erwerbsleben verabschiedete. «Mit Neugierde und Ausdauer können wir uns einen kleinen Teil dessen begreiflich machen, was die Welt ausmacht», sagt Wildi.

Wissensdurst ist für ihn wie Reisefieber: «Einmal davon angesteckt ist davon nicht mehr loszukommen.» Was ihm grundsätzlich Mühe machte, war nicht die Arbeit, sondern das rigide Zeitregime, das wenig Zeit offen liess für Musse. Dass er nach wie vor am Reisen ist, begründet er so: «Wir befinden uns in einer Welt, in der es so viel zu sehen und zu erfahren gibt, und wir haben so wenig Zeit, das zu tun!»

Mit Investition verspekuliert

Noch knapp zehn Jahre fehlen ihm, bis er jeden Monat die AHV-Rente beziehen kann. Bis zu seinem 65. Geburtstag sollte sein Vermögen (Erspartes, Geerbtes und Dividenden) bei vorsichtigem Haushalten deshalb mindestens noch reichen.

Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe hat der Aargauer noch nie bezogen. Mit der Pension hat er dann immerhin wieder regelmässig ein bescheidenes Einkommen. Martin Wildi achtet deshalb genau darauf, dass er weiterhin jedes Jahr den erforderlichen AHV-Minimalbeitrag einzahlt. «Es sieht nicht schlecht aus, die Rechnung sollte aufgehen», sagt Wildi am nächsten Tag am Tisch vor «The Inncrowd Backpackers»-Hostel in Singapurs Stadtteil Little India. Hier verbringt er ein paar Tage in einem 12er-Schlafsaal für umgerechnet 14,50 Franken pro Nacht inklusive Frühstück.

Am liebsten ist der Staufner, der sich in der Schweiz abgemeldet hat und über keine Krankenkasse mehr verfügt, gemächlich auf dem Land- oder Seeweg unterwegs. Doch für die Weiterreise nach China und später nach Neuseeland wird er ins Flugzeug steigen.

Vor sechs Jahren hatte Wildi sein Geld aus der zweiten Säule in eine Schiffsbeteiligung investiert und profitierte dadurch während insgesamt knapp 100 Tagen von deutlich günstigeren Kabinenpreisen auf Containerschiffen, wenn er auf den Weltmeeren unterwegs war. Die Gesellschaft machte jedoch pleite und Wildis Beteiligung löste sich in Luft auf. Auch das gehört zu seinem Lebensmodell. «Es braucht eine gewisse Risikobereitschaft», stellt der 55-Jährige nüchtern fest.

Wetter beeinflusst Aufenthalt

Wildi liebt es, «Herr über seine eigene Zeit zu sein» und ohne Zwang immer wieder neue Orte zu erkunden. Die maximale Aufenthaltsdauer in einem Land oder ungünstiges respektive kaltes Klima beeinflussen seine Reiseroute. Ausserdem ärgert er sich über die kürzlich in Malaysia neu eingeführte Tourismussteuer für ausländische Besucher, weil diese sein Budget zusätzlich belaste und er dafür keinen Gegenwert bekommt.

Wenn Martin Wildi in Hostels unterwegs ist, kommt es manchmal vor, dass ihn junge Globetrotter fragen, wie man sich vor dem Internet-Zeitalter beim Reisen organisierte und wie er denn ohne Handy Selfies mache. Tatsächlich ist Wildi ohne Handy unterwegs, aber seine Kamera hat einen Selbstauslöser. Und im Grundsatz schätzt auch der Aargauer die neuen Technologien und die damit verbundenen Möglichkeiten. Auf seinem Notebook hat die Leseratte rund 1000 E-Books gespeichert. Um seinen Wissensdurst zu stillen, verbringt er in Singapur manchmal auch ganze Tage in der Nationalbibliothek. «Langweilig wurde es mir noch nie», sagt Wildi und lacht.

In seinem bescheidenen Gepäck immer dabei hat er eine Schnur, ein Tuch und ein paar Wäscheklammern. Damit kann er sich beim Kajütenbett im Schlafsaal etwas Privatsphäre einrichten. Bei längeren Aufenthalten bevorzugt er ein Einzelzimmer oder schläft – in Neuseeland geplant – im Zelt. Wie seine Reise nach Ablauf des 9-monatigen Visums in Neuseeland weitergeht, steht noch nicht fest. Klar ist erst, dass er für kurze Zeit in die Schweiz zurückkehren wird, um sich einen neuen Pass zu besorgen, weil der aktuelle voller Stempel ist.

Mit der vor dem schicken Shoppingcenter in Singapur gefundenen 5-Dollar-Note kaufte sich Wildi am gleichen Tag in einem Foodcourt ein indisches Nachtessen. Und als er später erfährt, dass er die Banknote am Weltspartag gefunden hatte, macht sich ein spitzbübisches Lachen auf seinem Gesicht breit.

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