Daniel Werren (37), der einzige Geisselmacher weit und breit, hat kein leichtes Jahr hinter sich. Im Januar starb sein Vater Röbi, mit dem er vor 19 Jahren das Handwerk, ja die Kunst des Geisselmachens bei Ernst Lüthi gelernt hatte. Nun ist er der letzte Mohikaner, denn auch Lüthi starb kurze Zeit später, hochbetagt.

Wie weiter? «Letztes Jahr machten mein Vater und ich zusammen etwa 1000 Geisseln», erzählt Daniel Werren. 800 davon gingen aufs Konto von Werren Senior. «Irgendjemand musste weitermachen», meint Daniel, doch die Ansprüche, mengenmässig, kann er unmöglich erfüllen: Er arbeitet zu 100 Prozent in Aarau, belädt Eisenbahnen mit Schiffscontainern und Sattelschlepperaufliegern. Die Geisseln können für den Familienvater nicht mehr als Hobby sein.

Mutter macht das Büro

Die logische Konsequenz: Daniel Werren konnte dieses Jahr in etwa 240 Arbeitsstunden rund 200 Geisseln herstellen. Das bedeutet: Der grosse bisherige Abnehmer, die Landi-Filialen vor allem in Lenzburg, aber auch in Hallwil, Seengen, Reinach, Rothenburg, Emmenbrücke und Sempach-Station geht heuer leer aus. Bis zu 2,5 Stunden braucht es, um eine grosse Geissel herzustellen, während eine kleine in 25 Minuten zu machen ist.

Geisseln sind an der Hertistrasse 2 in Egliswil zu haben, in Werrens Elternhaus. Da ist Mutter Monika für Administration, Rechnungen und Telefonate zuständig. Bestellungen kommen vor allem übers Internet: www.schmid-werren.ch. «Nächste Woche gehts wieder los, 20, 25 Telefone pro Tag», sagt sie. Dabei geht es auch um Reparaturen von Geisseln.

Geissel hält ein Leben lang

«Nein, zu wenig Geisseln gibts nicht», winkt Daniel ab. Er kenne Familien, bei denen zu Hause 20 Geisseln lägen. Zudem könne man eine Geissel ein Leben lang benutzen, wenn man ihr Sorge trage. «Der Vorteil der alten Geisseln: Sie sind weicher», sagt er. Im Frühling beginnt die Saison des Geisselmachers. Das Spinnen und Zwirnen brauche Fingerspitzengefühl. «13 Grad warm sollte es schon sein», sagt er. Er arbeitet teils im Freien, braucht mehr als 13 Meter Platz für die langen Geisseln.

Von den 200 Geisseln sind etwa 120 Innerschweizer Geisseln, die zwischen 1,5 und 3,3 Meter lang und für Kinder geeignet sind. Die Lenzburger Geisseln messen 3 bis 4,5 Meter. Sie unterscheiden sich auch in der Machart. «Wir haben auf Bestellung schon drei sechsmetrige gemacht; eine Herausforderung für den Klöpfer», sagt er. Die Stiele kommen aus Hallwil, die Zwicke lassen Werrens in Rupperswil spinnen, und das Flachs stammt aus Belgien.

Daniel klöpft selber natürlich auch, und das erfolgreich. Letztes Jahr holte er sich mit zwei Kollegen im Badischen Villingen-Schwenningen den Vizeweltmeistertitel im Dreier-Klöpfen. «Da kommts auf den Takt und die Lautstärke an, und die Geissel darf den Boden nicht berühren», sagt er. Als Ausgleich zur Arbeit, auch zum Geisselmachen, macht er schottische Highland-Games. «Ja, im Kilt», lacht er. Steinstossen, Baumstammwerfen: Daniel Werren hat neben Fingerspitzengefühl auch Kraft.

Reparaturen gegen Bares

Reich wird man mit Geisseln nicht. «Wir konnten uns mit 1000 Geisseln etwa 10 Tage günstige Ferien leisten», sagt Daniel Werren. Hobby eben. Und Verpflichtung, etwas für den Brauch zu tun. Mit der Chlausklöpf-Saison, die diese Woche beginnt, fängt auch die Reparatursaison an. Neuer Zwick? «Man kann die Geissel mit einem Zettel versehen vor der Garage an der Hertistrasse deponieren», sagt Monika Werren. Und die Geissel später «gegen Bares» wieder abholen. Dass der Produzent der Innerschweizer Geisseln in Willisau keine Reparaturen macht, bringt Werren auch Kundschaft aus dem Luzernischen.

«Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, doch noch jemanden zu finden, dem ich das Handwerk beibringen kann», sagt Daniel Werren. Geisselvater? Vor kurzem ist er Vater eines Florian geworden. Nicht nur ein schlechtes Jahr also. Nachfolge damit geregelt? «Nein, er muss nicht mein Mitarbeiter werden», lacht Werren.