Er sagt: «Es war super spannend.» Und: «Da wird man mit allen möglichen Realitäten konfrontiert.» Luca Cirigliano ist erst 37 Jahre alt, aber als Bezirksrichter bereits ein Auslaufmodell. Er wird per Ende März zurücktreten. Nach zehnjähriger Amtstätigkeit.

Luca Cirigliano war einer der jüngsten Bezirksrichter, den es je im Aargau gegeben hat. Er wurde im Oktober 2008 als 27-Jähriger erstmals gewählt. Er war auch sonst aussergewöhnlich: kein klassicher Laienrichter, sondern ein promovierter Jurist. Und erst noch einer, der vor seiner Richtertätigkeit in Lenzburg ein Gerichtspraktikum gemacht hatte. Cirigliano wird bei zwei ganz grossen Fällen dabei gewesen sein: im letzten Frühling beim Mordfall Rupperswil, jetzt dann, vom 6. bis voraussichtlich am 23. Januar, beim Fall des Luxusautohändlers Riccardo Santoro (unter anderem gewerbsmässiger Betrug).

«Gar nicht ideologisch»

Cirigliano wohnt in Niederlenz und ist mit einem 80-Prozent-Pensum Zentralsekretär beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Er ist zuständig für die Dossiers Arbeitsrecht, Arbeitssicherheit, Internationales. In dieser Funktion ist er viel auf Reisen. Er hat auch mit dem Rahmenabkommen mit der EU zu tun. Zum Reizwort Lohnschutz sagt er: «Die europäischen Gewerkschaften achten sehr genau darauf, was in der Schweiz passiert.»

Cirigliano ist SP-Mitglied. Er war Co-Präsident der Juso Aargau und gehörte der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen an. Zu seiner Funktion als Bezirksrichter sagt er: «Unsere Gerichte funktionieren gar nicht ideologisch.» Und: «Wir geben als Richter unser Parteibuch ab und erfüllen die Rechtspflege nach bestem Wissen und Gewissen.»

Kein Polizeischutz nötig

Für Cirigliano ist klar: «Wir haben ein menschliches und bürgernahes Justizsystem.» Die Laienrichter seien eindeutig eine Bereicherung. «Ihr gesunder Menschenverstand verhilft den Juristen zu einer gewissen Aussensicht, die den gesellschaftlichen Sensibilitäten entspricht.»

Auch wenn die Gerichte gut funktionieren, gibts in den Augen von Cirigliano Verbesserungspotenzial. Er sagt: «Der Aargau hat die schlankste Justiz der Schweiz. Wir haben eine Unterdotierung bei den Gerichtsangestellten.» Die Politik müsse sich überlegen, was ihr das Gerichtssystem wert sei.

Ein Bezirksrichter studiert die Akten daheim. Das heisst, er benötigt zu Hause ein Büro. Er ist quasi auf Abruf angestellt – je nachdem, wie viele Verhandlungen anstehen. Das Pensum beträgt, über das Jahr betrachtet, etwa 20 Prozent. Bezahlt wird er pro Verhandlungsstunde (in dieser Pauschale ist die Vorbereitung inbegriffen). Er sei nie ausserhalb des Gerichtssaales von einem Verurteilten angesprochen worden. «Das war eine gute Erfahrung. Man braucht als Lenzburger Bezirksrichter keinen Polizeischutz», so Cirigliano augenzwinkernd.

Als Bezirksrichter dürfe, müsse man mitentscheiden und entsprechend Verantwortung tragen. «Das wurde mir beim allerersten Fall so richtig bewusst», erinnert sich Cirigliano. Ansonsten kann er wenig Konkretes über einzelne Fälle berichten. «Ich habe sie jeweils nach dem Urteil gedanklich abgeschlossen.» Das sei für die eigene Psychohygiene wichtig. Natürlich habe er jeweils noch zur Kenntnis genommen, was die nächste Instanz mit dem Lenzburger Urteil entschieden habe.

Cirigliano macht keinen Hehl daraus, dass ihn der Mordfall Rupperswil in den elf Jahren am meisten sprachlos gemacht hat: «Das war mit Abstand der gravierendste Fall. Der Fall, der mir am nahesten ging.» Er habe auch in der persönlichen Bewältigung vieles ausgelöst.

Teilzeit-Comeback?

Warum tritt Cirigliano als Bezirksrichter zurück? «Ich will mehr Zeit für die Familie», sagt der Mann, der vor vier Monaten Vater geworden ist. Könnte er sich vorstellen, dereinst vollamtlicher Gerichtspräsident zu werden? Auf keinen Fall. «Mir gefällt das Rechts-Politische besser als die reine Rechtsanwendung», sagt Cirigliano. «Aber ein Teilzeit-Comeback an einem Gericht schliesse ich nicht aus – einfach nicht mehr an einem Bezirksgericht.»