Lenzburg

Der Drache und seine Hüterin: Sie schaut auf Publikumsliebling Fauchi

Niemand kennt den Lenzburger Schlossdrachen besser als Livia Lüthi. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie noch Angst vor ihm – doch das ist lange her.

Der Boden bebt, es blitzt und aus dem Dunkeln leuchten ein paar rote Augen mit schmaler Pupille. Wer den Drachen Fauchi in seinem Verlies auf Schloss Lenzburg einmal erlebt hat, vergisst ihn nicht mehr.

Livia Lüthi (31) ist Drachenpflegerin auf Schloss Lenzburg. Offiziell lautet ihre Berufsbezeichnung Fachfrau Betriebsunterhalt und damit ist sie auch für den Publikumsliebling zuständig. Ein Glücksfall für beide, denn Lüthi war schon vor ihrem Job auf dem Schloss Drachenfan.

Als sie Fauchi als Kind zum ersten Mal begegnet ist, hat sie sich auch vor ihm gefürchtet. «Mein Vater hat mit uns einen Ausflug auf die ‹Lenzburg› gemacht. Ich hatte Schiss», sagt sie. So gehe es auch heute noch vielen Kindern. Ist es das Ziel von Fauchi, den Besuchern Angst einzujagen?

Livia Lüthi überlegt und blickt auf den Schlosshof, der am besuchsfreien Montag leer vor sich hinherbstelt. «Er ist ein Drache und die sind für viele gefürchig», sagt sie schliesslich. «Aber er ist ein junger Drache, noch in den Anfängen. Er ist immer noch im Lernprozess mit dem Fauchen und Fliegen.»

Livia Lüthi kennt ihren Schützling durch und durch. «Er kann auch ganz feine Töne machen, so ein niedliches Knurren.» Und wenn er «schlöfelet», wie die Drachenpflegerin sagt, hätten die Kinder auch weniger Angst. «Aber natürlich macht er gerne Eindruck.»

Der Lenzburger Schlossdrache Fauchi ist definitiv ein Publikumsmagnet.

Der Drache Fauchi ist die grösste Attraktion auf Schloss Lenzburg. Mit seinem Gebrüll hat er schon viele Kinder fasziniert und auch ein bisschen verängstigt.

Fauchi ist der Überlebende eines Familiendramas

Dass auf der Lenzburg ein Drache wohnt, geht auf eine Sage zurück. Drachen und ihre Töter sind beliebte Sagenstoffe in verschiedenen Kulturen. Ein Ritter wird erst richtig zum Mann, wenn er neben allen weltlichen Feinden noch einen Drachen bezwungen hat.

Im germanischen Sprachraum sind Siegfried aus der Nibelungensage oder der Heilige Georg berühmte Drachentöter. In der Lenzburger Sage wollten die Brüder Waltram und Guntram die Stadt vom bösen Wurm befreien.

Ein Bruder wurde gefressen und wieder ausgespien, aber der Drache war am Schluss tot. Kurz vor dem Ende soll er – oder sie? – noch ein Ei gelegt haben. Aus diesem entsprang Fauchi.

Auf dem Nordgiebel der Landvogtei thront ein Drache mit vergoldeter Halskrause, der an die Heldentat erinnern soll. Die Metallplastik ist schon in einem Dokument von 1594 erwähnt und ist das optische Vorbild für Fauchi.

Fauchi ist nicht ganz so alt wie seine metallene Vorlage. Er trat 1991 seinen Dienst in der Ostbastion an. Sein Robotergerippe wurde in der Werkstatt der Höheren Technischen Lehranstalt Windisch gebaut, seine Drachenhaut fertigte der Chefpräparator des Naturhistorischen Museums Basel an.

Schloss Lenzburg

Schloss Lenzburg

Dergestalt fauchte der junge Drache bis 1996, dann wurde er zum ersten Mal revidiert. Im Winter 2016/2017 hat die Digitalisierung Fauchis Verlies erreicht, das Berner Atelier Lorraine brauchte seine Steuerung und Programmierung auf den neusten Stand.

Fauchi – übrigens ein Gebirgsdrache – ist ein sensibles Tier. Livia Lüthi merkt, wenn ihrem Schützling etwas fehlt. «Der Hals ist der empfindlichste Teil», sagt sie. Sie kennt ihn so gut, dass sie es hört, wenn eines seiner Gelenke nicht funktioniert, wie es sollte.

Auf einen Geheimbefehl seiner Pflegerin dreht Fauchi den Kopf zur Seite und lässt sie auf seine Steuerung zugreifen. Dafür muss man die Platte entfernen, auf der seine Vorderfüsse stehen. Kleinere Probleme kann Lüthi selber beheben, aber wenn Fauchi schwer angeschlagen ist, muss ein Facharzt aus Bern her.

Der Reissverschluss machte misstrauisch

Drachen sind in letzter Zeit einige aufgetaucht im Seetal. Doch Fauchis Popularität hat noch keiner erreicht. «Er ist der Star hier», sagt Lüthi. Kinder wollen Fauchi.

Lüthi erlebt oft herzige Momente mit den kleinen Schlossbesucherinnen. «Einmal war ein Mädchen an einer Hochzeit, als das Museum eigentlich geschlossen war», sagt sie. Weil es unbedingt den Drachen sehen wollte, machte Lüthi eine Ausnahme. Und war gefordert: «Das Mädchen hatte sehr viele Fragen zu Fauchi. Ich habe es gerade noch geschafft, alle zu ihrer Zufriedenheit zu beantworten», sagt sie und lacht.

Überhaupt seien viele Kinder kritisch. Auf seinem Rücken war der Reissverschluss von Fauchis Schuppengewand zu sehen, was immer zu Fragen geführt hatte. Zum Glück gibt es noch überschüssige Fauchihaut, mit der der Reissverschluss bei der Revision abgedeckt werden konnte.

Fauchi erhält auch Fanpost. Livia Lüthi freut sich über die Briefe für ihr Pflegetier und hat auch schon Antworten geschrieben. Die Briefe werden im Museumsshop aufgehängt. Dort gibt es Drachen en masse.

Livia Lüthi hat ein Modell aus Plastik zum Geburtstag bekommen – ein gefürchiges. Und für die Vorsichtigeren gibt es auch Drachen aus Plüsch zum Kuscheln statt Fürchten.
In seinem Kerker hat Fauchi genug gebrüllt und zieht sich ein wenig zurück. Und fiept und flötet tatsächlich ganz fein.

Aargauer Schlösser in Bildern:

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