«Brauer Tom»

Der Bierkönig aus Seengen: Familienvater gab seinen Beruf auf und erfüllte sich einen Traum

Von der Maische bis zur Abfüllung: Thomas Wittwer erläutert einige Momente des Brauprozesses.

Von der Maische bis zur Abfüllung: Thomas Wittwer erläutert einige Momente des Brauprozesses.

Im März 2015 nahm Thomas «Brauer Tom» Wittmer den ersten Schluck seines handgemachten Biers. Ein Jahr später hatte er bereits 18'000 Liter Bier gebraut. Heute kann man seine Biere im Volg, auf dem Dorfmarkt, im Hotel Eichberg und an weiteren Orten kaufen.

Es fing in der Waschküche an. Gegenüber dem Tumbler baute Thomas Wittmer (47) am 23. Dezember 2014 einen Bierbraukessel à 50 Liter ein. Am liebsten hätte sich der Seenger sofort ans Werk gemacht. Seiner Familie zuliebe geduldete er sich über die Festtage aber noch und verlegte den Braustart auf den 11. Januar. Im März 2015 nahm Thomas Wittmer den ersten Schluck seines handgemachten Biers. Seitdem ist er der «Brauer Tom».

Dabei wollte der Vater von zwei Mädchen (10 und 13) erst gar nichts vom Brauen wissen. Es war seine Frau Regula Wittmer, die ihm einen Braukurs schenkte – als Hobby-Ersatz. Die Kochgruppe, mit der sich Thomas Wittmer regelmässig traf, hatte sich aufgelöst. Fast widerwillig machte er sich auf den Weg nach Gränichen in die Brauerei RabenBrau. Doch die Skepsis hielt nicht lange an. «Bereits nach der Hälfte des Kurses war ich total gefesselt», sagt Thomas Wittmer.

Wenige Wochen später mischte der Familienvater in der 50-Liter-Pfanne erstmals Hopfen, Malz und Wasser zu einem Sud. Ein Helles sollte es werden. Während sieben Stunden kontrollierte er die Temperatur sorgfältig, kochte die Mischung stufenweise auf und füllte die Flüssigkeit schliesslich in den Gärtank, wo die Hefe dazukam. Bis zum fertigen Bier muss die Mischung sechs bis acht Wochen reifen. «Ich hielt mich relativ viel in der Waschküche auf», sagt Thomas Wittmer schmunzelnd. Die neue Freizeitbeschäftigung kam bald mit dem Waschplan in die Quere. «BrauerTom» expandierte in zwei weitere Räumlichkeiten des Erdgeschosses, kaufte einen grösseren Tank, eine Abfüllanlage und baute einen Kühlraum ein. Heute ist Wittmers Keller eine richtige Mikrobrauerei.

«Ständig im Verzug»

18'000 Liter braute Thomas Wittmer allein im ersten Jahr. Zur hellen Sorte Bionda kam ein Amber dazu. Bei einem Aufenthalt in der «Fyne Ales»-Brauerei in den schottischen Highlands entdeckte «BrauerTom» ausserdem die Liebe zu Schwarzbier. Seitdem ist ein Black-IPA im Sortiment. Hinzu kommen saisonale Sorten.

Kaufen kann man Toms Biere im Müli-Laden, im Volg, auf dem Dorfmarkt, im Hotel Eichberg oder direkt an der Rötelstrasse. Als Thomas Wittmer das erste Blonde probierte, hatte er noch nicht vor, sein flüssiges Gold feilzubieten. Ihn interessierte bloss, ob der Versuch gelungen war. «Ich habe noch nie so lange gebraucht, um ein Bier zu öffnen», erzählt der Seenger. Eine halbe Stunde ist er um die Flasche geschlichen. Dann endlich das erlösende Ploppen des Bügelverschlusses. Goldgelb war es, bildete einen schönen Schaum und auch der Geschmackstest stimmte. Kurzerhand lud der Brauer eine Handvoll Freunde ein und stach ein Fässchen an. «Seitdem bin ich mit den Bestellungen ständig im Verzug», sagt er.

«Jedes Dorf soll seine eigene Kleinbrauerei haben»

Wenn Thomas Wittmer von den ältesten Spuren des Biers aus der Steinzeit, den Brautipps von Hildegard von Bingen und den 72 definierten Bierstilen erzählt, macht sich ein Lächeln auf seinen Lippen breit. Er sagt: «Es ist wie ein Wald. Je weiter man hineingeht, desto mehr entdeckt man die Vielfalt.» Sein Leben sei reicher geworden, seitdem er braue. Auch deshalb, weil es eine äusserst kollegiale und innovative Szene sei.

«BrauerToms» neue Leidenschaft geht so weit, dass er seine langjährige Teilzeitstelle beim Gelenksersatz-Produzenten Smith & Nephew (ehemals Plus Orthopedics) in Aarau diesen August kündigte. Zwei Tage in der Woche arbeitet der Seenger im Brau- und Rauchshop in Densbüren. An einem Samstag pro Monat führt er nun selbst Brauneulinge in die Welt des Bieres ein. Für die regionale Biervielfalt hat Thomas Wittmer eine Vision: «Jedes Dorf soll seine eigene Kleinbrauerei haben – wie früher die ‹Chäsi›.»

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