Einwohnerratspräsidium

Den Aufstieg auf den 7000er schaffte sie nicht – dafür steht sie nun an der Spitze von Lenzburg

Brigitte Vogel (SVP) wird neue Einwohnerratspräsidentin. Die 48-Jährige ist Gärtnerin, Gartenbau- und Wirtschaftsingenieurin, Bäuerin, Gewerbeschullehrerin, Bergsteigerin, Politikerin. Und kaum jemand ist so facettenreich wie sie.

Lenzburg müsste wohl kopfstehen, würde sie heute Abend an der ersten Sitzung der Legislaturperiode 2018–21 des Einwohnerrats nicht zu dessen Präsidentin und für die kommenden zwei Jahre zur höchsten Lenzburgerin gewählt.

Der Rede ist von der 48-jährigen Brigitte Vogel (SVP). «Es gibt kaum jemanden in der Stadt, der mich nicht kennt», sagt sie über sich selber – dabei blitzt der Schalk in ihren Augen. Und mit einem herzlichen Lachen präzisiert sie: «Natürlich nicht unbedingt mich persönlich, aber als die Frau hinter dem Gofi mit den Rindviechern.»

Vor ihrem Bauernhaus über der Strasse am steilen Gofihang grasen rund ein Dutzend zotteliger Kühe mit langen Haaren, die bis über die Augen fallen. Zu den Schottischen Hochlandrindern hinzu kommen Wollsäuli, Esel, Schafe, Geissen und Katzen. Gleich scharenweise zieht es Spaziergänger bei schönem Wetter zu Vogels familiärem Tierlizoo.

«Die Tiere haben eine entschleunigende Wirkung, sowohl für mich als auch für die Besucher», ist Vogel überzeugt. Und noch etwas: Rindvieh sei für sie übrigens gar kein Schimpfwort, sondern ganz ein schönes Nutztier, von dem es letztendlich ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller gebe. Und mit dem Blick aus dem Fenster ihrer grossen Wohnküche zu den Tieren, die noch im Morgengrauen bereits am Gofihang grasen: «Es heisst zwar hinter dem Gofi, aber wir sind hier definitiv nicht hinter dem Berg.»

Vom Glarner- ins Unterland

Brigitte Vogel ist Gärtnerin, Gartenbau- und Wirtschaftsingenieurin, Bäuerin, Gewerbeschullehrerin, Bergsteigerin, Politikerin. Über allem steht eine tiefe Verbundenheit zur Natur. Die hat sie aus ihrem Elternhaus im glarnerischen Ziegelbrücke mitgenommen. Jeans und Faserpelzjacken sind der sehr wahrscheinlich neuen Ratspräsidentin näher als jegliche noch so modische Hotpants. Ihre Tätigkeiten jedoch gewichten zu müssen, findet sie eher doof («Es gehört alles zu mir.»), und sie hofft, dass «man nachher schon noch etwas Intelligenteres von mir hören möchte».

Schlagfertigkeit, Wortwitz, Erzähltalent, Einsatzbereitschaft, eiserner Wille, Kampfgeist und Ausdauer charakterisieren die Singlefrau. Sie legt jedoch Wert auf die Tatsache, dass sie nicht zu jener Sorte Menschen gehört, die mit dem Kopf durch die Wand gehen. «Man muss die Signale erkennen und auf den letzten Kick verzichten, wenn es keinen Sinn mehr macht, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.»

Am Himalaja gebremst

Möglicherweise hat diese Lebensmaxime Brigitte Vogel sogar einmal das Leben gerettet. 2013 hat sie als Probandin an einer höhenmedizinischen Forschungsexpedition in den Himalaja teilgenommen. Ihr erklärtes Ziel war es, am Schluss auf dem 7000 Meter hohen Himlung Himal zu stehen.

In der Nacht vor der Schlussetappe spürte sie jedoch, dass sie nicht fit genug war für das anspruchsvolle letzte Stück zum Gipfel. In der Einsamkeit des eiskalten Zeltes hätten Ehrgeiz und Verstand neun Stunden lang miteinander gefochten. Heute kann sie ohne Reue über den Verzicht sprechen, in der ersten Zeit jedoch sei er ihr als persönliches Versagen gleichgekommen, erzählt sie.

Ein weiterer Kampf hat sich für Vogel nicht ausgezahlt. Auch das hat sie anfänglich sehr geschmerzt. Bis zuletzt hat sie für den Erhalt des Berufsbildungszentrums Niederlenz (BBZ) gekämpft und diesen erst aufgegeben, als sich die Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen an einer ausserordentlichen Generalversammlung in Lenzburg vor zwei Jahren gegen eine Weiterführung der Trägerschaft aussprachen.

Fast 30 Jahre hat Vogel in der Ausbildungsstätte in Niederlenz verbracht. Zuerst als Lernende und die letzten 14 Jahre als Schulleiterin und später auch Vorsitzende der Geschäftsleitung. «Ich habe die berufliche Chance gepackt, die sich mir hier geboten hat.» Auch wenn sie als Gewerbeschullehrerin in der Berufsschule Lenzburg eine neue professionelle Zukunft gefunden hat, so unterstützt sie das BBZ bis zur ordentlichen Schliessung in den nächsten Monaten.

Ständerat This Jenny politisiert

Brigitte Vogel schmunzelt, wenn sie sich «als geglückte Integration aus dem Osten» bezeichnet. «Auch wenn ich hier wohne und verwurzelt bin, bin ich keine richtige Aargauerin.» Und schon gar nicht sei der Gofi ein Ersatz für die Glarner Berge, von denen sie herkomme.

Im Gespräch schimmert immer wieder der Glarner Dialekt durch. Und der Respekt gegenüber den Menschen, die sie geprägt haben: Das Elternhaus, die Liebe zur Natur und alt Ständerat This Jenny, der ihr politisches Interesse geweckt hat und mit dessen Familie man freundschaftlich verbunden war.

Ihre bäuerliche Herkunft hat Brigitte Vogel politisch zur SVP geführt. Diese Partei war es auch, die bei ihrem Zuzug nach Lenzburg zuerst bei ihr angeklopft hat. Vor acht Jahren ist sie auf Anhieb mit dem drittbesten Resultat aller Gewählten in den Einwohnerrat eingezogen. Mit dem Spitzenrang vor vier Jahren und Platz zwei bei den Gesamterneuerungswahlen im letzten Herbst sei nun der «Medaillensatz» voll.

Bevölkerung neugierig machen

Dass die Schliessung des BBZ und die dadurch ausgelöste berufliche Neuausrichtung ihr den möglichen Weg in den Lenzburger Stadtrat verwehrten, möchte Vogel nun ad acta legen und vielmehr über das Kommende sprechen. Sie freue sich riesig auf das neue Amt, welches ihr unbekannte Gebiete erschliesse und wo sie neuen Menschen begegne. Die mit dem Ratspräsidium verbundenen repräsentativen Aufgaben erachtet sie nicht als Verpflichtung, sondern als willkommenen Horizonterweiterung.

Welches sind ihre wichtigsten Ziele für die kommenden zwei Jahre? Sie will den Einwohnerrat und das Ratsgeschehen der Bevölkerung näher bringen. Wie sie sich das vorstellt, ist heute Abend in ihrer Antrittsrede zu erfahren. Die Lenzburger Bevölkerung sei herzlich dazu eingeladen, sagt sie.

Vogel möchte Visionen von politischen Gegnern und Bevölkerung Raum lassen, möchte die Diskussion führen, ob beispielsweise ein Langsamverkehr dereinst über den Dächern geführt werden soll oder die Autos durch einen Tunnel unter der Stadt. «Letztendlich geht es doch einfach darum, dass wir mit einem guten Konsens eine für alle tragfähige Lösung finden, um welches Thema es sich dabei auch immer handeln mag.»

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