Jura Cement Wildegg
Demonstranten fordern Verbot von Braunkohle – obwohl diese dort gar nicht verbrannt wird

Am Donnerstagnachmittag versammelten sich rund 20 Leute in weissen Arztkitteln vor dem Wildegger Zementwerk. Ruhig und ohne Parolen zu rufen, demonstrierten Mitglieder der Organisationen «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz» und «Pingwin Planet» gegen die Verwendung von Braunkohle.

Nora Güdemann
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Die Organisationen Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz und Pingwin Planet setzten sich vor dem Zementwerk in Wildegg gegen den Klimakiller Braunkohle ein. Chris Iseli

Die Organisationen Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz und Pingwin Planet setzten sich vor dem Zementwerk in Wildegg gegen den Klimakiller Braunkohle ein. Chris Iseli

Chris Iseli

Sie forderten ein Verbot des Brennstoffs, der bei der Zementproduktion eingesetzt wird. «Die Zementindustrie setzt mit Braunkohle den dreckigsten und klimaunfreundlichsten Brennstoff ein», kritisiert Martin Forter, Geschäftsführer der «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz».

Die Schweizer Zementwerke würden jährlich 110 000 Tonnen Braunkohle verfeuern, so Forter. Damit verursachten sie rund sieben Prozent des gesamten Schweizer CO2-Ausstosses.» Forters Fazit: «Die Zementwerke kümmern sich nicht ums Klima.»

Marcel Bieri, Werkleiter Jura Cement in Wildegg, stellte sich den Demonstranten und suchte das Gespräch mit ihnen, obwohl er auch nicht so recht wusste, warum die Umweltschutzorganisationen das Wildegger Zementwerk für ihre Demonstration ausgesucht haben.

«Hier wird keine Braunkohle verbrannt», sagte Bieri, ausgerüstet mit Helm und Leuchtweste. «Wir benutzen nur rund 15 Prozent fossile Brennstoffe, darunter Steinkohle. Die restliche Energie gewinnen wir durch die Verwertung von alternativen Brennstoffen wie Altreifen oder Kunststoffabfällen.»

Branchen-Stellvertreter Wildegg

Wenn in Wildegg doch keine Braunkohle verwendet wird, warum haben sich die Umweltschützer trotzdem diesen Standort für ihre Demonstration ausgesucht? Forter: «Das liegt daran, dass weder das Bundesamt für Umwelt noch der Verband der Zementindustrie uns beantwortet hat, wo am meisten Kohle verbrannt wird.»

Man habe sie abgespeist und gesagt, dass es sich dabei um vertrauliche Informationen handle. Stellvertretend für die Zement-Branche habe die Organisation also das Werk in Wildegg ausgewählt.

Chris Iseli

Aufsichtsanzeige nicht vergessen

Zwar wird in Wildegg keine Braunkohle verbrannt, trotzdem geriet das Zementwerk im letzten Jahr ins Visier der Umweltschützer. Laut einem Bericht im Konsumentenmagazin «Saldo» habe das Zementwerk Wildegg 2017 an 172 Tagen die Grenzwerte für Benzol überschritten. Der Stoff ist krebserregend.

Im September 2018 sagte Heiko Loretan von der kantonalen Abteilung für Umwelt gegenüber dieser Zeitung, der Kanton habe für Jura Cement im Dezember 2016 eine Sanierungsverfügung erlassen. Darin wird verlangt, dass die Benzolemissionen bis Ende 2020 kontinuierlich gesenkt werden müssen.

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Diese Auflagen waren nicht genug für die Umweltaktivisten. Sie reichten beim Kanton eine Aufsichtsanzeige ein. Der Kanton habe die Zementwerke unter anderem «nicht rechtzeitig zu kontinuierlichen Messungen und lückenlosen Aufzeichnungen verpflichtet», kritisierten sie damals. Die Aufsichtsanzeige wurde im April vom Regierungsrat allerdings abgewiesen. Der Abteilung für Umwelt sei kein Fehlverhalten anzulasten.

Doch Umweltschützer Martin Forter gibt sich kämpferisch: «Das ist noch nicht vorbei», sagte er gestern. «Ich denke, da wurden Fehleinschätzungen gemacht.» Werkleiter Marcel Bieri betonte, die Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt stehe an erster Stelle. «Die im letzten Jahr ergriffenen Massnahmen konnten den Benzol-Ausstoss wirksam mindern.» Seit 14 Monaten, mit Ausnahme zweier geringer Tages-Überschreitungen im November, habe das Werk die Messwerte eingehalten. «Seit 2019 konnten die Emissionen weiter signifikant reduziert werden», so Bieri.

Chris Iseli

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