Was sollte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach anderes tun? Spürbar ist sein Bestreben, eine einvernehmliche Lösung zu erwirken, denn es steht Aussage gegen Aussage. Es ist eine Geschichte aus dem Baugewerbe, bei der sich zwei Arbeiter gegenseitig beschuldigen.

Da ist zum einen der 63-jährige Willi (Name geändert). Er ist gesundheitlich angeschlagen. Seine Lungenleistung ist auf 30 Prozent reduziert, er kann nicht mehr schaufeln und pickeln; seine Tätigkeit beschränkt sich aufs Bedienen von Maschinen.

Auf der anderen Seite steht Vincenzo (Name geändert), ein 57-jähriger italienischer Chauffeur. Willi und Vincenzo haben sich gegenseitig angezeigt. Die Vorhaltungen ähneln sich: Mehrfache Tätlichkeiten, Beschimpfung und Nötigung stehen auf Willis Liste, bei Vincenzo mehrfache Tätlichkeiten und versuchte Nötigung. Beide haben ihre Strafbefehle nicht akzeptiert.

Sie sollen sich gegenseitig mit Tod bedroht haben

Das Problem: Niemand hat gehört, wie Willi am Nachmittag des 14. August 2018 auf einem Lagerplatz einer Transport- und Handelsfirma zu Vincenzo gesagt hat, Vincenzo solle abfahren, sonst bringe er ihn um. Ebenso wenig gibt es Zeugen für Vincenzos Drohung, wenn Willi ihm nicht 20'000 Franken gebe, schlage er ihn tot. Die Sätze bleiben Behauptungen. Ebenso wie der «Scheiss-Tschingg», den Willi gegenüber Vincenzo habe fallen lassen. Auch von Tätlichkeiten, von einem Herumschubsen ist die Rede – Zeugen fehlen. Und die Aussagen der beiden Beteiligten widersprechen sich. Vincenzo habe einen Stein in der Hand gehabt und ihn geschubst, sagt Willi. Er habe den Arm in einer Schlinge getragen, Schulteroperation, sagt Vincenzo.

Hintergrund der Auseinandersetzung – aber nicht Thema des Verfahrens – ist ein defekter Pneubagger. Willi soll ihn beim Gebrauch kaputtgemacht haben. Er spricht von Material-Ermüdung und normaler Abnützung. Vincenzo ist der Meinung, die Maschine gehöre ihm, und hat deshalb Willi bedrängt, wollte von ihm 20'000 Franken für die Reparatur. Für Willi ist klar: Der Bagger gehört einem Transport- und Handelsunternehmer aus der Region, für den er damals gearbeitet hat.

Eine Quittung, unterschrieben von jenem Unternehmer und Vincenzo, zeigt aber, dass der Unternehmer den Pneubagger gekauft, allerdings nicht den ganzen Preis bezahlt hat. Hat Vincenzo etwas unterschrieben, ohne zu wissen was? Nun bringt Vincenzos Verteidiger noch einen Brief, worin der Unternehmer bestätigt, dass der Pneubagger Vincenzo gehöre. Für Willi stecken die beiden unter einer Decke. Er arbeite auch nicht mehr für den Unternehmer.

Gerichtspräsident mahnt: «Ein Handschlag gilt»

«Seit der Anzeige habe ich Ruhe», sagt Willi, der ohne Anwalt angetreten ist. Er hat Angst, dass die Bedrohungen wieder anfangen, wenn er nicht an seinen Anträgen festhalte. Vincenzo, mit Anwalt, geht unter finanziellen Bedingungen auf den vorgeschlagenen Deal ein, und schliesslich springt auch Willi über seinen Schatten: Rückzug, Einstellung der Verfahren. Bezüglich der Nötigung, ein Offizialdelikt, kann Daniel Aeschbach nur auf Freispruch entscheiden: Im Zweifel für die Angeklagten. Und jene bekräftigen mit Handschlag die Vereinbarung, sich fürderhin voneinander fernzuhalten, vorab Vincenzo soll Willi nicht mehr behelligen. Die Verfahrenskosten, davon rund 4500 Franken für Vincenzos Verteidiger, gehen auf die Staatskasse. «Halten Sie sich an das, was wir abgemacht haben», ermahnt der Gerichtspräsident die beiden Männer, «ein Handschlag gilt.»