Heidi Sommer gönnt sich eine Pause. Die Leiterin des Rehahauses Effingerhort setzt sich in die gemähte Wiese. Vor ihr erstreckt sich das Aaretal, das Dorf Holderbank, die Aare, Hügelzüge. Hinter ihr steht die Vergangenheit, ein Haus mit einem Turm und grün lackierten Fensterläden.

Seit 100 Jahren steht es da. Unerschütterlich. Julie von Effinger, letzte Herrin auf Schloss Wildegg, liess es erbauen und legte damit den Grundstein für die Trinkerheilanstalt. «Für die dem Laster der Trinksucht verfallenen Männer», beschrieb die damals 74-jährige Dame die Anstalt. Ein Jahr nach der Gründung der Von Effinger Stiftung verstarb die Wohltäterin.

Zu Beginn hatte es die Trinkerheilanstalt schwer. Gerade sechs Alkoholiker traten zwischen 1914 und 1915 in den Effingerhort. Die Geldnot war akut, die Anstalt stand zwischen «Sein und Nichtsein». Doch dann ging es bergauf: Die Anstalt etablierte sich im Kanton. 1953 renovierte die Stiftung das ursprüngliche Haus und tätigte Landkäufe.

In den 60er-Jahren verkaufte die Stiftung den Effingerhort an die Zementfabrik Holderbank – sie wollte in diesem Gebiet Kies abbauen. Die Stiftung suchte nach Ersatz und plante im Hasel in Gontenschwil eine neue Suchtklinik. Doch dann fand das Zementwerk ein anderes Abbaugebiet und verkauft den Effingerhort wieder an die Stiftung. Die Klinik im Hasel wurde trotzdem gebaut (unten stehender Text). Zwischen 1996 und 2007 erfolgten eine umfassende Sanierung und Erweiterung des Effingerhorts.

Arbeit in Küche und Stall

Heute leben 46 Frauen und Männer ab 20 Jahren im Effingerhort. Vorwiegend sind es Alkoholiker, aber auch Leute mit Drogen und Medikamentenproblemen. Längst leben sie nicht mehr im Gebäude, das Julie von Effinger einst errichten liess. Hier befinden sich jetzt die Büros.

Die meisten suchtkranken Menschen sind in der Rehaabteilung. «Unsere Therapie gibt den Betroffenen die Möglichkeit, sich mit ihrem Suchtverhalten sowie der Motivation für ein abstinentes Leben auseinanderzusetzen», sagt Leiterin Heidi Sommer. Die Aufenthaltsdauer beträgt zwischen neun Monaten und drei Jahren.

Nach Abschluss der Behandlungsphase haben die Betroffenen die Möglichkeit, ins Wohnheim Stöckli überzutreten, das ebenfalls abstinent geführt wird. Das Stöckli bietet betreutes Wohnen sowie geschützte Arbeitsplätze an: In der Gärtnerei gedeihen Pflanzen der Pro Spezie Rara, im Atelier und in der Schreinerei entstehen Produkte, die im hauseigenen Lädeli verkauft werden. Die Bewohner sind im Haushalt und in der Lingerie beschäftigt. Sie kochen und stellen Köstlichkeiten für den Catering-Service her.

Am Anfang nur Männer

In der Landwirtschaft betreuen die Suchtkranken Ziegen und Wollschweine. Sortieren die frisch gelegten Eier der Hühner. Die Stimmung ist gelöst. «Die Leute arbeiten gerne. Ihre Tätigkeit gibt ihnen feste Strukturen, sie entdecken neue Fähigkeiten an sich», sagt Hansjörg Schilliger, Verantwortlicher der Gärtnerei. Auch wenn man die Betroffenen motivieren müsse: «Oft fangen sie etwas an, ohne es zu beenden.»

Das Suchtverhalten hat sich über die Jahre hinweg verändert. Früher habe ein Alkoholiker im Strassengraben gelegen, sagt Heidi Sommer. Heute nehme man sie öffentlich kaum mehr wahr. Bis 1997 seien nur Männer im Effingerhort therapiert worden. «Als dann die erste Frau kam, begannen die Männer mehr Wert auf Äusserlichkeiten zu legen.» Alkoholprobleme bei Frauen sei heute noch ein Tabuthema, stellt die Leiterin fest. «Trinkt ein Mann ein Bier, ist das normal. Trinkt eine Frau ein Bier, wird es weniger akzeptiert.»

Die Leiterin erlebt auch, wie Suchtkranke rückfällig werden. Oft seien sie mit dem Therapieprogramm überfordert oder könnten sich auf keine Behandlung einlassen, Dann sei ein Loslassen notwendig. Sie erlebt auch positive Behandlungen: Ein Mann, der seit seinem 15. Lebensjahr Drogen und Alkohol konsumiert hat und heute im Effingerhort im Langzeitbereich lebt, ist abstinent und erfreut sich einer stabilen Gesundheit. In seiner Freizeit singt er in einem Gospelchor mit. Über den Erfolg des Effingerhorts würde sich Gründerin Julie von Effinger freuen. Obwohl sie alles andere als eine Abstinenzlerin war.