Wenn um Mitternacht die beiden Scheunentore des Bauernhauses von Kurt Ehrler weit offen stehen, dann ist das weder aus Vergesslichkeit geschehen, noch arbeitet der Hausbesitzer bis in alle Nacht im Garten.

Vorder- und Hintertor stehen immer offen, und das seit Generationen. «Ich führe damit eine alte Tradition weiter», sagt Kurt Ehrler, der seit 1979 im sogenannten Friesenhaus in Beinwil am See wohnt.

Die Tradition geht zurück auf eine Sage, wonach ein Friesenweg durch die Tenne des Bauernhauses führt. Von Zeit und Zeit soll sich darauf ein Geisterzug von Friesen nach Norden in die alte Heimat bewegen. Die Friesen waren einst von der Nordsee in den Alpenraum eingewandert.

Glaubt man dem Volksmund, sollen die toten Friesen von Heimweh getrieben aus ihren Gräbern steigen und mit Ross, Wagen und goldener Kutsche zurück zur Nordsee reisen; dies ohne Umwege durch die Tenne von Kurt Ehrler.

«Die Achse zwischen den beiden Toren verläuft genau von Süden nach Norden», sagt Ehrler, der sich vertieft mit der Sage befasst hat. «Die gleiche Geschichte erzählt man sich auch an anderen Orten im Mittelland und Alpenraum, wo es ebenfalls Friesenhäuser gibt.»

Junger Bauer tot aufgefunden

In früheren Zeiten sollen die Friesen auf ihrer Reise in den Norden äusserst beharrlich gewesen sein, wie noch heute in Beinwil am See erzählt wird. Waren die Tore des Friesenhauses irrtümlich geschlossen, meldeten sich die Geister mit hartnäckigem Klopfen, und die Hausbesitzer öffneten eiligst.

Schlimmes Unglück soll über die Familie hereingebrochen sein, wenn die Tore verschlossen blieben. Ein junger Bauer, der sich einst auf die Lauer legte und den Friesenzug beobachten wollte, starb auf schreckliche Weise.

All diese Geschichten um Geisterzüge und Tote, die von Heimweh geplagt aus ihren Gräbern steigen, haben Kurt Ehrler vor 34 Jahren nicht davon abgehalten, ins Friesenhaus einzuziehen – obwohl dieses in Beinwil auch Geisterhaus genannt wird. «Ich bin nicht abergläubisch», sagt Kurt Ehrler.

Die Sage rege jedoch immer wieder seine Fantasie an: «Wenn ich vor dem Haus sitze und sich in der Ferne grollend ein Gewitter ankündigt, stelle ich mir vor, wie die Friesen kommen.»