Dürrenäsch
Das stille Ende einer Aargauer Institution: Die Geschichte der Käsereigenossenschaft ist vorbei

Die Käsereigenossenschaft Dürrenäsch wurde nach 118 Jahren aufgelöst. Ein Blick in das erste – angenagte – Protokollbuch.

Katja Schlegel
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Susanne Fischer im längst verschwundenen Käsi-Lädeli.

Susanne Fischer im längst verschwundenen Käsi-Lädeli.

zvg/Isidor Keller

Weit über 100 Jahre lang hat es sie gegeben, jetzt ist ihre Geschichte zu Ende: Die Käsereigenossenschaft Dürrenäsch wurde Ende Jahr aufgelöst. Eine kleine Notiz im Handelsamtsblatt, ein Vollzug ohne augenfällige Auswirkungen. Und doch ist es ein Ende, ein stilles Ende einer über 118-jährigen Institution, die für das Dorf einst grosse Wichtigkeit hatte.

118 Jahre sind eine lange Zeit, da geht vieles vergessen. Aber das allererste, von einer Maus angenagte Protokollbuch der Genossenschaft gibt es noch, Dorfchronist Isidor Keller hat es aus einer Mulde gerettet. In feinsäuberlicher altdeutscher Handschrift sind darin die Geschehnisse der ersten Jahre dokumentiert.

Die 29 Gründer hatten gemeinsam 79 Kühe

Gegründet wurde die Käsereigenossenschaft Dürrenäsch am 30. März 1902 von 29 Männern. Längst nicht alle waren Bauern, es waren auch Küfer, Wagner und Fuhrmänner. Die meisten hatten nicht mehr als zwei Kühe im Stall. Insgesamt hatten die 29 Genossenschafter 79 Tiere. In den Statuten steht, dass mindestens 2 Kilo Milch abgegeben werden müssen, dass das Kälbermästen nicht erlaubt sei und dass keine Milch von kranken Kühen oder solchen, die eben gekalbert haben, abgegeben werden darf. Für die Sommermilch gab es pro 100 Kilo 13.50 Franken, für Wintermilch 13.

Die wohl älteste Aufnahme der Käserei Dürrenäsch, entstanden Mitte der Fünfzigerjahre.

Die wohl älteste Aufnahme der Käserei Dürrenäsch, entstanden Mitte der Fünfzigerjahre.

zvg/Isidor Keller

Bald nach der Gründung baute die Genossenschaft eine Käserei an der Leutwilerstrasse. Immer mehr Mitglieder zählte sie, weil einst bei fast jeder Dürrenäscher Familie noch eine Kuh im Stall stand, um den Bedarf an Milch zu decken. Rund 50 Genossenschafter sollen es zu Hochzeiten gewesen sein. Eine Zahl, die in den letzten Jahren kontinuierlich abnahm. «Letztes Jahr waren wir noch drei, jetzt sind wir zwei Milchproduzenten im Dorf», sagt der letzte Präsident Kurt Walti. Dafür brauche es keine Genossenschaft mehr. «Das ist ein Relikt, das leider ausgedient hat. Das ist der Lauf der Zeit.»

«Milch hat für mich langfristig keine Zukunft mehr»

Die Käserei, für deren Fondue-Mischung die Kunden in den Sechzigerjahren gar aus Aarau anfuhren, gibt es längst nicht mehr. Zuletzt habe die Milch noch gereicht, um einen oder zwei Emmentaler pro Tag zu machen, so Walti. Das Käserei-Gebäude wurde fortan nur noch als Milchsammelstelle gebraucht, der Oberkulmer Käser verarbeitete sie zu Emmentaler – bis Branchenriese Emmi die Abnahmeverträge von Emmentaler-Herstellern drastisch reduzierte. 2003 kaufte die Gemeinde die Dürrenäscher Käserei und liess sie 2009 abreissen. Heute steht anstelle der Käserei die Überbauung Fuchs-Areal.

Und die Milchproduzenten? Sie sammelten die Milch fortan in einem 6000-Liter-Tank im Dorf, die Milch ging zu Emmi nach Suhr. Zu dritt seien sie auf rund 700'000 Liter pro Jahr gekommen, sagt Walti. Mit dem Ende der Genossenschaft mussten sich die beiden Verbliebenen Tanks für die Hofabfuhr anschaffen. Ein Mehraufwand, der Walti über seine eigene Zukunft als Milchbauer nachdenken lässt. «Milch hat für mich langfristig keine Zukunft mehr», sagt er. Vielleicht steige auch er demnächst um, wer weiss.

Was das Ende überdauern wird

Zwei Dinge aber werden das Ende der Genossenschaft überdauern: Das Protokollbuch, das Isidor Keller nun mitsamt all seinen anderen Sammlerstücken im Beck-Bertschi-Haus hütet. Und die Kindheitserinnerungen vieler Dürrenäscherinnen und Dürrenäscher: An den Besuch in der Käsi mit dem Milchchesseli in der Hand, an den säuerlichen Geruch, an das Ankenfass, in dem die Milch gedreht wurde. Und natürlich die Erinnerung an den dorfeigenen Emmentaler.