Seetal
Das Rüebli kriegt Konkurrenz: Aargau setzt jetzt auf Aprikosen – grösster Folientunnel der Schweiz

Der als "Rüebli"-Kanton bekannte Aargau setzt auf den Anbau von Aprikosen. Im Seetal sollen die Aprikosen auf der schweizweit grössten Anbaufläche unter Folientunnel wachsen.

Janine Gloor
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Im linken Tunnel wird der Seenger Landwirt Röbi Siegrist diesen Herbst 70 Aprikosenbäume pflanzen. Die anderen Tunnel werden nächstes Jahr bepflanzt.
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Aprikosen im Aargau
Der Rüebli-Kanton Aargau setzt auf Aprikosen.
Die grössten Folientunnel der Schweiz. Der Aargauer Regierungsrat Markus Dieth schaut sich das Vorhaben im Seetal an.
In Hallwil soll die schweizweit grösste Anbaufläche von Aprikosen unter Folientunnels entstehen. Die Landwirte Robert "Röbi" Siegrist und Urs Baur haben dazu auf ihrem jeweiligen Land je drei Folientunnels aufgebaut. Pressekonferenz mit Regierungsrat Markus Dieth.
Die grössten Folientunnel der Schweiz.
Der Rüebli-Kanton Aargau setzt auf Aprikosen.
Der Rüebli-Kanton Aargau setzt auf Aprikosen.
Der Rüebli-Kanton Aargau setzt auf Aprikosen.
Der Rüebli-Kanton Aargau setzt auf Aprikosen.
Die grössten Folientunnel der Schweiz.
Der Rüebli-Kanton Aargau setzt auf Aprikosen. Das Wallis erhält Konkurrenz.

Im linken Tunnel wird der Seenger Landwirt Röbi Siegrist diesen Herbst 70 Aprikosenbäume pflanzen. Die anderen Tunnel werden nächstes Jahr bepflanzt.

Sandra Ardizzone

Die Prinzessinnen kommen ins Seetal. Sie haben eine weiche Haut und rote Wangen. Kälte, Regen oder gar Hagel mögen sie nicht, deshalb tragen sie einen weissen Schleier. Im Seetal entsteht die schweizweit grösste Anlage für Aprikosenanbau unter Folientunneln. Dem Aprikosenkanton Wallis wird der Aargau damit keine Konkurrenz machen können, auf der Alpensüdseite werden 700 Hektaren mit Aprikosen bebaut.

Doch schon heute gehört der Rüeblikanton zu den grössten Aprikosenproduzenten der Schweiz. «In den nächsten Jahren ist der Ausbau der Anbaufläche auf zehn Hektaren geplant», sagt Dieth. Und er freut sich über die Innovation: Damit dieser Plan aufgeht, muss der Anbau unter Folientunneln geschehen.

Als «Prinzessin der Früchte» wird die Aprikose an der offiziellen Vorstellung der Anbauanlage bezeichnet. Die Prinzessin stammt aus milderen Gefilden und verträgt die Feuchte nicht. «Wir haben bis zu zwanzig Prozent Baumausfälle», sagt Landwirt Urs Baur aus Egliswil. Warum gerade Aprikosen, wenn diese Früchtchen sich eigentlich nicht mit dem hiesigen Klima vertragen? Weil es der Kunde so will. «Die Aprikose ist eine attraktive und sehr gefragte Sommerfrucht», sagt Baur. Über 600 Bäume sollen hier gepflanzt werden, die in fünf bis sechs Jahren eine Ernte von rund 9000 Kilogramm Aprikosen einbringen sollen. Regierungsrat Markus Dieth spricht von einem grossen Tag für die Landwirtschaft.

Hohe Ansprüche: süss und schön

Wer liebt es nicht, an einem heissen Spätsommertag in eine knackige Aprikose zu beissen?», fragte Landwirtschaftsdirektor Markus Dieth. Wie Umfragen ergeben haben, lieben das nicht alle Kunden. Einige mögen die Aprikosen knackig und säuerlich, andere haben die Früchte lieber, wenn sie weich und saftig sind. Der Seenger Bauer Röbi Siegrist, der dieses Jahr seinen ersten Folientunnel in Betrieb nimmt, mag nur die saftigen. «Wenn ich schon nur an die Haut einer eher sauren Aprikose denke, bekomme ich gleich Gänsehaut», sagt er. Wie die Aprikose schmeckt, bestimmen neben Wetter und Anbau ihre Sorte. Aprikosensorten sind das Spezialgebiet von Danilo Christen. Am Forschungszentrum Agroscope in Conthey – im Kanton Wallis – tüftelt er an der Aprikose und kennt 160 verschiedene Sorten. Bei öffentlichen Degustationen mussten Konsumenten das Aussehen und den Geschmack von Aprikosen bewerten. «Dabei hat sich gezeigt, dass die verkosteten Personen insgesamt sehr zufrieden sind mit den getesteten Aprikosen und diese auch regelmässig konsumieren», sagt Christen. Gerade weil die Früchte so gut nachgefragt seien, seien der Schutz und die Züchtung dieser Kultur wichtig. Ziel ist es, robuste Aprikosenbäume zu züchten, die Schädlingen wie der Kirschessigfliege oder Krankheiten wie der Blütenmonilia widerstehen können. Und gleichzeitig gut aussehen und gut schmecken. Bei der Degustation am gestrigen Anlass hat sich herausgestellt, dass die schönsten Früchte nicht unbedingt am besten schmecken. Die geschmackliche Siegerin, eine plumpe gelbe Frucht, die ohne orange Wangen, dafür mit einem herrlich süssen Fruchtfleisch überzeugte, bezeichnete Christen als «wüst». (JGL)

Erste Bäume im Herbst

Zusammen mit seiner Frau Fränzi bewirtschaftet Urs Baur 40 Hektaren Land, davon sind 1,6 Hektaren Obstbaufläche. Neben den Kirschen und Zwetschgen, die einen Hektar ausmachen, setzt Bauer mit 0,6 Hektaren auf die Aprikose. Die schlechten Erfahrungen mit Freilandbäumen haben die Baurs auf die Suche nach einer Lösung geschickt. Sie waren dabei nicht allein. Das Landwirtschaftliche Zentrum Liebegg hat den Arbeitskreis «moderner Aprikosenanbau Aargau» gegründet, über welchen sich die Aprikosenbauern austauschen können.

Die Antwort auf die Klimaprobleme ist ein Folientunnel aus Deutschland. In Seengen, auf dem Land des Bauernpaars Röbi und Ursula Siegrist steht ein Tunnel bereit, der diesen Herbst mit Aprikosenbäumen bepflanzt werden wird. Der Tunnel ist knapp neun Meter breit und 4,5 Meter hoch und 120 Meter lang. Alle zwei Meter folgt ein Bogen aus Metall mit einer Querstrebe, die für extra Stabilität sorgt. Etwa 70 Bäume wird Siegrist in diesem Tunnel pflanzen. Sie werden schräg eingepflanzt, damit der Platz im Drapeau-System optimal ausgenützt wird. Der Baum, den Regierungsrat Markus Dieth als Abschluss der Veranstaltung gepflanzt hat, steht gerade in der Erde. Er wird später wieder ausgegraben.

Aprikosen für den Aargau

Vom Landwirtschaftsdirektor bis zum Landwirt sind sich alle einig über die Vorteile des Folientunnels: Er schützt die empfindlichen Aprikosen vor dem grössten Feind, der Feuchte. Egal, ob diese in der Form von Frost, Regen oder Hagel daherkommt. Im Folientunnel kann die Prinzessin gedeihen. Je nach Jahreszeit und Witterung können die Eingänge geöffnet oder die Wände – nach dem Einsetzen eines Insektennetzes – hochgezogen werden für Frischluftzufuhr, damit das Kondenswasser trocknen kann.

Ein weiterer Vorteil des Tunnels, der auch den Anbau von Bioprodukten begünstigen soll, ist die Produktion mit weniger Pflanzenschutzmitteln. Dank des geschlossenen Systems können Schädlinge und Krankheiten minimiert oder intern mit Nützlingen wie zum Beispiel Marienkäfern bekämpft werden. Dieth betonte die Nachhaltigkeit des Anbaus. «Ein grosser Teil der Wertschöpfung durch die angestrebte Direktvermarktung bleibt im Kanton Aargau», sagt der Regierungsrat.

Weisse Tunnel statt Blüten

Während der Präsentation wird ein Bild von blühenden Aprikosenbäumen im Wallis gezeigt. Dieser Anblick wird den Aargauern verwehrt bleiben, die Bäume bleiben ganzjährig in den Tunneln. Die Bauern Siegrist und Baur betonen, wie schnell sie zu den Baubewilligungen für die Tunnel kamen. Es entsteht eine kurze Diskussion über Raumplanung und die Optik der Tunnel. «Es gilt abzuwägen», sagt Dieth. «Die Landschaft gegen eine Produktion ohne Pestizide.»

Ein anwesender Landwirt sagt: «Die gleichen Leute, die kaputte Früchte nicht kaufen würden, wehren sich gegen Folientunnel.» Wer die Prinzessin in ihrer ganzen Schönheit geniessen will, muss sich mit dem Anblick ihres Schlosses abfinden können.