Lenzburg

Das «Purzeli» feiert Geburtstag: Vor 75 Jahren wurde die erste Kita gegründet

Im «Purzeli» legt Krippenleiterin Barbara Bürgin grossen Wert auf viel Zeit für das freie Spielen.

Im «Purzeli» legt Krippenleiterin Barbara Bürgin grossen Wert auf viel Zeit für das freie Spielen.

In Lenzburg feiert das «Purzeli» einen runden Geburtstag. Heute werden pro Woche rund 100 Kinder betreut.

«Du, en Schirm brucht me doch dusse, wenn’s rägnet.» Der kleine Naseweis zupft den Fotografen am Hosenbein und blickt auf den grossen Blitzschirm, der im Spielzimmer aufgestellt wird. Die Kinder in der Kinderkrippe Purzelhuus in Lenzburg zeigen kaum Berührungsängste; ebenso die Erwachsenen gegenüber den Kindern nicht. Weint ein Schützling, wird nicht nur mit Worten getröstet. Wer Nähe sucht, darf einen Moment bei der Betreuerin kuscheln.

Dem Aussenstehenden stellt sich die Frage: Macht Corona an der Eingangstür zum «Purzeli», wie die Kita im Lenzburger Volksmund genannt wird, Halt? Krippenleiterin Barbara Bürgin widerspricht. «Nein, gar nicht. Für die Eltern gibt es klare Kontakt- und Hygieneregeln.» Eine klare Haltung hat Bürgin jedoch auch, wenn es um den Umgang mit den betreuten Kindern geht. Dieser sei ohne körperlichen Kontakt undenkbar, betont sie.

Barbara Bürgin ist eine «Herzblutmami» und weiss, was Kinderseelen brauchen. Sie kennt das «Purzeli» in- und auswendig. 1999 hat sie die Ausbildung zur Kleinkindererzieherin in der Lenzburger Kinderkrippe gestartet, heute ist sie deren Leiterin. Ihre zwei eigenen Kinder werden ebenfalls in der Organisation betreut.

Krippe ist eine Initiative der Gemeinnützigen Frauen

Die Geburtsstunde der Kinderkrippe Purzelhuus Anfang 1945 war eine Pioniertat der Sektion Lenzburg der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen. Ihnen verdankt die Stadt Lenzburg die erste Kita. «Wir ziehen den Hut vor diesen couragierten Frauen», zeigt sich Barbara Bürgin beeindruckt vom Vorstoss in einer extrem schwierigen Zeit kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges.

Wie ernst es den Frauen mit ihrem Vorhaben tatsächlich war, zeigt sich aus den Dokumenten, die in den Archiven der Stadt Lenzburg zu finden sind. Für das Krippenprojekt haben die «Gemeinnützigen» sogar eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen. In dieser beschlossen die Frauen am 15. Januar 1945 die Gründung des «Purzelhuus», wie sie die Kita nannten. Für die Krippe wurde im Hämmerlihaus eine Wohnung gemietet.

Schon wenige Wochen später wurde die Stadt Lenzburg in Pflicht genommen. In einem Brief wandten sich die umtriebigen Frauen an den Gemeinderat Lenzburg «mit der höflichen Bitte, uns Ihr Interesse und Wohlwollen zu beweisen und uns eine jährliche finanzielle Unterstützung von 2000 bis 3000 Franken zu bewilligen».

Die Frauen argumentierten, man habe versucht, «das Budget zu balancieren, was mit den budgetierten Ausgaben von 9000 Franken unmöglich ist». Die «Gemeinnützigen» taten alles Menschenmögliche, um selber zu Geld zu kommen. Blumen und Selbstgebasteltes wurden in der Rathausgasse feilgehalten.

Überliefert ist, dass bald sogar die Erhöhung der «Taggelder für Pfleglinge» ein Thema war. Das Ansinnen wurde jedoch verworfen mit der Begründung, «dass den meist ärmeren Familien eine Taggelderhöhung nicht zugemutet werden kann».

Aus den Archivunterlagen geht deutlich hervor, dass das offizielle Lenzburg den Krippenfrauen wohlgesinnt war. Es findet sich diverse Korrespondenz, in welcher sich der Krippenvorstand für die Unterstützung der Stadt überschwänglich bedankt. Lenzburg griff der Kinderkrippe nicht nur in Form von Geld unter die Arme, sondern erbrachte grosszügig Dienstleistungen.

Mit der Zeit wurde es in den Räumen des «Purzeli» eng. Aus Kreisen der italienischen Zuwanderer entstand im Frühling 1962 mit dem Asilo italiano die zweite Kita in Lenzburg.

Krippe arbeitet nicht gewinnorientiert

Von 1947 bis 2005 war das «Purzelhuus» in einer Altliegenschaft an der Schlossgasse untergebracht. Dann siedelte die Krippe an den heutigen Standort in einen Neubau am Turnerweg um. Hier ist Platz für 48 Kinder vorhanden.

Pro Woche werden rund 100 Kinder im Alter von 3 Monaten bis zum Schuleintritt von 23 Betreuerinnen umsorgt. «Über die Hälfte davon sind ausgelernte Fachkräfte», betont Barbara Bürgin.

Die Krippe wird vom Krippenverein Lenzburg getragen. Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich. Der Zweck der Institution ist nach wie vor gemeinnützig und nicht gewinnorientiert. Der Betrieb finanziert sich zum grossen Teil aus den Betreuungskosten von 105 Franken pro Tag und Kind.

Hinzu kommen Erträge aus der Velobörse zugunsten des «Purzeli» und zahlreiche Gönnerbeiträge. Die zahlreichen Gönner hätten Teil werden sollen des geplanten grossen Jubiläumsfestes, zu dem man die gesamte Öffentlichkeit hatte einladen wollen. Corona wegen müssen die Feierlichkeiten auf ein internes Fest reduziert werden.

Ein Waldwagen zum Geburtstag

Das Geburtstagsgeschenk steht bereits da auf vier Rädern: Dank grosszügiger Unterstützung von verschiedenen Gönnern konnte ein alter Bauwagen gekauft werden. Auf die Bedürfnisse der Krippe ausgebaut, bietet er nun als Waldwagen den Kindern Unterschlupf bei ihren Ausflügen in den nahen Wald.

Die Purzelikinder sollen noch mehr als bisher Natur und Wald kennen lernen und dort herumtollen dürfen. Das ist Barbara Bürgin wichtig. «Wir wollen den Kindern viel Zeit geben für das freie Spielen, wollen sie selber entscheiden lassen, mit wem und womit sie spielen möchten», erklärt sie und betont, in späteren Jahren seien sie noch lange genug eingespannt.

Weckt das Jubiläum bei der Krippe Wachstumspläne? Barbara Bürgin schüttelt den Kopf und lacht. «50 Kinder sind eine rechte ‹Schwetti›. Das gibt viel zu tun.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1