Philosophie? Etwas von und für alte Männer, das niemand versteht? Mitnichten. Jeder kann das Philosophieren lernen. Nach Eva Zoller Morf, Philosophiepädagogin, heisst Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen in erster Linie selbstständig denken. «Selber denken macht schlau» ist eines ihrer Bücher betitelt. Die Werkzeuge dazu vermittelt sie in Kursen. Einer für 13- bis 16-Jährige findet am nächsten Sonntag im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg statt. «Philoteen» heisst die Veranstaltungsreihe. Dieses Jahr wird sich alles um Ethik drehen. Dabei geht es nicht darum, den Jugendlichen Philosophiegeschichte zu lehren. Sie sollen selber philosophieren.

Auch Bilderbücher im Regal

Wir besuchten Eva Zoller Morf in Altikon im Zürcher Weinland, wo sie mit ihrem Mann und zwei Katzen wohnt. Im Wohnzimmer merkt man noch nicht, dass hier eine Philosophin zu Hause ist. Wohl aber im Dachstock. «Das ist mein Reich», sagt sie und lacht. Der hohe Raum ist gemütlich eingerichtet, Sessel, Tisch und Stühle. An den Wänden: Bücher. Es ist die «Schweizerische Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie», deren Grundstock die Fachliteratur ihrer Lizenziatsarbeit bildet. Über die Jahre sind viele Bücher hinzugekommen. Nicht nur Fachliteratur, auch Bilderbücher. Das könne den Zugang zu schwierigen Themen, wie etwa dem Tod, erleichtern, sagt Eva Zoller Morf. Zu Studienzwecken kann die Dokumentationsstelle besucht werden.

Nach ihrer Ausbildung zur Primarlehrerin studierte Eva Zoller Morf in Basel Philosophie, Religionswissenschaft, Pädagogik und Psychologie. Sie hat sich an der Universität nach Lust und Laune ausgetobt. «Ich bin froh, dass ich dieses Privileg hatte, nicht zielgerichtet studieren zu müssen», sagt sie heute im Rückblick. Kurz vor Beginn ihrer Lizenziatsarbeit ist sie in Kontakt gekommen mit einem damals jungen Bereich der Philosophie: Kinderphilosophie. «Das war, was genau zu meinem Werdegang passte», dachte sie und schrieb ihre Lizenziatsarbeit über «Philosophieren lernen und lehren an der Volksschule».

Damit war der Startschuss für einen neuen Lebensabschnitt gegeben. Eva Zoller Morf, die nicht in akademischen Höhen wirken wollte, sondern in der Praxis, begann, Lehrerfortbildungskurse zu geben und arbeitete im Kindergärtnerinnen-Seminar. Später half sie beim Aufbau der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen mit und unterrichtet dort seit deren Bestehen Kinderphilosophie. Die Pionierin der Kinderphilosophie, die deren Entwicklung wesentlich mitgeprägt hat, geht bald in Pension. Kurse wird die erfahrene Philosophiepädagogin aber weiterhin anbieten.

Selbstständiges Denken fördern

«Philoteen» leitet sie zum zweiten Mal. Wie muss man sich diese «Denkwerkstatt» vorstellen? «Zuerst einmal gilt es herauszufinden, welches die Themen sind, die die jugendlichen Teilnehmer beschäftigt», sagt Eva Zoller Morf. Dann wird diskutiert, um den Gegenstand klarer herauszuarbeiten und ihn so besser zu verstehen. Mittels gezielter Fragen hilft sie den Teilnehmenden, ihre Ansichten genauer zu formulieren.

In Anlehnung an den antiken Philosophen Sokrates nennt sie diese Methode «Hebammenkunst». Sokrates hatte die Athener Stadtbevölkerung mit Fragen gelöchert, um sie zum Selberdenken anzuregen. Eva Zoller Morf geht es nicht darum, das Gegenüber von dem zu überzeugen, was sie selber glaubt. Wichtiger als irgendwelche Weisheiten zu vermitteln, ist es für sie, die Fähigkeit, sorgfältig zu argumentieren, klar zu denken und vor allem: selber zu denken schon bei Kindern zu fördern.

Von ihren Studierenden hört sie oft, Philosophieren sei, wenn es kein Richtig und Falsch gebe. «Falsch», sagt Eva Zoller Morf. Im Philosophieren – sie zieht das Verb dem Substantiv vor – gehe es darum, nachvollziehbar zu denken und zu verstehen. Manche Aussagen können sich durchaus als falsch erweisen, wenn man sie durchdenkt.

Die Angst, dass Philosophie für «Normalbürger» viel zu kompliziert sei, schreckt manche ab. Eva Zoller Morf wird in ihrer Arbeit als Philosophiepädagogin oft mit dieser Angst konfrontiert. Darauf antwortet sie jeweils: «Es gibt Bücher von Philosophen, die überhaupt erst verständlich werden durch intensives Studium. Aber über philosophische Fragen, die sich im Alltag stellen, kann – mit etwas Rüstzeug – jeder philosophieren.»

Das zeigt auch die grosse Beliebtheit der «Café Philo»-Veranstaltungen, in denen die Besucher die Themen selber wählen. Auch «Philoteen» wird im Anschluss an die Werkstatt ein solches «Café Philo» nur für Jugendliche anbieten. «Daran sieht man, dass das Philosophieren einem grossen Bedürfnis entspricht», sagt Eva Zoller Morf und ist froh, dass sie diese Entwicklung zu einer wirklich praktischen Philosophie mitprägen konnte.

Der Aufwand macht für sie Sinn

Eine öffentliche Dokumentationsstelle im eigenen Haus, eine reichhaltige Website, mehrere Bücher zum Thema «Kinderphilosophie»: Warum sie diesen Aufwand betreibt? Zoller Morf erzählt, was ihr Vater einmal zu ihr sagte: «Sinn findet man nicht. Man muss ihn selber erschaffen.» Dies ist ein Grund für all ihre Bemühungen um die Verbreitung des Philosophierens. «Für mich macht es Sinn, was ich hier tue.»

Die Philosophie oder besser: Das Philosophieren gehöre von Kindesbeinen an zu ihr. Und auch jetzt sei es ein nicht wegzudenkender Bestandteil ihres Lebens. Ob die Philosophie uns zu glücklicheren Menschen mache? Das glaube sie nicht unbedingt, sagt Eva Zoller Morf. «Aber das Philosophieren macht uns bewusster unseren Gefühlen, Ängsten, Hoffnungen und unserem Wollen gegenüber. Dadurch werden wir freier.»

Philoteen Aargauer Literaturhaus, Lenzburg, Sonntag, 19. Februar. Tickets unter: Tel. 062 888 01 43 oder philoteen@aargauer-literaturhaus. Weitere Informationen unter www.kinderphilosophie.ch