Das Pfahlbauerhaus am Hallwilersee

Das 220000 Franken teure Gebäude am Spazierweg in Seengen ist aufgerichtet. Es verweist auf Funde, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

Cynthia Mira
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Mit Lehm verstrichene Flechtwände werden dem originalgetreuen Pfahlhausbau im Frühling noch den letzten Schliff verpassen.

Mit Lehm verstrichene Flechtwände werden dem originalgetreuen Pfahlhausbau im Frühling noch den letzten Schliff verpassen.

Bild: zvg

Das neue Pfahlbauhaus am Hallwilersee ist just zum 10-Jahres-Jubiläum des Unesco-Weltkulturerbes Pfahlbauten fertiggestellt worden. Seengen ist damit um ein bedeutendes Bijou reicher. Spaziergänger stossen beim Männerbad am Seeweg auf die holzige Hütte. Sie unterscheidet sich in mancher Hinsicht von ihrem Vorgänger. Letztere versank rund einen Meter schräg in den Boden und musste nach dreissig Jahren abgerissen werden. Die Feuchtigkeit im Boden hatte das Holz angegriffen.

In Handarbeit wurde an derselben Stelle ein neues Pfahlbauhaus errichtet. Das Dach ist neu mit Holzschindeln gedeckt. Diese Bauweise kannten Menschen, die vor rund 3000 Jahren lebten. Das neue Haus besticht durch seine Authentizität, wie Kantonsarchäologe Thomas Doppler sagt. «Es handelt sich um eine originalgetreue Nachbildung von Hausfunden auf der Halbinsel Riesi.» Diese liegt in Sichtweite und ragt in den Hallwilersee hinein.

Im Aargau gibt es zwei Pfahlbau-Fundstellen, die als Weltkulturerbe der Unesco gelten. Das Spezielle daran: Die eine Stelle liegt im Wasser in Beinwil-Aegelmoos und die andere liegt im Naturschutzgebiet auf der Halbinsel Riesi unter dem Boden begraben. Die Überreste sind somit überwachsen respektive liegen in der Versenkung. Zugänglich sind diese Fundplätze nicht. Das neue Pfahlbauhaus steht somit für etwas, das vor Ort nicht sichtbar, aber dennoch von grosser Bedeutung ist.

Fehlender Sauerstoff ist für die Forschung ein Vorteil

Während das alte Modell auf Vorbildern aus der Jungsteinzeit zwischen 4000 bis 2200 vor Christus beruhte, ist das neue Haus aus der späten Bronzezeit und bildet die Bauweise um 1050 bis 850 vor Christus ab. «Die Pfahlbauhäuser im Aargau sind ein kulturelles Erbe, das uns allen gehört», sagt Doppler. Mit dem Bau werde dieses Erbe erlebbar gemacht. «Ein richtiges Haus im Original wirkt stärker als ein Bild auf einer Informationstafel», sagt er.

Doppler hat den Prozess von Anfang an begleitet. Entsprechend ist das Haus für ihn eine Herzensangelegenheit. «Ich beschäftige mich beruflich seit vielen Jahren mit Pfahlbauhäusern.» Das Wissen darüber, wie das Pfahlbauhaus einst aussah, geht auf Forschungen aus dem Jahre 1923 zurück. Damals wurde ein Teil der Fundstelle von der Historischen Vereinigung Seengen unter Reinhold Bosch untersucht. Neuere Forschungen liegen keine vor.

Die Lage in und am See bringt einen grossen Vorteil mit sich: «Wegen des Fehlens von Sauerstoff unter Wasser bleibt organisches Material wie Holz hervorragend erhalten», sagt Doppler. Für die Forschung sei das fantastisch. Die Funde deuten auf eine kleine Gemeinschaft mit einigen Pfahlbauhäusern hin, die über die Jahrhunderte auch immer wieder renoviert wurden.

Die Kosten für das fertiggestellte Gebäude belaufen sich auf rund 220 000 Franken. Beteiligt haben sich Bund, Kanton und die Gemeinde. Zudem beteiligten sich das Museum Burghalde Lenzburg und die Rota­ry-Clubs Lenzburg und Lenzburg Seetal an den Kosten. Das Projekt wird unterstützt von Swisslos Kanton Aargau.

Die Umgebung von damals wird digital zu sehen sein

Für Doppler steht fest: «Es ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass dieses Pfahlhaus gebaut werden konnte.» Es sei auch nicht einfach gewesen, Leute zu finden, die in alter Handwerksmanier ein solches Pfahlhaus bauen können und eine Affinität für jene Zeit haben, sagt er. Teilweise musste auch ein Kompromiss zum Original gefunden werden, um die Statik des Hauses längerfristig zu gewährleisten. Schrauben und Drähte werden keine zu sehen sein. Der stärkere Unterbau sollte auch ein rasches Absinken, wie dies beim Vorgänger der Fall war, verhindern. Was allerdings noch fehlt, sind die Flechtwände, die mit Lehm verstrichen werden. Voraussichtlich im Frühling sollen auch diese fertiggestellt sein. Im Moment lassen Temperatur und Witterung eine Fertigstellung nicht zu. Um Missbrauch vorzubeugen, wird der Innenraum künftig nur während Führungen zugänglich sein. Wer Führungen anbieten wird, ist noch in Erarbeitung, sagt Doppler. Über digitale Methoden wird das Hausinnere auch ausserhalb von Führungen zu betrachten sein, ebenso wie die umgebende Landschaft von damals.

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