«MS 2018»
Das neue Hallwilerseeschiff wurde in Basel zerlegt – wer lachte, wer bibberte und wo es jetzt durchfährt

Ausgewassert und aufgeladen: Die «MS 2018» ist in Muttenz in Einzelteile zerlegt und auf Schwertransporter verladen worden. Wir waren dabei.

Mario Fuchs
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Über Stunden waren emsige Mitarbeiter der deutschen Lux-Werft und der Hallwilersee-Schifffahrtsgesellschaft (SGH) im Einsatz, um das Schiff in Einzelteile zu zerlegen.
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Das Oberdeck der «MS 2018» (der definitive Name ist noch geheim) war für die Fahrt von Mondorf (D‹) in den Muttenzer Auhafen grösstenteils nur zusammengenutet worden, die Hefte konnten mit ein paar Schlägen gelöst werden.
Hier wird das Schiff aus dem Wasser gehoben.
Bis zum Pfingstmontagabend war noch nicht einmal klar, ob es die «MS 2018» überhaupt rechtzeitig bis nach Muttenz schaffen würde.
Das neue Hallwilerseeschiff MS 2018 wird in Muttenz BL verladen
Das neue Hallwilerseeschiff «MS 2018» wird in Muttenz BL verladen.
Ueli Haller, Gemeindeammann von Meisterschwanden, in diesen Tagen aber rund um die Uhr als Geschäftsführer der Hallwilersee-Schifffahrtsgesellschaft im Einsatz.
Das neue Hallwilerseeschiff MS 2018 wird in Muttenz BL verladen
Die Demontage ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit: vor der Abfahrt des Schwertransports um 22 Uhr müssen die Chauffeure noch genug Schlafenszeit erhalten.

Über Stunden waren emsige Mitarbeiter der deutschen Lux-Werft und der Hallwilersee-Schifffahrtsgesellschaft (SGH) im Einsatz, um das Schiff in Einzelteile zu zerlegen.

Mario Fuchs

Dieser Dienstag war im doppelten Sinn ein Hammertag: Über Stunden klopften emsige Mitarbeiter der deutschen Lux-Werft und der Hallwilersee-Schifffahrtsgesellschaft (SGH) mit Hammer und Meissel das Schiff in Einzelteile – unter strahlender Frühsommersonne und blauem Himmel. Das Oberdeck der «MS 2018» (der definitive Name ist noch geheim) war für die Fahrt von Mondorf (D‹) in den Muttenzer Auhafen grösstenteils nur zusammengenutet worden, die Hefte konnten mit ein paar Schlägen gelöst werden. Die wenigen notwendigen Schweissnähte wurden mit einer Flex wieder aufgetrennt.

Vom Vater zum Sohn

Ueli Haller, Gemeindeammann von Meisterschwanden, in diesen Tagen aber rund um die Uhr als Geschäftsführer der Hallwilersee-Schifffahrtsgesellschaft im Einsatz, steht neben dem Hafenkran, wirkt freudig und nervös gleichzeitig und sagt: «Wir haben etwas Verspätung, aber eigentlich ist bis jetzt alles gut gegangen.» Bis zum Pfingstmontagabend war noch nicht einmal klar, ob es die «MS 2018» überhaupt rechtzeitig bis nach Muttenz schaffen würde.

Grund: Der Rhein war Ende letzter Woche nach einer kleinen Havarie eines Frachtschiffes vorübergehend gesperrt worden. So kam es nach Aufhebung der Sperrung zu Staus vor den Schleusen. Am Schluss hatte man einen halben Tag Verspätung, die aber bis gestern Nachmittag wieder aufgeholt werden konnte.

Schifffahrt auf der Strasse: Dorfbrunnen und viele Signale werden demontiert

In der Nacht auf Donnerstag ist das Schiff von Winznau SO (Start 21.30 Uhr) nach Meisterschwanden unterwegs. Ein besonderer Knackpunkt ist die Abzweigung in Niedergösgen Richtung Erlinsbach (dort muss der Dorfbrunnen demontiert werden).

Dann gehts Richtung Aarau über Rombach und die Aarebrücke des Staffelegg-Zubringers. Anschliessend durch Rohr und Rupperswil bis zum Kreisel in Wildegg. Von da über den Feiämterplatz (Lenzburg) Richtung Villmergen, Sarmenstorf, Fahrwangen. Durchfahrtszeiten sind schwierig zu prognostizieren. (UHG)

Auf dem unteren Deck packt Burkhard van der Lücht seine Sachen zusammen. Der erfahrene Rheinkapitän fährt sonst eigene Passagierschiffe durch das Rheingau – «Geburtstage, Hochzeiten, Betriebsfeiern». Den Auftrag, die «MS 2018» in die Schweiz zu überführen, erhielt er von Ueli Haller nicht zufällig. «Ich durfte 2010 schon die ‹Seetal› hierher fahren und mein Vater brachte 1990 die ‹Brestenberg›», erzählt van der Lücht. «Es freut mich riesig, dass der Ueli sofort wieder an mich gedacht hat!»

Beim letzten Mal sei es stressiger gewesen, die Pausen diesmal hätten gutgetan. «Wir waren für die Überführung als Motorjacht, nicht als Passagierschiff qualifiziert. Deshalb mussten wir Frachtern in den Schleusen die Vorfahrt lassen.» Abgesehen von einem Partikelfilter, der ersetzt werden musste, habe alles funktioniert. «Es lööft, wie wir sagen!»

Babylonische Verständigung

Teil für Teil verschwindet zuerst die Reling des Oberdecks in einem Lastwagen. Viele Schaulustige verfolgen das Prozedere von der Hafenmauer aus: Hund an der Leine, Kamera um den Hals, Wasserfläschchen in der Hand. Warnweste und Helm sind Pflicht.

Der Chef legt selber Hand an: SGH-Geschäftsführer Ueli Haller hilft beim Auseinanderbauen der zwei Schiffsteile.
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Die «MS 2018» (definitiver Name noch geheim) kam am Dienstagmorgen um 8.30 Uhr mit einem halben Tag Verspätung im Auhafen Muttenz an.
Weil der hier installierte Hafenkran die Schiffsteile zwar von der Auslastung, nicht aber von der Auslegung her heben kann, wird ein zusätzlicher Pneukran vorbereitet.
Das Schiff wird in den nächsten Stunden in Unter- und Oberteil zerlegt und dann ausgewassert.
Warum weht am Heck des Aargauer Schiffs die Deutsche Flagge? Weil die «MS 2018» immer noch als Werksschiff (Deutsche Werft) unterwegs ist.
So sieht die «MS 2018» aus.
Blick auf die «MS 2018», die am Dienstagmorgen in Muttenz ankam.
Im erweiterten Motorenraum.
Im erweiterten Motorenraum.
Im erweiterten Motorenraum.
Im erweiterten Motorenraum.
Am Montag erreichte das Schiff Strassburg.
Hier fährt das Schiff...
... durch eine Schleuse.
Das neue Hallwilerschiff musste am Pfingstwochenende wegen eines Unfalls auf dem Rhein mit der Weiterfahrt warten.
Der Schiffstransport stand still.
Im Bild vorne ein Polizeischiff. Bei einem Unfall waren offenbar Container in den Rhein gefallen.
In der Nacht auf Montag wurde dann klar: Es kann weitergehen.
Impression von Tag 2 auf der Fahrt von Mondorf nach Basel - vor dem Stillstand. Manfred Siegrist (links), Burkhard van der Lück (Kapitän mit Rheinpatent) und Bruno Fischer. Am Steuer sitzt ein Mitarbeiter der Werft.
Die «MS2018» wurde am Dienstag, 15. Mai, auf den «Helling»-Wagen in den Rhein gelassen. Es war das vorerst letzte Mal, das man das Schiff ganz sieht.
Noch in der Werft: Die «MS 2018» wird auf den «Helling»-Wagen in den Rhein gelassen.
Das Hallwilerseeschiff vor der Fahrt von der Werft nach Basel: Impression vom Oberdeck.
Für die Tests braucht es Gewicht (Fässer – statt Menschen).
Bilder der Fahrt.
Bilder der Fahrt.
Bilder der Fahrt.

Der Chef legt selber Hand an: SGH-Geschäftsführer Ueli Haller hilft beim Auseinanderbauen der zwei Schiffsteile.

Mario Fuchs

«Perfetto, dieci!», ruft der Mann, der gerade das Oberdeck an einer Seite auf den Tieflieger dirigiert und mit dem Meter von Hand abmisst, wie viel Platz noch bleibt. Die Arbeiter des Tessiner Spezialtransportunternehmens Sabesa (mit einer Filiale in Lenzburg) sprechen Italienisch, jene der Hafenbetreiberin Ultra-Brag Französisch, jene der SGH Schweizerdeutsch. Und doch versteht man sich innert Sekunden, wenn etwas fehlt oder angepasst werden muss.

Das ist wichtig, denn die Demontage ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit: Vor der Abfahrt des Schwertransports um 22 Uhr müssen die Chauffeure noch genug Schlafenszeit erhalten. Das erste Ziel ist Winznau bei Olten, von dort geht es in der Nacht auf Donnerstag an den Hallwilersee (siehe Karte unten).

AZ

Drei Jahre gearbeitet

Eine halbe Stunde später wird dann das Hauptschiff behutsam aus dem Wasser gehoben. Die Auswasserung des 34 Meter langen und 6,5 Meter breiten Schiffs ist ein Akt der höchsten Konzentration. Zwei Kranführer – einer im Hafenkran, einer in einem eigens einbestellten Pneukran, hieven die «MS 2018» tropfend über die Container hinweg auf den Auflieger. Der Hafenkran hätte von seiner Auslastung her das Schiff zwar alleine tragen können, nicht aber von seiner Auslegung her. Majestätisch schwebt der Rumpf über der Hafenanlage, Zentimeter für Zentimeter wird er abgedreht, um in die vorgesehene Position zu kommen.

Eine Viertelstunde später als geplant ist es kurz nach 14 Uhr vollbracht: Das komplette Schiff ist verladen. Ueli Haller setzt seine Unterschriften auf die Lieferscheine. Drei Jahre haben er, 60 Mitarbeitende der Lux-Werft, zahlreiche Zulieferer wie Küchenbauer, Kühltechniker oder Fensterbauer sowie Angestellte der SGH auf diesen Moment hingearbeitet. «Das ist eine Unterschrift, die ich sehr gerne gebe», sagt Haller und lächelt stolz. Nervös wirkt er allerdings auch jetzt noch. Und er gibt zu: «Die Spannung bleibt. Ein bisschen schlafen muss ich heute Nacht, aber viel dürfte es nicht sein.»f

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