Es gehört zu den grössten seiner Art in der Deutschschweiz: das Lenzburger Gaukler- und Kleinkunstfestival. Wenn die sechs Bühnen aufgestellt sind, verwandelt sich die Altstadt in ein Potpourri aus Zauberern, Akrobaten, Musikern und Clowns. Zur Jubiläumsausgabe vom 16. bis 19. August sind 25 Künstlergruppen mit dabei – von Mexiko über Japan bis Ungarn sind die verschiedensten Nationalitäten vertreten. «Wir konnten aus über 300 Bewerbungen die Rosinen herauspicken», sagt Marcel Lüscher (54), der seit drei Jahren OK-Präsident ist.

Seiltanz über Freischarenplatz

Um die besten Acts zu finden, lassen sich Lüscher und sein Team an der Kulturbörse in Freiburg im Breisgau und an der Künstlerbörse in Thun inspirieren – der Bühnenauftritt ist entscheidend für die Auswahl. «Manche Künstler haben im Internet super Bilder und Videos, doch live können sie gar nicht überzeugen», sagt Lüscher. Deshalb sind die Teilnahmen an den Börsen so wichtig, auch wenn man dort niemandem mehr erklären muss, was das Lenzburger Gauklerfestival ist. Immer wieder treten hier internationale Künstler auf, die vorher noch nie auf Schweizer Bühnen zu sehen waren.

Zu den diesjährigen Highlights gehört Maor Fine aus Israel. Der Akrobat wird auf einem Seil über den Freischarenplatz balancieren. «Auf ihn bin ich extrem gespannt», verrät Lüscher. «Der Aufwand ist gigantisch: Weil er abends auftritt, müssen wir das Seil von oben beleuchten – aber so, dass es ihn nicht blendet.» Weniger Spektakel gibt es bei Bastian Pantomime aus Deutschland: Seine Show funktioniert ganz ohne Worte, er lässt alleine seine Mimik sprechen. Und verteilt Süssigkeiten aus der Candy-Bar.

Kleinkünstler mit Starallüren

19 von 25 Künstlergruppen kommen aus dem Ausland. Woran liegt das? «Einerseits wollen wir immer etwas Neues, noch Unbekanntes zeigen», sagt Marcel Lüscher. «Und anderseits haben Schweizer Künstler oft überhöhte Ansprüche: Sie wollen mehr als nur das Hutgeld, auch wenn dieses in Lenzburg immer sehr grosszügig ausfällt.»

Vor Starallüren sind also auch Kleinkünstler nicht gefeit, einige mäkelten auch schon an der Unterkunft in einem der ersten Häuser am Platz herum. Doch die Gaukler üben eine Faszination aus, der sich auch Lüscher nicht entziehen kann: «Es beeindruckt mich immer wieder, wie mit ganz wenig Mitteln emotionale Shows zustandekommen – leise, poetisch oder farblich wunderschön.» Er spricht für das ganze OK, wenn er sagt: «Dafür leben wir.»

Ursprünglichkeit bewahren

Und das Gauklerfestival lebt von der ehrenamtlichen Arbeit des 14-köpfigen OKs – nach dem Jugendfest ist es immerhin der zweitgrösste Kulturanlass in Lenzburg. Die Zuschauerzahlen bewegen sich stabil zwischen 10 000 und 15 000. Damit ist die Kapazitätsgrenze in der Altstadt erreicht. «Wir könnten beliebig wachsen, wenn wir auch ausserhalb der Altstadt Bühnen aufstellen würden», sagt Marcel Lüscher. «Aber das wollen wir nicht.» Warum nicht? «Weil wir die Ursprünglichkeit bewahren wollen: Das besondere Ambiente in der Altstadt, die Shows ohne gigantische Licht- und Soundanlagen, das macht das Gauklerfestival aus.» Und noch immer sind die Shows gratis (ausser Comedy-Abend und Tavolata). Das Budget beträgt rund 100 000 Franken – nicht viel für einen Anlass dieser Dimension. Doch die Kosten steigen: Für Terrorschutz (Betonelemente an den Zufahrten) und Sicherheit (Patrouillen eines Sicherheitsdienstes) müssten sie immer mehr Geld ausgeben, sagt Lüscher.

Zwei Dinge hat sich das OK einfallen lassen, um die Einnahmen zu steigern: Am Jubiläumsfestival gibt es zum ersten Mal ein freiwilliges Festivalbändeli für 5 Franken und ein Programmheft.

Festivalbüro ist kein Kinderhort

Für den OK-Präsidenten ist klar: Ohne das Gauklerfestival würde Lenzburg an Renommee verlieren. «Und auch die Zentrumsgeschäfte sind froh, wenn Leute in die Altstadt kommen», sagt Lüscher. Doch er sieht auch Entwicklungen, die ihm zu denken geben: «Letztes Jahr kamen zwei Leute, die ihre Kinder bei uns im Festivalbüro abgeben wollten. Als ob wir ein Kinderhort wären!» Da wisse er nicht, was er dazu sagen solle. Und leider komme es immer wieder vor, dass über Nacht etwas zerstört werde an den Installationen, die nicht entfernt werden können.

Nach dem Jubiläumsfestival muss das OK Abschied nehmen: Andrea Hauner, die sechs Jahre lang für die Kommunikation verantwortlich war, nimmt den Hut. «Es gab oft einen Spagat zwischen Beruf und dem Engagement fürs Festival», sagt Hauner. «Jetzt freue ich mich darauf, es nächstes Jahr ganz entspannt als Gast zu geniessen.» Hauner fungiert dann noch als Back-up für ihre Nachfolgerin – eine junge Mutter, mehr sei noch nicht verraten.

Das Gauklerfestival startet am Donnerstagabend, den 16. August, mit der Künstler-Tavolata. Freitags um 18.30 Uhr beginnt das Programm auf den Bühnen, am selben Abend findet die Comedy Night mit Rosemie statt. Das Festival schliesst am Sonntag um 17 Uhr mit der Vergabe des Raiffeisen Publikumspreises an den beliebtesten Act.