Im Büro des Lenzburger Stadtammanns sticht die Sitzgruppe mit dem leuchtend grünen Samtüberzug sofort ins Auge. In diesem Raum im historischen Rathaus wird nicht nur politischen Geschäften nachgegangen, verrät Stadtammann Daniel Mosimann. Hier wird auch geheiratet. Und das wahrscheinlich öfters, wie der leicht abgewetzte Stoff an der Rückenlehne des lauschigen Zweiersofas verrät. Diesen ganz speziellen Platz bietet Mosimann auch den Medienleuten an, als er sie am frühen Morgen zum Gespräch empfängt.

Herr Mosimann, was hat Sie in den letzten Tagen besonders gefreut?

Daniel Mosimann (Überlegt). Zwei grosse Bauwerke, an denen in der vergangenen Zeit intensiv gearbeitet wurde, sind nun fertiggestellt. In meinen Augen ist es «en gfröiti Sach» geworden. Das Schulhaus Bleicherain wurde umgebaut und umfassend saniert. Nun sind die Schülerinnen und Schüler nach den Sommerferien eingezogen. Ich finde, es ist eine tolle Sache geworden und schön zu sehen, wie das Haus nun lebt. Hinzu kommt das Museum Burghalde, dessen Umbau kurz vor der Vollendung steht.

Als Bildungsminister der Stadt haben Sie die Schulstandorte umgepflügt. Auf dem Campus Lenzhard ist ein Oberstufenzentrum entstanden, im Angelrain-Areal wurde die Primarstufe konzentriert. Ihre Bilanz nach zwei Jahren?

Bis jetzt sieht es positiv aus. Die Primarschule musste bisher auf engstem Raum funktionieren. Die Konzentration der beiden Schulstufen ist gut gekommen. Das ist Zukunft. So sollte man auch andernorts arbeiten können.

Worüber haben Sie sich in den vergangenen Tagen besonders geärgert?

(Überlegt lange. Lacht). Ich kann mich an keinen besonderen Ärger erinnern.

Der Baukran-Reigen vergangener Jahre ist aus der Stadt fast verschwunden. Lenzburg hat zwei neue Quartiere erhalten («Widmi» und «Im Lenz»). Ist der Stadtammann zufrieden mit den Ergebnissen?

Ja, ich bin durchaus zufrieden. Dies unter dem Blickwinkel, dass der Stadtrat nur beschränkten Einfluss auf die Entwicklung der neuen Quartiere nehmen konnte.

Was gefällt Ihnen in der Widmi und «Im Lenz» mehr und was vielleicht etwas weniger?

Auf meinem Arbeitsweg komme ich regelmässig durch die «Widmi». Ich finde, es ist hier ein attraktives Quartier entstanden, dem der Widmipark einen schönen Charakter gegeben hat. Der Park wird genutzt. Aktuell hat die Kulturkommission einen mobilen Teegarten eingerichtet, in dem Veranstaltungen durchgeführt werden.

Der neue Stadtteil «Im Lenz» ist eine Herausforderung für Lenzburg. Dass dessen Belebung zu einer grösseren Aufgabe werden wird, war schon immer klar. Erschwerend kommt hinzu, dass es mit der Vermietung der Gewerberäume harzt. Diese sind oft im Parterre eines Gebäudes. Und wo das Erdgeschoss nicht lebt, wird die Aufgabe sofort schwieriger. Dabei dürfen wir jedoch den Aabachpark nicht vergessen, der auch zur Siedlung gehört und ein bedeutender Platz ist. Dazu muss man allerdings einen Schritt aus dem Quartier hinaus machen.

«Im Lenz» ist das erste grosse Projekt von Lenzburg unter dem Label «Energiestadt». Am Samstag kann das Quartier besichtigt werden. In den Städten Lenzburg und Aarau sind mit dem ehemaligen Hero-Standort und dem Aeschbach-Quartier zwei grosse Industrieareale in neue Stadtteile mit Parkanlagen umgebaut worden. «Im Lenz» sei das kalte Grauen, schreibt ein AZ-Leser.

Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Das eine ist ein Park und das andere ein Platz. Der Markus-Roth-Platz ist ein urbaner und auch harter Platz. Wenn man den Blickwinkel aber ändert, sieht man die grünen Finger, die vom Aabach-Park her ins Quartier greifen. Es ist uns und auch dem Arealentwickler bewusst, dass beim Markus-Roth-Platz Änderungen nötig sind, um das Ambiente zu verbessern. Der Platz muss besser gestaltet werden.

Sind bereits Ideen da, um den Markus-Roth-Platz aufzuwerten?

Ideen sind so weit da, dass man mit einem Landschaftsplaner mögliche Massnahmen besprechen will. Man darf sich allerdings keine Illusionen machen, dass dort nun grosse Eichenbäume gepflanzt werden können. Unter dem Platz befindet sich die Tiefgarage, was die Begrünungsmöglichkeiten einschränkt.

Wie sollen die Massnahmen finanziert werden?

Das wird mit dem Arealentwickler und den Investoren geklärt werden müssen. Der Stadtrat ist der Meinung, dass die Finanzierung dieser zusätzlichen Gestaltungsmassnahmen nicht Sache der Stadt Lenzburg ist.

Die Architekturstudie von 2010 sah vor, das damalige Industrieareal der Hero dem Menschen und der Natur zurückzugeben. Man hat den Eindruck, dass die Natur zu kurz gekommen ist. Von der ursprünglich geplanten Nutzung auf der Strecke geblieben ist das Hotel, auch von einem Kulturraum ist keine Rede mehr. Was davon bedauern Sie am meisten?

Drehen wir den Spiess um und sprechen darüber, was gut ist: Das Quartier bietet Wohnmöglichkeiten für alle Altersklassen bis ins hohe Alter (Seniorenzentrum Tertianum). Es hat eine Gastronomie (Brasserie Barracuda) mit viel Gestaltungsraum. Dass im Hochhaus eine Klinik für Dermatologie und plastische Chirurgie eingerichtet wurde, ist für Lenzburg eine tolle Sache. Offen ist noch, was in den Räumen der alten Spenglerei angesiedelt wird.

Also appellieren Sie an die Geduld der Bevölkerung.

Sicher. Ich finde, wir müssen dem neuen Stadtteil Zeit geben, sich zu entwickeln. Der Perimeter des neuen Quartiers ist grösser als jener der Altstadt. «Im Lenz» ist sehr schnell hochgezogen worden. Es ist utopisch, wenn man nun glaubt, dass das «Im Lenz» bereits nach dem ersten «Betriebsjahr» reibungslos funktioniert.

Haben die Investoren ihre Versprechen eingelöst?

Wenn man auf die Anfänge zurückblickt, so war vorgesehen, dass der Wohnraum je zur Hälfte aus Miet- beziehungsweise Eigentumswohnungen bestehen wird. Das hat sich geändert. Heute wird «Im Lenz» vor allem zur Miete gewohnt. Das ist auf den Entscheid der Investoren zurückzuführen, die sich dort schlussendlich engagiert haben. In unseren Augen ist diese Entwicklung kein Nachteil. Mietwohnungen lassen mehr Flexibilität zu. Wir stellen fest, dass man hier gerne eine Wohnung mietet, um in der Region anzukommen, und später weiterzieht. Dieser Trend wird sich sicher legen.

Lenzburg ist jetzt eine richtige Stadt. Mittlerweile wohnen rund 10'500 Menschen da. Lenzburg will noch weiter wachsen. Nicht nur organisch. In den Legislaturzielen bis 2021 gibt man sich offen für Fusionen. Die meisten Nachbargemeinden haben jedoch auf das Werben abgewinkt.

(Schmunzelt). Der Stadtrat möchte das nicht als schnelles Werben um Bräute verstanden wissen. Die Botschaft ist: Wir sind offen für Gespräche. In der letzten Legislaturperiode waren Fusionen gar kein Thema in der Region. Hingegen haben die Gemeinden im Bezirk mit der Gründung des Gemeindeverbands Lebensraum Lenzburg Seetal ihre Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen verstärkt. Lenzburg will nun prüfen, ob es Möglichkeiten gibt, die Zusammenarbeit noch zu vertiefen – bis hin zu einer Fusion. Lassen Sie mich dazu diese Anmerkung machen: Im ländlich geprägten Bezirk hat Lenzburg auch heute noch das wenig schmeichelnde Image der «Herren von Lenzburg». Wir wollen diesen Ruf endgültig ablegen.


Lenzburg will nun vom Bevölkerungswachstum profitieren: 2019 sollen von den natürlichen Personen fast 10 Prozent mehr Steuern in die Kasse fliessen. Wo wohnen die guten Steuerzahler?

(Lacht). Lenzburg hat viele wunderschöne Wohnlagen, in länger bestehenden und in den neuen Wohnquartieren.

Lenzburg hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Doch scheint noch mehr Entwicklungspotenzial vorhanden zu sein. Zu diesem Schluss kommt Regierungsrat Urs Hofmann. An der Podiumsdiskussion «Wirtschaft trifft Politik» im August hat er gesagt, in Lenzburg könnte man mehr machen. Was hat er damit gemeint?

Ich meine, diese Aussage von Regierungsrat Hofmann war vor allem auf das Geschäftsleben in der Altstadt gemünzt. Und da ist Lenzburg nicht ganz untätig. Der Stadtrat hat die Standortförderung des Lebensraums Lenzburg Seetal beauftragt, aktiv zu werden. Es ist uns ein grosses Anliegen, dass die beiden schon lange leer stehenden grossen Ladenräume im Herzen der Altstadt wieder belegt werden.

Mit andern Worten: Die Stadt hilft den Immobilienbesitzern dort, neue Mieter zu finden. Ist die Vermietung dieser Räume nicht einfach eine Frage der Höhe des Mietzinses?

Der Mietzins dürfte wohl ein wesentlicher Faktor sein. Wenn man zurückblickt, so wurden diese Häuser früher tatsächlich mit dem Geschäftsertrag der Läden im Erdgeschoss getragen. Heute ist das genau umgekehrt: Die Wohnungsmieten sind die Haupteinnahmequelle der Hausbesitzer. Hier müsste bei den Vermietern ein Umdenken stattfinden. Das ist leider noch nicht überall der Fall.

Wo stehen die Gesamtnutzung der Nutzungsplanung und die Revision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO)?

Das Geschäft ist derzeit beim Kanton in der Vorprüfung. Die im Frühling eingegangenen Mitwirkungsbeiträge werden nach der Prüfung einfliessen. Wir sind zuversichtlich, den festgelegten Zeitplan einhalten zu können und über die BNO 2019 abzustimmen.

Der neue Bahnhof und damit auch die Aufwertung des Bahnhofplatzes bleiben ein Sorgenkind. Der Bund hat dem Agglomerationsprogramm 3. Generation keine weiteren Mittel gesprochen. Welches sind die Konsequenzen?

Daraus sollten keine direkten Konsequenzen resultieren. Ich möchte jedoch festhalten, dass es ganz unschön ist, dass Lenzburg in diesem Aggloprogramm Gelder für den Bahnhof gestrichen werden aus Gründen, für die weder Stadt noch Kanton verantwortlich gemacht werden können. Die Probleme liegen bei den bundeseigenen Institutionen. Wir müssen nun darauf pochen, dass die Finanzierung im Aggloprogramm 4 gewährleistet wird. Die Gespräche mit Baudirektor Attiger sind im Gang.

Welches sind die Auswirkungen auf den Zeitplan für den Bahnhofumbau?

Keine. Wir gehen weiter davon aus, dass die SBB mit den Arbeiten für den neuen Bahnhof 2022 starten. Nachgelagert kommt dann das Umfeld dran, sprich der neue Bahnhofplatz. Wir sprechen hier von einem Zeithorizont bis 2028. Zuerst muss jedoch der Bahnhof als Bahnhof wieder funktionieren, bevor die Umgebungsarbeiten in Angriff genommen werden können. Wir können nicht zwei riesige Baustellen haben. Wir gehen jedoch davon aus, dass auch die SBB ein Interesse daran haben, dass der Bahnhof Lenzburg nicht allzu lange eine Baustelle ist.

Kommen wir nochmals zurück auf die Legislaturziele 2018 bis 2021. Lenzburg plant darin, seine Verwaltungsorganisation zu überprüfen in Bezug auf die Auslastung der städtischen Angestellten. Beschäftigt die Stadt Lenzburg zu viel Personal?

Nein, das ist überhaupt nicht so. Im Gegenteil. Wir haben in den Ressorts Soziale Dienste und Regionales Steueramt Handlungsbedarf. Der Einwohnerrat muss nächste Woche über eine Aufstockung des Personals befinden.

Diese Frage steht im Zusammenhang mit der Wachstumsfrage und der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden.

Die Sozialen Dienste verlangen mehr Personal (+ 295 Stellenprozente), auch das Steueramt soll aufgestockt werden (+ 80 Stellenprozente). Ist diese Forderung realistisch, nachdem im vergangenen Jahr von bürgerlicher Seite Potenzial für einen Stellenabbau von 10 bis 15 Prozent der städtischen Angestellten geortet worden war?

Diese Forderung war ein Schuss ins Blaue und überhaupt nicht fundiert. Eine fundierte Analyse wurde nun bei den Sozialen Diensten gemacht. Der Handlungsbedarf steht ausser Frage.

Also wird der Personalbestand in mittlerer Zukunft beim Arbeitgeber «Stadt Lenzburg» weiter anwachsen?

Diese Frage hängt von der weiteren Bevölkerungsentwicklung ab. In der Budgetvorlage 2019 kann man zwei gegenläufige Trends feststellen: Das Wachstum bringt gute Steuerzahler nach Lenzburg. Aber es kommen auch solche, die hilfsdürftig sind, was sich in der Arbeitsbelastung beim Sozialdienst niederschlägt. Grundsätzlich hat Lenzburg eine gute Durchmischung aller Bevölkerungsschichten, was ich begrüsse.

Wenn die Einwohnerzahl nun steigt, so nehmen auch die Ansprüche an die Stadtverwaltung zu. Deshalb ist es wichtig, dass wir in Lenzburg ein Stadtbüro einrichten – analog Aarau und Baden. Wir wollen dem Bürger einen zentralen Ort zur Verfügung stellen können, an welchem ein Grossteil seiner Anliegen direkt erledigen kann.

Im Finanzplan hat Lenzburg mittelfristig über 100 Millionen Franken für Investitionen eingestellt. Ein Drittel davon betrifft bereits laufende Projekte. Ist ein Steuerfuss von 105 Prozent am Ende dieses Prozesses noch realistisch?

Wir gehen davon aus, dass das so ist. In der jüngeren Vergangenheit haben wir bewiesen, dass es möglich ist, grössere Projekte zu realisieren, ohne den Steuersatz erhöhen zu müssen. Ich denke dabei an die Investitionen von 25 Millionen Franken in die Schulbauten auf dem Campus Lenzhard und im Angelrain-Areal.

Die Sanierung der Sportanlagen in der Wilmatten wurde in den vergangenen Jahren immer wieder hinausgeschoben. Jetzt taucht sie bereits im Budget 2019 mit einer ersten Tranche wieder auf. Hat der Fussballclub Druck gemacht?

Nein, gar nicht, es haben jedoch Gespräche stattgefunden. Der Stadtrat ist dabei der Meinung, wenn wir uns das Label «familienfreundliche Stadt» und «aktiv in der Jugendarbeit» auf die Fahne schreiben wollen, so müssen wir das auch umsetzen. Dazu gehört, dass wir dem Fussballclub einen Platz zur Verfügung stellen, auf dem er auch in Zukunft eine gute (Jugend-)Arbeit machen kann.

Der Regierungsrat hat einen neuen Mittelschulstandort zu vergeben? In Lenzburg ist es zu diesem Thema sehr ruhig.

Ich kann Ihnen sagen, dass Lenzburg mit Vertretern des Kantons zu diesem Thema in Kontakt steht. Zu gegebener Zeit werden wir uns selbstverständlich schon melden. Nur so viel: Wir sind parat.