Othmarsingen
Das Bünztalviadukt, die Brücke ins «Paradiesli»

Am Freitag ist Hochbetrieb auf der Baustelle Bünztalviadukt in Othmarsingen. Dreissig Meter über der Bünz sind acht Bauarbeiter am Werk. «Der Sonntag» hat Polier Beat Klaus einen Tag lang begleitet.

Brigitte Widmer (Text und Fotos)
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Aus dem einen Bünztalviadukt entsteht eine Zwillingsbrücke. Die Instandsetzung und Verbreiterung der alten Brücke wäre zu teuer gewesen.

Aus dem einen Bünztalviadukt entsteht eine Zwillingsbrücke. Die Instandsetzung und Verbreiterung der alten Brücke wäre zu teuer gewesen.

Brigitte Widmer

4.00 Uhr: Beat Klaus wacht in seinem gemieteten Zimmer in Au auf. Eine Stunde später öffnete der Polier das Baustellentor. Sein Büro steht unter dem Viadukt im Containerpark. Auf dem Pult liegen Baupläne. An den Wänden hängen Fotos seiner letzten Baustellen. Die Wasserkraftwerke Rheinfelden und Baden Kappelerhof. Mit Stolz berichtet er von den ehemaligen Arbeitsorten. Das Erzählte erinnert an Männer, die aus ihrer Militärzeit und den Kameraden berichten.

5.15 Uhr: Die ersten Arbeiter treffen ein. Beat Klaus fixiert den Tagesablauf, lässt Revue passieren, was war, und studiert, was der Tag bringen wird. Mit wachem Blick geht der Polier durch die Baustelle. Er trägt ein weisses T-Shirt und leuchtend orangefarbene Latzhosen. Die dunklen Haare sind kurz geschnitten, seine Augen leicht zugekniffen. Markant sind die grossen Hände. Unaufgeregt unterhält sich Beat Klaus mit den Arbeitern. Bewusst tritt er nur selten energisch auf. «Es bringt nichts, wenn die Arbeiter meinen inneren Druck betreffend Zeit und Qualität spüren.»

Polier Beat Klaus

Polier Beat Klaus

Brigitte Widmer

Über die 111 Stufen der provisorischen Treppe erreicht der Polier den Viadukt. Täglich steigt er ein halbes Dutzend Mal hinauf und ab. Oben angekommen kontrolliert er den Baustellenabschnitt, dort, wo heute betoniert wird. Trittsicher steigt er über die geflochtenen Quadrate der Armierungseisen, wo später der Beton hineinläuft. Für diese Etappe bestellte er rund 120 Kubik Beton. Ungefähr das Gewicht von einhundert ausgewachsenen Elefanten.

Alle paar Schritte greift er zum Klappmeter, öffnet ihn und misst die Tiefe der Geflechte. Dann hebt er den Kopf, kneift die Augen zusammen und schaut eine Weile konzentriert zum Himmel über Othmarsingen. Er senkt das Gesicht und notiert etwas ins kleine rote Buch.

9.00 Uhr: Eine Viertelstunde Znünipause. Der Unterbruch ist nicht in Stein gemeisselt. Betonieren ist wichtiger als die Rast. Die Kranführer bleiben während der Pause oben. Auf- und Abstieg würden zu lange dauern. Einzelne essen «Eingeklemmte» oder Früchte, andere wärmen ihr Znüni in der Mikrowelle: Spaghetti mit Sauce. Die Leute sitzen nach Nationalitäten oder Firmenweise unten im Containerpark zusammen. Gesprochen wird wenig.

Betonieren auf der Baustelle 30 Meter über Boden.

Betonieren auf der Baustelle 30 Meter über Boden.

Brigitte Widmer

Seit August 2011 arbeitet Beat Klaus auf dieser Baustelle. Der Viadukt befindet sich im rund 9,5 Kilometer langen Abschnitt von Lenzburg bis Birrfeld. Die Brücke wird komplett abgerissen und neu gebaut, ohne dass die Autobahn gesperrt werden muss. Während der Bauarbeiten stehen immer vier Fahrstreifen zur Verfügung. Eine besondere Herausforderung bei dieser Baustelle ist weniger die Höhe, als vielmehr die Enge. Für die beiden Kranführer stellen die SBB-Fahrleitung, eine 380kV-Hochspannungsleitung, eine Gasleitung und das darunter liegende Auenschutzgebiet weitere Anforderungen. Der Schwenkarm des Krans darf keine Ladung über den rollenden Verkehr heben. Später, beim Bau der hinteren neuen Brücke, wird die vordere Brücke zum Schutz überdacht. Der 275 Meter lange Viadukt verbindet die Gebiete vom Bahnhof Othmarsingen mit dem «Paradiesli». Die kleine Lichtung mit dem himmlischen Namen liegt nahe dem Armeefahrzeugpark. Sie ist bekannt für den herrlichen Panoramablick übers Dorf bis zur Rigi. Immer mehr wird die Idylle durch den Lärm von Zug-, Auto- und Lastwagenverkehr getrübt. «Ich führe die Arbeit von den Plänen in die Realität», fasst Beat Klaus seine Aufgabe zusammen. Ein Mädchen für alles. Oder anders gesagt, er ist überall dort, wos brennt. Wichtiges Utensil ist sein Funkgerät. Er trägt es in der linken Hosenbeintasche. Acht Geräte sind zwischen Kranführer, den beiden Polieren und einigen Arbeitern im Einsatz. Aus dem Gerät kommt dauerndes Gebrummel und Geknatter. Immer wieder unterbricht Beat Klaus seine Arbeit und greift blitzschnell zum Gerät. Er hört an der Stimme der Arbeiter, ob etwas dringend ist. Seine Kommandos sind kurz, knapp, aber nie unhöflich. Die Funksprache ist italienisch, obwohl sich praktisch kein Italiener auf der Baustelle befindet. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als nahezu alle Bauarbeiter Italiener waren. Die Portugiesen, Spanier oder Arbeiter aus dem Balkan haben diese Bausprache übernommen.

12.00 Uhr: Mittagspause. Jeder bringt sein Essen selber mit. Danach wird Karten gespielt. Nach einer Dreiviertelstunde geht jeder Arbeiter zurück an seinen Platz. Am Nachmittag gibt es keine Pause mehr.

Auf einem Bauernhof im sankt-gallischen Zuckenried ist Beat Klaus aufgewachsen. Im selben Dorf hat er seine Maurerlehre absolviert. Er ist ein ruhiger Typ. «Yoga, das macht meine Freundin», schmunzelt er. Selber lässt er Dampf beim Fussballspielen ab. Das Geerdete habe er von den Eltern mitbekommen. Eltern, Kollegen und Freundin besuchen die grösseren Baustellen mindestens einmal. Das Interesse freut ihn.

13.30 Uhr: Der Polier bemerkt, dass kein Laster mit Beton unter dem Viadukt steht. Schlecht – die Leute auf der Brücke können nicht weiterarbeiten. Sofort erkundigt er sich, wo das Material bleibt. Er misst ein letztes Mal und rechnet den nötigen Betonverbrauch aus. Bald ist das Wochenziel erreicht. Wieder eine Etappe betoniert. Eine Platte, das sind 22 bis 25 Meter. Jeder Arbeiter weiss: Gearbeitet wird, bis das Tagesziel erreicht ist.

Beim Betonieren ist Beat Klaus immer wie auf Nadeln. Hält die Schalung? Funktionieren alle technischen Geräte? Gibt es personelle Ausfälle? «Beton kann nicht warten, er trocknet und wir müssen handeln, was immer los ist», erklärt er. Hat er ein ungutes Gefühl, versucht er sich noch besser zu konzentrieren. Es ist nicht die Angst um sich selbst, sondern um die Arbeitskollegen, die ihn begleitet. Vor kurzem wurde einem Arbeiter ein Finger abgerissen. «Bei der Sicherheit muss man immer dranbleiben.» Manchmal sei es ermüdend, die Leute wiederholt zurechtzu*weisen.

14.45 Uhr: Es kommt ein Anruf vom Betonwerk. Sie fragen ein letztes Mal an, wie viel Material er noch benötige. Je nachdem, wie Beat Klaus jetzt reagiert, verschiebt sich der Feierabend der Arbeiter. Er ist ein Jongleur. Jede Gruppe, jedes Bauteil muss zu seinem Material kommen, und zwar zum richtigen Zeitpunkt. Der Polier ist verpflichtet, die Leute richtig einzusetzen und zu reagieren, bevor das Material ausgeht.

Das Bauprojekt

Erneuerung des Autobahn-Abschnitts Lenzburg-Birrfeld (A1 )- rund 9,5 Kilometer. Hauptbestandteile: Erneuerung des Belages; Neubau der Halbüberdeckung Lenzburg; Verbreiterung des Aabachviadukts; Ersatz des Bünztalviadukts; Lärmschutzmassnahmen.

Die Kosten belaufen sich auf total 210 Mio. Franken, davon entfallen 36 Mio. Franken aus das Bünztalviadukt.

Am Schluss des Tages wird der frische Beton mit Plastik abgedeckt. Übers Wochenende wird der Abschnitt trocknen. Am Montagmorgen kann mit Werkmaschinen über den Abschnitt gefahren werden. Der Schalwagen wird dann mit dem Habegger, eine Art Mehrzweckzug, über geschmierte Teflonplatten zum nächsten Teilabschnitt gezogen. Vergleichbar einer gefetteten Bratpfanne.

16.45 Uhr: Feierabend. Heute keine Überstunden. Zehn Minuten später sind alle weg. Beat Klaus wird noch eine Weile im Büro arbeiten. Dann schliesst er das Tor und geht. Am nächsten Tag wird er den Eltern helfen, das Heu einzubringen.

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