Schafisheim

Das Auto ist auch eine Psychiater-Couch

Rolls-Royce- und Bentley-Besitzer liessen ihre Schmuckstücke beim Strassenverkehrsamt in Schafisheim prüfen. Zwei Mechaniker wurden dafür extra aus England eingeflogen.

Da stehen sie. Aufgereiht in schlichter Schönheit, bereit für die Kontrolle, und erzählen Geschichten. Nicht nur ihre eigenen. Auch die Geschichten ihrer Besitzer. «Oft», so sagt Benno Müller, «hat alles als Bubentraum begonnen.» Man hat den Rolls-Royce oder den Bentley gesehen und gewusst, irgendwann einmal will man auch einen solchen Wagen sein Eigen nennen dürfen.

Benno Müller ist Präsident des Rolls-Royce Enthusiasts’ Club. Dieser zählt rund 640 Mitglieder und ist damit der zweitgrösste Automobilclub der Schweiz. 1050 Rolls-Royce und Bentley-Modelle sind über den Club registriert. Einmal im Jahr treffen sich die interessierten Mitglieder beim Strassenverkehrsamt in Schafisheim im Areal der Motorfahrzeugkontrolle zur Wartung, dem sogenannten Greasy Fingers Day oder auf Deutsch, dem fettigen Finger Tag. Am vergangenen Samstag war es wieder so weit.

Fettige Finger gab es insbesondere für die spezialisierten Mechaniker, welche die oft kostbaren Fahrzeuge unter die Lupe nahmen. Die Spezialisten können, so Benno Müller, «den Besitzern zeigen, wie sie ihren Rolls-Royce oder ihren Bentley optimieren können, und ihnen erklären, worauf sie in Zukunft Acht geben müssen.»

Mit Vorurteilen aufräumen

Zwei der Mechaniker wurden dafür extra aus England eingeflogen. Steve Lovatt aus Nottingham ist leitendes Mitglied des Rolls-Royce Enthusiasts’ Club in England. Er fliegt seit Jahren für die Inspektion in die Schweiz und erzählt, wie glücklich er sich schätzt, dass er sein Hobby, nämlich das Interesse für die technischen Finessen des Rolls-Royce, zu seinem Beruf machen konnte.

Diese Technikbegeisterung teilen auch viele der Besitzer, die es nach Schafisheim lockte. Begeistert begutachten sie miteinander die rund 50 Modelle, die in beim Strassenverkehrsamt versammelt sind, und frönen ihrer «Freude am Schönen», wie es Hugo Werren ausdrückt, der mit seinem Rolls-Royce Silver Spirit, Baujahr 1982, den Weg nach Schafisheim gefunden hat.

Wie eigentlich jede Interessengemeinschaft haben auch die Rolls-Royce Liebhaber mit Vorurteilen zu kämpfen. Ihre Autos seien Statussymbole, Ausdruck von Dekadenz und sie selbst sowieso einfach nur unverschämt reich. Diese Haltung revidiert Benno Müller grundsätzlich. Der grösste Teil der Besitzer stamme aus der Mittelschicht. Und Müller deutet augenzwinkernd auch den Symbolgehalt ganz anders. Mit einem Rolls-Royce, so sagt er, spare man sich den Gang zum Psychiater. «Wenn es mal schlecht läuft, setzt man sich ins Auto und macht eine Ausfahrt.» Das hebe die Stimmung augenblicklich.

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