Seengen

«Das Amt ist wichtig, nicht die Person»

Die Ende Jahr aus dem Amt scheidende Frau Gemeindeammann Nelli Ulmi vor dem Schloss Hallwyl in Seengen. Annika Bütschi

Die Ende Jahr aus dem Amt scheidende Frau Gemeindeammann Nelli Ulmi vor dem Schloss Hallwyl in Seengen. Annika Bütschi

Nelli Ulmi tritt nach 16 Jahren im Gemeinderat und nach 8 Jahren als Gemeindeammann zurück. Sie blickt auf eine ereignisreiche Zeit zurück und will die neu gewonnene Freizeit in Zukunft «sinnvoll ausnützen».

Der Notizblock ist zugeklappt. Da kommt beim In-den-Mantel-Schlüpfen doch noch eine spezielle Erinnerung hoch.

«Früher», so erinnert sich Nelli Ulmi an die Zeit, als sie noch nicht Gemeindeammann war, «fanden die letzten Gemeinderatssitzungen einer Amtsperiode in einem speziellen Rahmen statt:

Begonnen hat man unter meinem Vorgänger Hans Sandmeier mit einem gemeinsamen Mittagessen, dann gabs die Sitzung und fertig wars erst um Mitternacht – oder noch später.»

Viel hat sich seither verändert. Nelli Ulmi wurde vor 16 Jahren in den Seenger Gemeinderat gewählt, rückte vier Jahre später zum Vizeammann auf und agierte die letzten acht Jahre als erste Frau Gemeindeammann der Dorfgeschichte.

Persönlicher Kontakt wichtig

Während ihrer 16 Amtsjahre in der örtlichen Exekutive hat Nelli Ulmi an 568 Gemeinderatssitzungen teilgenommen; unzählige Geschäfte, wichtige und weniger wichtige, hat sie in dieser Phase mitgeprägt und mitgetragen.

Inzwischen hat sich die Kadenz der regulären Sitzungen von einer auf zwei Wochen verdoppelt, «was ich persönlich schade gefunden habe», wie sie im Rückblick festhält. Der Kontakt – der persönliche, nicht jener über den Mail-Account – ist Ulmi wichtig.

Doch dem Zeitgeist kann sich heute selbst in der Kommunalpolitik niemand verschliessen. Absenzen an Gemeinderatssitzungen gab es früher seltener.

Diese Erkenntnis Ulmis gipfelt in der Feststellung: «Heute schaut man das Amt als Gemeinderat vermehrt als Job an; früher betrachtete man dies eher als Berufung.»

Die lange Leine

Dieser Satz kommt ohne Bitterkeit. Das Rad der Zeit kann ein Ammann nicht anhalten. «Nelli Ulmi war das Antriebsrad der Seenger Uhr», zog Vizeammann Matthias Häusermann bei der Laudatio an der letzten Gemeindeversammlung einen Vergleich.

Bei gleicher Gelegenheit erinnerte er an die «angenehme Zeit» und erwähnte «die lange Leine» als Führungsmittel der nun zurücktretenden Frau Gemeindeammann.

«Diese Bezeichnung stimmt sicher», hält Ulmi selbst fest: «Gemeinderäte sind erwachsene, entscheidungskompetente Leute.»

Auch die Gemeindeangestellten schätzten den von einer inneren Herzlichkeit geprägten Umgang: «Nelli Ulmi war eine zuvorkommende, verständnisvolle Chefin», sagt Gemeindeschreiber Hans Schlatter, stellvertretend für das ganze Gemeindepersonal.

Dass, wo nötig, auch durchgegriffen werden konnte, deutet Häusermanns Bemerkung von der «langen Geissel» an. Die Demissionärin kann sich kaum an entsprechende Fälle erinnern und hält allgemein fest: «Ich weiss nicht, wie mich die andern von aussen sehen.»

Immer bescheiden geblieben

Eine weitere Charakterisierung durch den Vize vor versammeltem Stimmvolk betrifft eine zentrale Eigenschaft: «Nelli Ulmi ist immer bescheiden geblieben.»

Dieser Zug prägt das Revue-passieren-Lassen der langen Zeit im Dienste der Gemeinde und insbesondere die letzten acht Jahre als Ammann: «Das Amt ist wichtig, nicht die Person.»

Nahezu folgerichtig bleibt nicht ein spezielles politisches Traktandum, wie etwa der MZH-Umbau oder das eben beschlossene Alterszentrum, besonders nachhaltig in Erinnerung, sondern «die Fülle des Ganzen», die breite Palette von Geschäften und Kontakten: «Der Austausch mit den verschiedensten Leuten wird mir künftig am meisten fehlen.»

Wenn ein spezielles Ereignis hervorgehoben werden soll, ist es der Seenger Auftritt in der Fernsehsendung «Donnschtig-Jass», bei dem Ulmi 2003 als Vizeammann das örtliche Organisationskomitee präsidieren durfte.

Keine Luftschlösser

Auch auf politischer Ebene verstand sich Nelli Ulmi als Dienstleisterin zugunsten der Gemeinschaft. Deshalb hat sie sich keine konkreten Ziele für ihre Amtszeit gesteckt. Das Zählen von Spatenstichen oder Einweihungen ist nicht ihr Ding. Sie liess sich leiten vom Tagesgeschäft, erledigte topseriös, was anfiel.

Das Bauen von Luftschlössern überliess Nelli Ulmi andern. Das Avisieren von konkreten Zielen sei oft «illusorisch»: «Visionen sind nicht unbedingt mein Ding. Sie sind oft in der Nähe von Utopien. Und dafür bin ich zu sehr Realist.»

Wichtig ist für Nelli Ulmi das gute Einvernehmen und Zusammenwirken mit den Nachbargemeinden. Als der Gemeinderat sich gegen ein Mitmachen im «Lebensraum Lenzburg Seetal» aussprach, habe man «bewusst riskiert, dass andere auf Seengen zeigen»: Das Anmelden von Vorbehalten beurteilt Ulmi immer noch als wichtig und richtig.

Als eine der grössten Herausforderungen für die Nachfolger erachtet die scheidende Frau Gemeindeammann die Erhaltung des starken Schulstandortes: «Da haben wir sicher gute Karten», ist sie überzeugt.

«Offen für Neues»

Selbst betrachtet die 63-Jährige künftig das Geschehen von aussen. Nelli Ulmi freut sich, ab Januar wieder mehr Zeit zu haben: «Das Privatleben hat am meisten gelitten. Das Umfeld musste am meisten Rücksicht nehmen.»

Nun, nicht mehr eingezwängt in die extern bestimmten Termine, ist Nelli Ulmi «offen für Neues». Bewusst habe sie noch keine konkreten Pläne gemacht, wolle jedoch «die Zeit sinnvoll ausnützen»: «Mein Interessenspektrum ist breit.»

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